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Das Rätsel Naomi Osaka

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Von: Jörg Allmeroth

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Auf dem Laufsteg in New York: Naomi Osaka.
Auf dem Laufsteg in New York: Naomi Osaka. © Imago

Die bestverdienende Sportlerin der Welt ist womöglich keine Sportlerin mehr. In der Tennis-Weltrangliste stürzt die Japanerin ab, als Geschäftsfrau startet sie durch

Als Ende Dezember die Liste der bestverdienenden Sportlerinnen der Welt vom Businessmagazin „Forbes“ veröffentlicht wurde, stand Naomi Osaka für das Jahr 2022 wieder zuverlässig auf Platz eins – so wie auch schon in den beiden Jahren zuvor, 2020 und 2021. Beim genaueren Hinsehen fiel allerdings schon ein gewisses Missverhältnis auf. 50 der 51,1 Millionen Dollar stammten von Sponsoreneinnahmen, der Rest kam von den eher spärlichen Engagements auf den Centre Courts.

In Australien nicht am Start

Osaka war tatsächlich auch schon einmal die Nummer eins der Tennis-Weltrangliste, es ist schon eine Weile her. Inzwischen bestimmen längst andere den Takt und den Rhythmus an der Spitze, die Polin Iga Swiatek etwa. Oder auch Ons Jabeur, die tunesische Überraschungsfrau der vergangenen Saison. Gut eine Woche vor dem Beginn der Australian Open 2023 ist nun auch klar, dass von einer großen Aufholjagd Osakas vorerst nicht die Rede sein wird. Denn beim ersten Major-Wettbewerb der neuen Saison wird die Japanerin nicht am Start sein, ihre offizielle Absage ist alles andere als eine Sensation, sondern eher die letzte Gewissheit nach Wochen des Verwirrspiels um ihren Status und sogar ihren Aufenthaltsort.

Insider berichten, dass die Topmanager des Grand Slam-Turniers alle Mühe gehabt hätten, Osakas Verbleib und ihr eventuelles Mitwirken an dem Major-Wettbewerb zu klären. Wer Osakas Auftritt in den sozialen Medien betrachtet, vor allem beim Bunte-Bilder-Kanal Instagram, fühlt sich ohnehin eher an eine digitale Modenschau oder an ein ständiges Reiseabenteuer erinnert. Tennis spielt eher eine Nebenrolle. Zuletzt tauchte die 25-jährige mit ihrem Rapper-Freund Cordae in Paris auf, posierte kunstbeflissen vor dem Louvre und der Mona Lisa. Auch bei Basketballspielen wurde sie gesichtet. Einmal zeigten sie Bilder beim Besuch einer Late-Night-Show in ihrer amerikanischen Wahlheimat, um ein frisch erschienenes, von ihr produziertes Comic-Buch für Kinder zu promoten – sinniger Titel: „The Way Champions play.“

Viele im Tenniszirkus, aber auch viele ihrer Fans stellen sich immer öfter die Frage, ob Osaka noch als professionelle Akteurin zu betrachten sei. Nach zwei längeren Auszeiten im Jahr 2021 wegen Angststörungen und Depressionen hatte es Osaka bei Comebackanläufen nie mehr so richtig geschafft, in die Gipfelregionen ihres Sports vorzustoßen. Das einzig hervorstechende Resultat in der vergangenen Saison war der Finalvorstoß in Miami, dort verlor sie dann allerdings chancenlos mit 4:6 und 0:6 gegen die aktuelle Branchenführerin Swiatek.

Seit Mai 2022 hat Osaka nur noch ein Match gewonnen, das regulär zu Ende ging. Bei den Grand Slams in Paris und New York verlor sie in der ersten Runde, der letzte öffentliche Auftritt als Tennisspielerin – mutmaßlich den japanischen Großsponsoren geschuldet – datiert zurück zu den Pan Pacific Open in Tokio Mitte September.

Dort zog sich Osaka vor dem Achtelfinalmatch gegen die Brasilianerin Beatriz Haddad Maria verletzt zurück. In der Weltrangliste war Osaka im Frühjahr 2022 schon einmal bis auf Platz 85 abgerutscht, gegenwärtig rangiert sie auf Platz 42.

Als Osaka 2018 die US Open in einem denkwürdigen Finale gegen Serena Williams gewann, schien ihr die ganze Tenniswelt offen zu stehen. Drei weitere Grand Slam-Triumphe folgten, zuletzt bei den Australian Open 2021. Auf der Höhe ihrer Kunst war sie bei weitem die eindrucksvollste Hartplatzspielerin der Welt, eine Osaka-Ära im Tennis schien nicht ausgeschlossen. Wie andere Superstars vor ihr fremdelte sie allerdings mit den Begleiterscheinungen des Ruhms, mit der ständigen öffentlichen Beobachtung und Vereinnahmung. Sie machte ihre psychische Labilität und Verletztlichkeit zum öffentlichen Thema, ihre Ängste, Zweifel. Es war eine dauernde Berg-und-Talfahrt, auf und neben dem Centre Court.

Eigene Firma gegründet

Umtriebig präsentierte sich Osaka zuletzt noch ehesten fern der Tennis-Karawane. Gemeinsam mit ihrem cleveren Manager Stuart Duguid gründete sie eine eigene Agentur namens Evolve und verpflichtete neben dem australischen Bad Boy Nick Kyrgios jüngst auch Jabeur, die vorjährige Wimbledon-Finalistin. Auch an einer Hautpflege-Firma (Kinlo) beteiligte sich die Japanerin. Ihr Geschäftsbesorger Duguid verkündete zwar noch regelmäßig, Osakas Fokus liege nach wie vor auf „dem Gewinnen von Tennismatches“. Zugleich prophezeite er, dass Osakas kleines Firmenimperium künftig bis zu 150 Millionen Dollar jährlich einnehmen könne. Auch ohne Siege auf dem Centre Court, auf den sie am Ende womöglich nie mehr zurückkehren wird.

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