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Silber und doch gewonnen: Saeid Mollaei. Foto: AFP
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Silber und doch gewonnen: Saeid Mollaei.

Happyend im Judo

Das Märchen aus der Nippon Budokan

  • VonMichael Wilkening
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Saeid Mollaei, der für die Mongolei startet und in Deutschland lebt, hat das Judo-Finale um Gold zwar verloren, aber als freier Mann viel mehr gewonnen.

Die stärkste Geste und die eindrucksvollste Botschaft zeigte Saeid Mollaei am Ende eines langen Tages, unmittelbar nachdem sein Gold-Traum zerplatzt war. Nach der Finalniederlage gegen Takanori Nagase und der beim Judo üblichen Verbeugung vor dem Gegner nahm der 26-Jährige den Arm des Japaners und reckte ihn in die Höhe. „Hier ist der Gewinner“, sollte diese Geste wohl bedeuten. Nagase erwiderte die Geste, nahm den Arm von Mollai und streckte ihn dem Hallendach entgegen. Beim Olympischen Judo-Turnier in der Klasse bis 81 Kilogramm gab es später bei der Siegerehrung nur eine Goldmedaille, aber zwei Athleten hatten einen großen Sieg errungen.

„Saeid Mollaei ist eine Inspiration für unseren Sport“, sagte Nagase später. Nicht nur der frisch gebackene Olympiasieger verbeugte sich verbal tief vor seinem unterlegenen Gegner, die Volunteers in der Halle schenkten dem gebürtigen Iraner ebenso viel Aufmerksamkeit wie dem Helden aus der eigenen Heimat. Er genießt in Japan, dem Mutterland des Judosports, eine enorme Popularität – nicht nur wegen seines Könnens auf der Matte. Vor zwei Jahren hatte für Mollaei in Tokio ein Alptraum begonnen. Er hatte gegen eine Ungerechtigkeit aufbegehrt und dadurch sein Leben in Gefahr gebracht. Seither ist jeder Haltegriff auf der Judomatte, jeder Hüftwurf oder jede Hebeltechnik ein Versuch, seinem Leben zurück in die Normalität zu führen. Mit der Silbermedaille um den Hals sind die Probleme nicht überwunden, aber sie kann Hoffnung spenden. „Das ist für alle, die mich in der schweren Zeit unterstützt haben“, sagte Mollaei.

Zuvor hatte er sich in der „Nippon Budokan“, der weltweit traditionsreichsten Judo-Halle, gelegen in unmittelbarer Nähe zum japanischen Kaiserpalast, an jenem Ort auf den finalen Kampf des Tages vorbereitet, an dem knapp zwei Jahre zuvor sein Leben erschüttert worden war. Ein Vorbereitungsraum, der an diesem Dienstag mit den Olympischen Ringen beklebt war, war der Schauplatz jener Momente, die sein Leben auf den Kopf stellten. Vor dem Halbfinale der Weltmeisterschaft 2019 war er als Titelverteidiger von iranischen Funktionären bedrängt worden. Es wurde laut, die Emotionen auf beiden Seiten aufgeladener, die Gesten eindeutig. „Das haben damals alle mitbekommen“, erzählt Hartmut Paulat, Sportdirektor des Deutschen Judo-Bundes. Mollaei sollte seinen nächsten Kampf gegen einen Belgier absichtlich verlieren, um einem Finale gegen den Israeli Sagi Muki aus dem Weg zu gehen. Der Iran gibt seinen Sportlern seit Jahren vor, Wettkämpfe mit israelischen Athleten zu boykottieren. Der iranische Verband wurde Ende 2019 nach den Vorkommnissen in Tokio für vier Jahre von Judo-Wettkämpfen ausgeschlossen.

Training in Heidelberg

Judoka Mollaei wehrte sich gegen die „Anordnung“, verlor anschließend aber auf sportlichem Weg. Als der Disput öffentlich wurde und Drohungen gegen den Sportler an Schärfe zunahmen, entschloss er sich, seine Heimat zu verlassen. Seine Flucht führte Mollaei nach Deutschland in die Nähe von Heidelberg zu seiner deutschen Freundin. Mit ihr lebt er immer noch zusammen, inzwischen hat das Paar ein Kind. Eine unbelastete familiäre Idylle gibt es aber nicht. Zwei Jahre nach der Flucht aus dem Iran steht Mollaei weiterhin mit dem deutschen Verfassungsschutz in Kontakt. Der begleitet ihn, weil es Hinweise gibt, dass seine Familie und er selbst gefährdet sind. Der genaue Wohnort in Deutschland soll nicht bekannt werden.

Es gab eine Initiative des deutschen Verbandes, Mollaei einzubürgern, doch dazu kam es nicht. „Ich würde sagen, die Mongolei war schneller als unsere Bürokratie“, erzählt DJB-Sportdirektor Paulat. Im Umfeld des Judoka aus dem Iran wird berichtet, dass der Iran sanften Druck ausgeübt habe, um eine Einbürgerung des „Staatsfeindes“ in Deutschland zu verhindern. Jetzt tritt Mollaei für die Mongolei an, kann sich aber zusätzlich auf die Unterstützung in der neuen Heimat verlassen. Der DJB ermöglichte es Mollaei, an Lehrgängen der deutschen Nationalmannschaft teilzunehmen, erst zur finalen Vorbereitung auf die Spiele in Japan trennten sich die Wege. Bei einem Judo-Klub in Mannheim fand er eine sportliche Heimat, am Olympiastützpunkt in Heidelberg trainierte er regelmäßig.

Auf den Matten in der „Nippon Budokan“ zeigte er sich und der Welt, dass es sich lohnen kann, gegen eine Ungerechtigkeit aufzubegehren. Nach einem durchwachsenen Start in den Tag steigerte sich der 26-Jährige von Kampf zu Kampf und schnupperte auch im Finale an einem weiteren Sieg. Es fehlte nur eine Kleinigkeit, um die skurrile Geschichte von der Rückkehr an den Ort seiner Pein perfekt zu beenden.

„Es sind üble Dinge passiert, ich habe mein Land verloren und ich hatte mich noch nicht von diesem Ort hier verabschiedet“, sagte Mollaei. „Aber heute habe ich gezeigt, was ein freier Mensch erreichen kann, jenseits aller Politik.“ Das verpasste Gold konnte seinen Stolz und die Freude nicht trüben. Der gebürtige Iraner, der in Deutschland lebt und für die Mongolei startet, war ergriffen, glücklich und freundlich. „Haben Sie einen schönen Abend“, sagte er zum Abschied und verbeugte sich.

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