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Nicht nur der Ball hört auf ihn: Mainz-Trainer Bo Svensson.
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Nicht nur der Ball hört auf ihn: Mainz-Trainer Bo Svensson.

Mainz 05

Das Beste aus zwei Welten

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Pfiffig wie Jürgen Klopp, strategisch wie Thomas Tuchel – Bo Svensson ist der perfekte Mainzer Trainerklon, am Montagabend kann er eine Sensation festmachen.

Nicht selten passiert es Bo Svensson, dass er in Mainz auf freundliche Gesichter trifft. Das ist keineswegs Zufall. Die Menschen in der Stadt haben inzwischen mitgekriegt, dass beim örtlichen Bundesligaverein ein Fußballtrainer zugange ist, der durchaus als Klon von Jürgen Klopp und Thomas Tuchel angesehen werden kann. So pfiffig und emotionalisierend wie Klopp, so strategisch und pädagogisch wie Tuchel. Im Endeffekt könnte diese nahezu perfekte Mischung am Montagabend (18 Uhr) mit einem Sieg gegen Hertha BSC dazu führen, dass die zweitschlechteste Mannschaft der Vorrunde dann die zweitbeste Mannschaft der Rückrunde wäre. Alles unterhalb der Einordnung „Sensation“ wäre dann eine bösartige Untertreibung.

Was Bo Svensson angeht: „Die positiven Reaktionen von den Menschen in der Stadt freuen mich natürlich.“ Der 41-Jährige sagt das in seinem manchmal lustigen Dänen-Deutsch, aber jeder weiß: Svensson kann auch streng sein. Das konnten Klopp und Tuchel ja auch.

Die „Bild“-Zeitung hat ihn neulich in großen Lettern als „Magier“ bezeichnet. Sogar die überregionale Presse, die sich zuletzt für Mainz 05 interessierte, als eine bald als untrainierbar geltende Mannschaft sich zum Trainingsstreik in der Umkleidekabine versammelte, ist inzwischen in Kommentarspalten auf die wundersame Wandlung aufmerksam geworden. Svensson lächelt das viele Lob weg: „Ich kann das ganz gut einordnen. Ich bin ja trotz der Bezeichnung ‚junger Trainer‘ schon 41 und habe einiges erlebt.“

Mal knapp, mal wortreich

Die Erlebnisse als Innenverteidiger von Mainz 05 unter Thomas Tuchel haben den in Kopenhagen aufgewachsenen ganzen Kerl besonders geprägt. Wenn er nach einem Trainingstag unter dem immer nach neuen Ideen suchenden Tuchel ins Auto stieg und nach Hause fuhr, hatte er oft das Gefühl, mit einem Mehrwert an Wissen ausgerüstet worden zu sein. Wer Svensson in den ersten vier Monaten als Fußballlehrenden in Mainz erlebt hat, hört immer wieder die Rhetorik des aktuellen Chelsea-Trainers Tuchel heraus. Und wer die Mannschaft spielen sieht, kann unschwer erkennen, welchem Lehrmeister Bo Svensson folgt: Thomas Tuchel, und ein bisschen auch Jürgen Klopp. Die Ernsthaftigkeit und Flexibilität des einen mischt er klug mit dem eigenen, wahrscheinlich typisch dänischen Charakter und dem Dompteurhaften und Nahbaren von Klopp.

Bei den Pressegesprächen, die er wegen der Pandemie seit seiner Rückkehr nach Mainz bisher nur virtuell mit Headset vorm Mund und dicken Kopfhörern auf den Ohren bestreiten durfte, hilft Svensson bei Bedarf in wunderbar entspannter Atmosphäre der Pressesprecherin, wenn diese mal Probleme mit ihrem Rechner hat („Silke, ich kann für dich übernehmen“), antwortet auf Fragen schon mal mit einem kurzen „Ja“, wenn es nicht mehr zu sagen gibt, und erklärt seine Herangehensweise wortreicher, wenn es ihm wichtig ist, die Reporter mitzunehmen. Man spürt dann, dass da einer in seinem gläsernen Büro sitzt, der gleichermaßen locker und streng sein kann und um seine Autorität nicht kämpfen muss. Er hat sie einfach.

So ist es Bo Svensson gelungen, eine zutiefst verunsicherte Mannschaft wieder zu verkleistern. Er hätte selbst nicht gedacht, dass er das so schnell schaffen könnte. Der Abstieg war beim Amtsantritt eingepreist, alles andere wäre mit sechs Punkten aus 14 Spielen unrealistisch gewesen. Er hat dabei auf Stefan Bell und Adam Szalai, zwei der langsamsten Bundesligaprofis, gesetzt, die ihre Karriere eigentlich schon hinter sich zu haben schienen. Bell wurde zum Abwehrchef, die Tempodefizite glich Svensson taktisch mit einer Dreierkette aus und stellte dem kopfballstarken und sich klug im Raum bewegen Routinier die beiden schnellen Verteidiger Jeremiah St. Juste und Moussa Niakathé an die Seite. Szalai, zuvor aussortiert, gibt dem Trainer, mit dem er unter Tuchel in besten Mainzer Zeiten schon zusammenspielte, durch bedingungslose Körperlichkeit das Vertrauen zurück.

Sesshaft geworden in Mainz

Seit Svensson da ist, attackiert Mainz 05 wieder als Gruppe, gewinnt auch wieder Bälle in des Gegners Hälfte, ist garstig in fast jedem Zweikampf, rennt mehr und meist intensiver als die Gegner, ist konditionell und mental deutlich widerstandsfähiger und hat sich mit der Zeit all das verlustig gegangene Selbstvertrauen zurückgeholt. Noch immer sieht der Mainzer Fußball mitunter eckig und kantig aus, das Passspiel gerät gern mal auf das niedere Niveau der Vor-Svensson-Zeit, der spricht nach glücklichen Siegen, von denen es einige gab, schonungslos die Defizite an.

Auffällig ist dabei, dass er sich traut, seine Spieler auch individuell öffentlich zu kritisieren. In der Branche sind derlei offenen Worte unüblich, weil viele Trainer es für unangemessen unsensibel halten. Svensson orientiert sich auch in seiner Kommunikation an Tuchel, die Profis wissen sehr genau, woran sie bei ihm sind. Am Anfang, als er in Mainz die U16 übernahm, habe er „gedacht, dass ich alles so machen muss, wie ich es geil finde“, erzählte er jüngst im Podcast „Leadertalk“ des ehemaligen „Kicker“-Redakteurs Mounir Zitouni. Bald spürte Bo Svensson, dass es nichts bringe, „mein eigenes Ego zu pflegen. Ich musste erst erkennen, dass manche Spieler anderes brauche als das, was ich früher gebraucht habe.“ Sein Ziel ist seitdem: „Wie kriege ich es am besten hin, dem Menschen das zu geben, was er braucht. Jeder Spieler muss spüren: Der Trainer nimmt mich wahr. Ich möchte, dass die Spieler gern zur Arbeit kommen und sich in der Kabine wohlfühlen.“

Ursprünglich hatte Svensson Schullehrer werden wollen, aber sein Landsmann Kasper Hjulmand, in Mainz ein weitgehend erfolgloser Nachfolger von Tuchel, nahm ihn als Assistenten mit zu den Profis. Hjulmand, inzwischen dänischer Nationaltrainer, meldet sich noch immer nach jedem Spiel bei Svensson. Der ist mit Frau und drei Kindern in Mainz sesshaft und glücklich geworden. Aber seine Heimat, sagt er, wird immer Kopenhagen bleiben. Wahrscheinlich wird er eines Tages dänischer Nationaltrainer.

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