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Interview

Olympia in der Corona-Pandemie: „Das ist wie Russisch Roulette“

  • VonMathias Müller
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Sportmediziner Fritz Sörgel über das Risiko Olympischer Spiele in der Pandemie, die Scheinsicherheit durch Impfstoffe und das spezielle Problem mit Corona-Mutanten.

Herr Sörgel, sind sichere Olympische Spiele vorstellbar?

Was das Internationale Olympische Komitee derzeit macht, ist wie Russisch Roulette. In ein paar Tagen soll es wieder eine neue Entscheidung geben, aber auf welcher Basis? Heute begann der Fackellauf der olympischen Flamme. Ich habe vor genau einem Jahr Interviews gegeben, die Antworten passen heute noch. Es hat sich nichts geändert – wenn, dann ist die Situation sogar noch schlimmer und vor allem noch viel unsicherer geworden. Und nebenbei bemerkt: Auch die Japaner wollen die Spiele derzeit überwiegend nicht.

IOC-Präsident Thomas Bach hatte zwischenzeitlich den chinesischen Impfstoff Sinovac als Lösung präsentiert.

Nur haben Japan und auch Deutschland dafür schon abgewunken. Zudem hört man aus Chile, dass der Impfstoff doch nicht so toll sein soll.

Verschiedene Corona-Impfstoffe bei Athleten: Ein sicheres Konzept wird kompliziert

Olympia in Tokio: mehr denn je ein Spiel mit dem Feuer.

Könnte eine flächendeckende Impfung der Athleten trotzdem ein Ausweg sein?

Ich schätze, dass bis zum Beginn der Spiele am 23. Juli ungefähr zehn bis 15 Impfstoffe mit verschiedenen und auch mit fraglichen Wirkungen auf dem Markt sein werden. In Tokio treffen, die Trainer und Betreuer nicht miteingerechnet, 10 000 Athleten aus 200 Ländern und unterschiedlich wirksamen Impfstoffen – wenn überhaupt geimpft – aufeinander. Ganz zynisch gesagt: aus wissenschaftlicher Sicht ist die Konstellation hochinteressant. Wir können viel daraus lernen und ich befürchte viel Katastrophen-Handling.

Und wenn wir den Spott beiseite lassen?

Wieso Spott? Wir sind derzeit alle Versuchskaninchen, nicht nur die Sportler, aber die Situation bei Olympia ist so speziell, dass es nicht klappen wird. Nehmen wir den Geisterfußball. Der funktioniert relativ gut – bis jetzt noch. Die DFL ist sich aber nicht mehr sicher und plant für den April eine Art Quarantäne-Trainingslager, sie weiß, was die Stunde geschlagen hat. Aber in Tokio sind 51 Disziplinen in 33 Sportarten in weniger als zwei Wochen geplant. Ein sicheres Konzept dafür zu schaffen, ist unglaublich komplex. Ganz abgesehen davon, dass ich bezweifle, dass man es schafft, die Athleten vor Ort völlig voneinander zu trennen. Man kann es drehen und wenden, wie man will, mit der Menge der Wettbewerbe ist es nicht sicher durchführbar. Selbst wenn man hinter jeden Sportler einen japanischen Bewacher mit Teststäbchen in der Hand stellt (lacht).

Zur Person

Prof. Dr. Fritz Sörgel hat sich als Dopingjäger einen Namen gemacht. Er leitet das Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg. Unter anderem forscht er an Medikamenten, die die Symptome von Covid19 verhindern sollen. FR

Olympia während der Corona-Pandemie: „Ein unverantwortliches Menschenexperiment“

Das klingt desillusioniert.

Damit das nicht falsch herüberkommt: Ich habe prinzipiell keine ablehnende Haltung gegenüber Olympia, weil ich für jede Ablenkung, für unsere gestresste Gesellschaft in der Pandemie dankbar bin. Nur schade, dass eben auch der obszöne Milliardensport wie Fußball, Basketball und ähnliches gewinnt. Für die Ruderer, Bogenschützen und kleineren Sportarten, die nur alle vier Jahre das große Publikum haben, tut es mir leid, das sind noch echte Sportler. Trotzdem, es geht nicht, wir können nicht das Risiko eingehen, dass Mutanten verbreitet werden. Und selbst wenn viele geimpft wären: Eine Impfung verhindert keine Infektion, sondern schützt vor schweren Verläufen. Man kann eben immer noch Träger sein und das Coronavirus weitergeben.

Könnten auch neue Mutante entstehen?

Theoretisch ist das in zwei bis zweieinhalb Wochen denkbar, aber das größere Problem ist, dass in Tokio Länder zusammenkommen, die bei Weitem nicht so gut auf Virustypen untersucht sind, wie wir hier in Europa oder anderen Industrieländern. Die kommen vielleicht mit einer Mutante an, die gar niemand kennt und in zwei Wochen kennt sie dann jeder. Das klingt zynisch, aber das ist das Problem. Es reicht doch jetzt schon, dass wir mit der neuen mRNA-Impfstoffherstellung für zwei oder drei Mutanten möglichst schnell geeignete Impfstoffe brauchen. Was, wenn da zehn aus exotischen Ländern dazukommen, die keiner kennt? Dazu reichen die jetzt mühsam aufgebauten Ressourcen nicht, es führt in die Katastrophe. Dass der Ablauf dabei genauso reibungslos ist wie beispielsweise dem Champions-League-Turnier vergangenes Jahr in Lissabon oder bei einer Ski-WM, das stellt sich die Welt des IOC zu einfach vor. Das sind Sportwettbewerbe quasi in Isolation, die man bei Olympischen Spielen nicht so erreichen kann. Ich halte das für ein unverantwortliches Menschenexperiment.

Olympia während Corona-Pandemie könnte „verheerende Konsequenzen“ haben

Für die EM sehen Sie kein so großes Problem?

Im Moment noch nicht, sie ist in zwölf Städten geplant und die Mannschaften begegnen sich dabei nicht außerhalb des Spielfelds. Das Turnier ist nichts anderes als eine Bundesligasaison, die in vier Wochen gespielt wird. Aber schauen Sie auf das WM-Qualifikationsspiel gestern und den positiven Test. In einem eng getakteten Turnier können ein paar solche Fälle das Ende bedeuten.

Noch einmal zurück zu Olympia. Es sieht ganz danach aus, dass das IOC die Spiele dennoch durchzieht.

Dass das IOC das durchziehen wird, ist mir klar, da bin ich nicht blauäugig. Die Konsequenzen können aber verheerend sein. Vergessen wir auch nicht, das japanische Volk wird nur zum Teil geimpft sein, es ist also nicht so, als ob es in USA oder Israel stattfände, wo am 24. Juli alle durchgeimpft sind. Was ich bei all dem noch kritisieren muss: Was ist eigentlich mit der Weltgesundheitsorganisation? Von der WHO höre ich bisher nur belanglose Kommentare, dabei müsste sie mehr Einfluss nehmen. (Interview: Mathias Müller)

Rubriklistenbild: © AFP

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