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Das kleine Mainz 05 und die große Weltpolitik

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Von: Jan Christian Müller

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Herbst 2021: Newcastle-Fans bejubeln den Einstieg des stinkreichen Investors aus Saudi-Arabien.
Herbst 2021: Newcastle-Fans bejubeln den Einstieg des stinkreichen Investors aus Saudi-Arabien. Imago Images © Imago

Der Fußball-Bundesligist ist wegen eines vereinbarten Testspiels gegen den Saudi-Klub Newcastle United von seinen Fans schwer kritisiert worden: Die Partie sei mit den Werten des Vereins nicht vereinbar.

Mainz 05 hat auf Kritik an der geplanten Austragung eines Testspiels gegen den von Saudi-Arabien beherrschten Premier League-Klub Newcastle United über mehrere Tage hinweg nicht reagiert. Offenbar wurde hinter den Kulissen gerungen. So sehr womöglich, dass der Klub nicht imstande war, sich klar zu äußern.

Es dauerte mehr als drei Jahre, ehe sich die Nullfünfer im März vergangenen Jahres in der Mitgliederversammlung auf ein Leitbild unter der Überschrift „Der Mainzer Weg“ verständigen konnten. Seitdem ist klar: Mainz 05 will ein Verein mit ausgeprägtem Wertebewusstsein sein, gesellschaftliche Verantwortung ganzheitlich vorleben sowie Haltung und Rückgrat bewahren.

Das sind schöne Worte, die auf Betreiben einer engagierten Fanabteilung nach Austausch mit allen Gremien niedergeschrieben worden sind. Im Leitbild heißt es aber auch, die gesamte Organisation im Klub sei darauf ausgerichtet, professionellen Fußball auf höchstem Niveau zu präsentieren. „Fußball steht im Mittelpunkt.“

Das eine Ziel kann dem anderen mitunter entgegenstehen. Für Mainz 05 ist das gerade deutlich geworden. Über eine Agentur hatte der Klub für den 18. Juli ein Testspiel gegen Newcastle United in Kufstein fixgemacht. Sportlich ist das ein Gegner, der einer professionellen Vorbereitung im Rahmen des Trainingslagers am Chiemsee dienlich ist.

Es handelt sich bei dem Team aus dem Norden des Königsreichs aber auch um jenen Klub, der im November 2021 mehrheitlich vom Staatsfonds Saudi-Arabiens übernommen worden ist. Jenem Land, in dessen Istanbuler Botschaft der kritische Journalist Jamal Khashoggi im Oktober 2018 ermordet und zerstückelt wurde. Jenem Land, in dem an einem Tag im März 2022 81 Menschen hingerichtet wurden.

Zuletzt war zudem bekannt geworden, dass die neuen Auswärtstrikots von Newcastle United in den Nationalfarben von Saudi-Arabien gehalten sind.

Wie also verhält es sich bei Mainz 05, wenn die wohlfeilen Worte der Werteorientierung im Leitbild an der harten Realität bemessen werden? Das war die große Frage, die die Chefetage um Sportvorstand Christian Heidel und den im Urlaub auf Mallorca weilenden Vorsitzenden Stefan Hofmann in den vergangenen Tagen zu klären hatte, nachdem den Bossen die sportpolitische Tragweite und Wucht des geplanten Testspiels nach und nach klar geworden war.

Am Mittwochnachmittag hatte Mainz 05 erstmals über die Begegnung gegen Newcastle informiert. Am Donnerstag lehnte der Klub eine Stellungnahme dazu ab. Auch am Freitag und Samstag gab es keine offizielle Rückmeldung der Vereinsführung. Fragen der Frankfurter Rundschau blieben auch bis Sonntagabend unbeantwortet. Da hatte sich Alex Schulz, der Leiter der 05-Fanabteilung, auf Anfrage der „Allgemeinen Zeitung“ längst zu Wort gemeldet. Er wünsche sich, „dass mein Verein solche Fehler vorher erkennt“ und „Kritik anerkennt“. Es sei „ganz klar: Die Werte Saudi-Arabiens stehen konträr zu unserem Leitbild, das wir leben und vorleben wollen.“

Die Mainzer Journalistin und Bloggerin Mara Pfeiffer schrieb in ihrer Kolumne: „Dieses angekündigte Testspiel konterkariert wirklich alles, wofür der Verein steht. Da hilft nur eins: absagen.“

Dieser Forderung schlossen sich am Samstag auch die Supporters Mainz als Vereinigung der aktiven 05-Fans an. In einem offenen Brief forderten sie den Verein auf: „Zeigt Haltung! Lest Euer Leitbild! Sagt das Spiel gegen Newcastle United ab!“ Denn von diesem Spiel gehe „das Signal aus, dass die Werte des Leitbildes nicht verbindlich sind, wenn es um die Wahl von Gegnern für Test- oder Freundschaftsspiele geht“. Laut Supporters Mainz sei „Newcastle United nicht nur ein Fußballklub, sondern ein Vehikel zur Durchsetzung der Interessen eines Regimes, das die Menschenrechte mit Füßen tritt und dessen Politik den Werten und dem Leitbild von Mainz 05 diametral entgegensteht“.

Das 05-Leitbild war vor allem vom damaligen Marketingdirektor Michael Welling mit vorangetrieben worden, in einer Zeit, als der zu Weihnachten 2020 auf erfolgreiche Rettungsmission zurückgekehrte Christian Heidel bei Mainz 05 noch nicht wieder in der Verantwortung stand. Welling ist mittlerweile zum VfL Osnabrück abgewandert, Sein Erbe ist geblieben.

Cheftrainer Bo Svensson äußerte sich nach dem Testspiel der Nullfünfer am Samstag gegen Wormatia Worms (4:0) zum sensiblen Thema: Aus dem Blickwinkel eines Trainer sei „klar, dass Newcastle sportlich sehr reizvoll war. Und da habe ich zugestimmt, dass es ein sehr guter Test für uns wäre.“ Die Kritik könne er nur in Teilen nachvollziehen. Denn: „Die Menschen, die finden, dass wir das Spiel nicht machen sollen, müssen auch gucken, wo diese Investmentfirmen sonst noch drin sind.“ Damit spielte der Däne beispielsweise auf Beteiligungen des schwergewichtigen saudischen Staatsfonds am Disney-Konzern an. Svensson fragt rhetorisch: „Verzichten die dann auch auf Disneyfilme mit ihren Kindern? Wie weit gehen wir dann?“

Allerdings befindet sich ein prominenter Fußballverein natürlich ganz anders unter dem Brennglas der Öffentlichkeit als ein Familienvater privat mit seinen Kindern im Kino. Mainz 05 hat das zu spüren bekommen.

Auch ein geplantes Testspiel von Drittligist TSV 1860 München gegen Newcastle United hat zu massiver Kritik von Löwen-Fans geführt.

Kommentar S. S2

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