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Der Höhenflug der Freeski-Akrobatin Lisa Zimmermann endete nach einer Verletzung im Jahr 2017 jäh. Foto by MICHAL CIZEK / AFP

Wintersport

Das große Kribbeln

  • vonMathias Müller
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Lisa Zimmermann eroberte die Freeski-Szene im Flug, doch dann begann, ihr Körper zu streiken. Seit Jahren kämpft sie gegen eine mysteriöse Krankheit – und glaubt an ein Comeback.

So richtig Fahrt nimmt die Geschichte des Freeski-Talents Lisa Zimmermann im November 2012 auf. Die 16-Jährige schafft als erste Frau der Welt einen Doublecork 1260 – einen Sprung mit doppelter Überkopfdrehung und dreieinhalb Schrauben. Die Ski-Szene ist berauscht, der Deutsche Skiverband (DSV) nimmt sie in den Kader auf. 2014 holte sie den ersten Weltcup-Sieg, darauf folgt WM-Gold (2015) und der Triumph bei den X-Games (2017). Doch im Februar 2017 reißt sich Zimmermann das Kreuzband im rechten Knie und verpasst die Olympischen Spiele ein Jahr später in Südkorea. Was niemand ahnt: Der Tiefpunkt kommt erst noch.

Während sich die deutschen Winterstars im Februar 2018 auf den Weg nach Pyeongchang machen, lässt sich Zimmermann für den Playboy ablichten. Nach außen gibt sie so viel preis wie noch nie – wie es in ihr drin aussieht, wissen hingegen nur wenige. Beim Sport schlagen ihren Arme plötzlich unkontrolliert los. Eines Nachts zucken ihre Beine, die Arme und der Brustkorb. „Das war völlig verrückt“, sagt Zimmermann, die ein Stück weit die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren scheint. „Danach bin ich sechs Wochen nur im Bett gelegen und habe die Decke angestarrt.“ Der Höhenflug der Freeski-Akrobatin ist jäh gestoppt. Immerhin, ihr Zustand bessert sich mit der Zeit.

Der Ursprung der Probleme ist vermutlich der Kopf. Oder die Halswirbelsäule. Oder ein Virus. So genau weiß das bis heute niemand. Dabei hat die 24-Jährige alles versucht, um es herauszufinden. Sie geht zu Ärzten, Physiotherapeuten, Osteopathen, Psychologen, Psychiatern, sogar zu Wunderheilern. Die gesamte Reha kostet rund 50 000 Euro. Meinungen gibt es viele, hilfreiche Lösungen nicht. Das Hoffen und Bangen über 20 Monate ist schwer zu verdauen. „Das hat mich hin- und hergeworfen. Etwa vor einem Jahr habe ich aufgegeben, weil ich mich im Kreis gedreht habe“, erzählt Zimmermann. Der wahrscheinlichste Grund für ihre Leiden ist eine Gehirnerschütterung vor acht Jahren. Eigentlich keine schlimme Sache, aber als Zimmermann 2012 das Krankenhaus nach zwei Tagen verlässt, bleiben die Probleme im Kopf. Sie hat Konzentrationsprobleme und kann sich in der Schule weniger merken. „Die Ärzte fanden nichts gravierend Falsches“, erzählt Zimmermann.

Sie lässt sich nichts anmerken, aber sie geht fortan einmal im Jahr zum Arzt, weil sie merkt, dass etwas nicht stimmt. Die Auswirkungen sind aber noch viel harmloser. „Damals konnte ich noch zwei bis drei Stunden vor dem Laptop sitzen. Damit hatte ich mich abgefunden, ein Büro-Job war eh nie mein Ziel.“

Heute ist sie davon weit entfernt. Mehr als 15 Minuten am Bildschirm oder am Handy sind nicht drin, danach braucht sie eine Pause, sonst bekommt sie Kopfweh und die Hände beginnen zu kribbeln. Sport tut ihr gut, aber nur in Maßen und nach entsprechender Vorbereitung. „Wenn ich eine Stunde am Handy sitze und danach zum Sport gehe, zucken meine Arme“, sagt Zimmermann. Bei zu schnellen Rotationen wird ihr schwindlig und übel.

Die eingeschränkte Mediennutzung ist allerdings nicht ihr Hauptproblem, sondern das Sitzen. Will sie zum Skifahren, reist sie meist schon am Vorabend an, weil sie nicht länger als eine Stunde (im Auto) sitzen kann. Einen Flug vergangenes Jahr nach Indonesien verbrachte Zimmermann auf dem Boden liegend. Im Sitzen begann das große Kribbeln im Genick und den Händen.

Sind die Reizeinflüsse dennoch zu heftig, bringt eine Pause mit Kühlpad im Genick Linderung. „So wie es jetzt ist, bin ich zwar beeinträchtigt, aber ich kann viel machen“, sagt Zimmermann. Sie strahlt Zuversicht aus und will sich nicht unterkriegen lassen. In ihrem Wohnort Innsbruck kennt Lisa viele Menschen und viele Menschen kennen Lisa. Hier und da kann sie Betrieben aushelfen. Eine 40-Stunde-Woche ist derzeit utopisch. Dafür plant sie einen Film über ihre bisherige Karriere und ihre Zukunft. Die soll im Sportbereich liegen. Ihre Skilehrer-Ausbildung hat Zimmermann abgeschlossen, weitere Lehrgänge sollen folgen. „Ich möchte als Trainer arbeiten, das macht mir Spaß.“ Klingt paradox, schließlich galt sie selbst früher als eigenwilliger, streitbarer und ungeschliffener Rohdiamant. Aber vielleicht spricht sie gerade deshalb nicht die übliche Trainer-Sprache.

Zum DSV besteht kein Kontakt mehr. Die schwierige Beziehung des Freigeistes mit dem strukturorientierten Verband kippte endgültig, als sich Zimmermann 2017 dazu entschloss, ihren Kreuzbandriss vorerst nicht operieren zu lassen. „Ich hatte bei einigen Freunden gesehen, dass sie sich das operierte Kreuzband wieder gerissen haben, da wollte ich es zuerst ohne Eingriff versuchen.“

DSV-Alpinchef Wolfgang Maier sah das anders, er schimpfte: „Man kann doch nicht einen Kreuzbandriss nicht operieren, den ganzen Sommer nichts tun, sich kurz vor Weihnachten ein bisserl auf die Ski stellen und dann sagen, ich fahre zu Olympia. Das hat mit Profisport nichts zu tun.“ Zimmermann muss darüber heute noch lachen, denn das Gegenteil sei der Fall gewesen: „Ich war bei Physiotherapeuten, bei der Wassertherapie, beim Mentaltraining, bei Ernährungsberatern, im Rehatraining, ich habe ganze Tage in Trainingszentren verbracht.“

Auf ihre Zeit im Weltcup blickt sie dennoch positiv zurück: „Das Konkurrenz-Denken in den Wettkämpfen war nie mein Ding. Aber ich bin dankbar, dass ich so viel von der Welt gesehen und neue Menschen kennengelernt habe.“

Heute macht Zimmermann fast jeden Tag für zehn Minuten Übungen, um die Muskeln rund um ihr Knie anzusteuern. Andernfalls wären Skifahren, Surfen und Eiskunstlaufen nicht möglich. Die Hoffnungen noch einmal bei offiziellen Events, zum Beispiel den X-Games anzutreten, lebt. Aber derzeit konzentriert sie sich mehr auf Filmprojekte. Das Skifahren soll weiter ein Teil ihres Lebens bleiben. Zimmermanns Vorbild ist die eigene Oma. „Die wird bald 84, fährt noch regelmäßig, und fragt mich immer, ob ich ihr nicht noch das Springen beibringen kann. Aber mein Papa und ich haben beschlossen, dass wir das lieber nicht machen.“

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