Derzeit in Quarantäne: Italiens Nationaltrainer Roberto Mancini.
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Derzeit in Quarantäne: Italiens Nationaltrainer Roberto Mancini.

Nationalmannschaften

Das Corona-Chaos

Verwirrung durch Reisebeschränkungen, Verunsicherung durch falsche Tests: Einige Länderspiele sind eine Farce.

Vermutlich müssen Nationaltrainer so reden wie Gareth Southgate. Englands Teammanager will nicht als Spielverderber dastehen. „Während wir uns als Nation einer schwierigen Zeit nähern, haben wir das Privileg, Fußball zu spielen. Wir wollen ein Zeichen der Hoffnung senden.“ Vordergründig wären Englands Länderspielverpflichtungen wie gemacht dafür: Erst geht es am Donnerstag gegen den ewigen Rivalen Irland, drei Tage später steht die Nations-League-Paarung in Belgien an. Doch Thema ist das dritte Länderspiel gegen Island (18. November), das auf der Kippe steht. Weil neuerdings Reisebeschränkungen wegen der in Dänemark entdeckten mutierten Coronaviren - übertragen von Nerzen an Menschen - gelten, kann den Gästen die Einreise eigentlich nicht erlaubt werden. Island tritt nämlich vorher in Dänemark an. Die Richtlinien der englischen Regierung sind rigoros. Die FA erörtert eine Ausnahme mit dem Ministerium für Kultur, Medien und Sport.

Albanien ist als Ersatzort im Gespräch, hochrangige FA-Funktionäre bevorzugen Deutschland, heißt es. Gelingt keine Lösung, würde England eine Niederlage am Grünen Tisch kassieren. Eine komplizierte Gemengelage wie im Mutterland des Fußballs ist längst Alltag für die derzeitige Länderspielphase, in der kaum noch etwas planbar scheint.

Wenige Stunden vor dem Anpfiff wurde am Mittwoch das in Oslo geplante Länderspiel zwischen Norwegen und Israel wegen der Corona-Infektion des Hoffenheimer Profis Munas Dabbur abgesagt, nachdem die norwegischen Gesundheitsbehörden das Infektionsrisiko als zu hoch eingeschätzt hatten. Der positive Test des israelischen Nationalspielers war am Tag zuvor bekannt geworden. Die Stadtregierung von Oslo erklärte, es sei eine unnötige Gefahr, „mehr oder weniger wichtige Fußballspiele auszutragen“.

Mit ähnlichen Argumenten war der Sinn des für Mittwoch angesetzten Freundschaftsspiels zwischen Dänemark und Schweden (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) infrage gestellt worden. Beide Nationaltrainer – der für die Dänen verantwortliche ehemalige Mainzer Coach Kasper Hjulmand und der Schwede Janne Andersson – fehlten wegen des Kontakts zu infizierten Personen. Dänemark hatten drei Nominierungsrunden starten müssen, weil sage und schreibe 20 Profis absagen mussten. Sieben in England beschäftigte dänische Legionäre konnten nicht anreisen. Der schwedische Verband wollte die Partie nicht absagen. „Es gibt bedeutende ökonomische Aspekte“, sagte Generalsekretär Hakan Sjöstrand. Man sei „wie alle anderen abhängig von Einnahmen“.

Die Uefa reagiert vergleichsweise gelassen. Sie hat die Spiele unter ihrer Hoheit über das Protokoll „return to play“ abgesichert - wenn 13 Akteure inklusive eines Torhüters zur Verfügung stehen, müssen alle Teams antreten. Jede der Nations-League-Spielrunden bringt einen dreistelligen Millionenbetrag; an der Nabelschnur dieser Einnahmen hängen die meisten Nationalverbände. Die europäische Dachorganisation hatte unlängst stolz vermeldet, dass zwischen 5. August und 15. Oktober 526 Spiele in den verschiedenen Uefa-Wettbewerben stattfanden. Dafür wurden 61 851 Coronatests durchgeführt, dabei waren 341 positive Fälle (0,55 Prozent). Präsident Aleksander Ceferin sagte: „Es ist ein unglaubliche Leistung, dass wir mehr als 97 Prozent der geplanten Spiele durchgeführt haben. Die Zahl der positiven Tests ist extrem niedrig.“ Doch die zunehmende Verwirrung um positive und falsche Tests - wie bei sechs österreichischen Spielern von Red Bull Salzburg - und dazu noch eine Portion Hemdsärmeligkeit und Eigenmächtigkeit machen das Chaos komplett.

Beispielhaft sind die Irritationen aus Italien. Die Squadra Azzurra musste die Tage ohne Nationaltrainer Roberto Mancini auskommen, der sich in seiner Wohnung in Rom in Quarantäne befand. Mehrere Spieler wurden zuvor positiv getestet, darunter Lazio-Kapitän Ciro Immobile und Profis von AS Rom, die alle nicht nach Florenz zum Treffpunkt des Nationalteams reisten. In Florenz besteht neuerdings ein Ausreiseverbot, aber sechs Nationalspieler von AC Florenz haben die Toskana trotzdem eigenständig verlassen. Darunter die Serbien Dusan Vlahovic und Nikola Milenkovic, die am Donnerstag gegen Schottland um eines der letzten vier EM-Tickets kämpfen.

Offenbar hatten die jeweiligen Nationalverbände Druck auf die Spieler ausgeübt, berichtet das Fachmagazin „Kicker“. Daniele Pradé, Sportdirektor des AC Florenz, beklagte, dass die lokale Gesundheitsbehörde ein Abreiseverbot ausgesprochen hat, der Weltverband Fifa dies aber erlaubt habe: „Ich verstehe nichts mehr. Gestern noch hieß es von der Behörde, wir sollen bis 14. November in häusliche Isolation gehen, heute hat dann die Fifa via Notiz mitgeteilt, die Spieler dürfen gehen. Es herrscht Unklarheit.“ Das kann man wohl sagen. (hel/sid/dpa)

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