Steht unter Druck: Schalkes Cheftrainer David Wagner.
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Steht unter Druck: Schalkes Cheftrainer David Wagner.

FR-Bundesliga-Tipptabelle (13)

FC Schalke 04: Das Chaos regiert

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Der einst so stolze Malocherklub aus dem Ruhrpott stolpert von einer Peinlichkeit zur nächsten und steht nicht nur finanziell vor einer Zerreißprobe – aber wie soll es besser werden?

  • Der FC Schalke 04 steckt tief in der Krise
  • Der Malocherklub stolpert von einer Peinlichkeit zur nächsten
  • Auch finanziell ist es um die Knappen nicht sonderlich gut bestellt

Gelsenkirchen - Schlecht für den FC Schalke 04, dass sich der Hamburger SV mittlerweile im Fußball-Unterhaus eingerichtet hat und Jahr für Jahr in dem Bestreben scheitert, den einstmals überfälligen Absturz mit dem Aufstieg zu korrigieren. Schlecht, weil die Königsblauen den Rothosen in der Eliteklasse den Rang als Skandalnudel Nummer eins abgelaufen haben. Keiner blamiert sich so gut wie Schalke 04. Sportlich, gesellschaftlich, finanziell. Warum sollte sich das nun ändern?

Wie ist die Stimmung beim FC Schalke 04?

Miserabel. Die Gelsenkirchener schleppen noch ganz viele Hypotheken mit sich herum, weil sie die Corona-Zwangspause und den Re-Start lediglich dazu genutzt haben, in alle Fettnäpfchen zu treten, die irgendwo umher standen. Sportlich wartet die Mannschaft von Trainer David Wagner seit sage und schreibe 16 Partien auf einen Sieg. Der einst so stolzen Malocherkultklub wäre im Untergeschoss der Balltreterei aufgeschlagen, hätte er nicht eine gute Hinrunde mit 30 Punkten erspielt. Der Verein hat die Bodenhaftung verloren, die Fans verprellt, finanziell steht das Wasser bis zum Hals. Der Ur-Schalker Peter Peters trat als Finanzvorstand zurück, und dann, ja, dann gab es noch diverse Skandale um Mister Schalke, Clemens Tönnies, der sich sogar einigermaßen ungestraft einen unerträglichen Rassismus-Aussetzer leisten konnte, dann aber über die unhaltbaren Zustände in seinen Schlachthöfen stolperte. Abgang überfällig. Alles Umstände, die bis heute nachwirken und den Arbeiterverein vor eine Zerreißprobe stellen. Das Chaos regiert.

Wie stark ist der Kader?

Nicht so schlecht, wie es die desaströse Rückrunde vermuten lässt, aber auch nicht so gut, wie man meinen könnte, wenn man dem kickenden Personal insgesamt 124 Millionen Euro zahlt. Damit liegt Schalke in der Spitzengruppe der Liga. Der Gegenwert ist niederschmetternd, zum dritten Mal hintereinander wurde das internationale Geschäft verpasst. Die Mannschaft ist in Grüppchen zersplittert, es herrscht ein Klima des Neids, dabei verdienen alle (viel zu) gut: Omar Mascarell, Benjamin Stambouli, Amine Harit, Matija Nastasic, Salif Sané, Nabil Bentaleb, Mark Uth, Guido Burgstaller oder Bastian Ozcipka kassieren allesamt um die vier Millionen Euro pro Jahr. Durchschnitt wird mit Geld zugeschüttet. Schalke würde die sündhaft teuren Spieler gerne loswerden, das ist aber nicht so leicht. Hinzu kommt, dass gar neun Leihspieler zurückkehren, einige sollen sogar wieder eine Rolle spielen: Mark Uth (war in Köln) etwa oder Sebastian Rudy (Hoffenheim) und der vormals ausgemusterte Torwart Ralf Fährmann, der nach dem Abgang von Alexander Nübel sogar die Nummer eins wird. Sachen gibt’s. Abgesetzt hat sich Weston McKennie, einer der wenigen, die Leistung brachten, er spielt erst mal auf Leihbasis für Juventus Turin. Schalke bemüht sich um Verstärkung, für den Angriff kommt Vedad Ibisevic und soll gar nicht so viel verdienen wollen, und dann bastelt S04 an einer Rückkehr von Sead Kolasinac, der beim FC Arsenal unzufrieden ist, wieder in seine Heimat möchte, dafür auch auf 40 Prozent seines üppigen Jahresgehalt (acht Millionen) verzichten würde, im Gegenzug aber verbindlich das Kapitänsamt zugesagt bekommen möchte. Kommt bestimmt gut an in der heterogenen und zerfaserten Truppe.

Worauf steht der Trainer?

Vollgas-Fußball, frühes Pressing, schnelles Umschaltspiel. Klappte auch, aber nicht so lange wie erhofft. In der Rückrunde verlor der Klopp-Trauzeuge seine Linie und dann die Mannschaft. Rat- und hilflos schlingerte er durch die Krise, taumelte in der Torwartfrage, gab dem Team keinen Halt. Aufbruchstimmung konnte er nicht erzeugen. Weite Teile der Mannschaft haben die Gefolgschaft verweigert. Und so kann der 48-Jährige froh sein, dass er zu Saisonbeginn überhaupt noch auf der Bank sitzen darf, vor kurzem ist noch über eine schnelle Ablösung gemunkelt worden. Wagner muss den Karren aus dem Dreck ziehen, sonst wird ihn auch sein großer Unterstützer Jochen Schneider nicht mehr halten können. Gutgehen kann das nur, wenn Schalke durchstarten sollte – am ersten Spieltag geht es ja nur zu Bayern München.

ZU- und ABGÄNGE

Zugänge: Nabil Bentaleb (Newcastle United, Leihe beendet), Can Bozdogan (eigene U19), Ralf Fährmann (SK Brann Bergen, Leihe beendet), Hamza Mendyl (FCO Dijon, Leihe beendet), Sebastian Rudy (TSG Hoffenheim, Leihe beendet), Steven Skrzybski (Fortuna Düsseldorf, Leihe beendet), Malick Thiaw (eigene U19), Mark Uth (1. FC Köln, Leihe beendet)

Abgänge: Weston McKennie (Juventus Turin, Leihe), Cedric Teuchert (1. FC Union Berlin), Bernard Tekpetey (Ludogorets Razgrad, Leihe), Jonas Carls (Vitória Guimarães, Leihe, war zuvor an Viktoria Köln ausgeliehen), Daniel Caligiuri (FC Augsburg), Michael Gregoritsch (FC Augsburg, Leihe beendet), Jonjoe Kenny (FC Everton, Leihe beendet), Alexander Nübel (FC Bayern München), Jean-Clair Todibo (FC Barcelona, Leihe beendet), Juan Miranda (FC Barcelona, Leihe beendet), Pablo Insua (SD Huesca, nach Leihe fest verpflichtet)

Wo hapert’s noch beim FC Schalke 04?

Fast überall. Die Mannschaft ist in der Offensive schrecklich einfallslos und hinten zu offen, nach den hochnotpeinlichen Testspielniederlagen gegen den SC Verl (4:5) und KFC Uerdingen (1:3) brannte der Baum schon wieder lichterloh. Es ist kein Konzept, keine Handschrift und keine Idee zu erkennen, keiner weiß, für was Schalke 04, für was diese Mannschaft eigentlich steht.

Wer sticht heraus?

Niemand. Es gibt ein paar vielversprechende Talente, die aber auch mit sich selbst zu kämpfen haben, oder schlichtweg nicht willig und hungrig genug sind, ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Dem Team gehörte frisches Blut zugeführt, alles in einem gesunden Finanzrahmen. Doch das ist bei den vielen Altlasten nicht so einfach.

Bundesliga-Tipptabelle

Wie geht’s dem Schatzmeister?

Wie wohl? Auch schlecht. Schalke war vom Untergang bedroht, versucht händeringend, die Kosten zu drücken. Aber wie soll das gehen bei diesen opulenten Verträgen aus der Vergangenheit? Die Verbindlichkeiten belaufen sich auf rund 200 Millionen Euro, eine Landesbürgschaft in Höhe von 40 Millionen ist längst bewilligt. Schalke 04 droht der finanzielle Exitus. Rätselhaft, wie da eine geplante Verpflichtung von Kolasinac, zu welchen Konditionen auch immer, ins Bild passen soll.

Was ist drin?

Mit Glück gelingt ein Mittelfeldplatz, mit Pech droht das Schicksal des HSV.

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