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Nicht empfindlich: Dirk Schuster ist bei acht Grad in Bochum in Polo-Hemd und mit Glücksarmbändern an der Seitenlinie unterwegs.

Darmstadt 98

"Die zweite Liga muss unsere sportliche Heimat sein"

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    Daniel Schmitt
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Dirk Schuster, Trainer des SV Darmstadt 98, über die Kluft zur Bundesliga, mögliche Verpflichtungen in der Winterpause und sein Verständnis von gutem Fußball

Herr Schuster, zuletzt beim 0:1 in Bochum trugen Sie am Seitenrand trotz gerade mal acht Grad nur ein Polo-Hemd. Sind Sie so heißblütig, wenn der Ball rollt?
Ach, ich hatte in Bochum auch eine Jacke dabei, aber während des Spiels merke ich die Kälte nicht. Dann bin ich unter Strom, habe Adrenalin im Körper, befinde mich im Tunnel. Das geht also.

Und wenn Sie nach dem Spiel aus dem Tunnel herauskommen, ist dann auch Erschöpfung da?
Direkt nach dem Spiel noch nicht, das dauert einen Moment, bis man runterfährt. Wenn man später im Bus sitzt und auf dem Heimweg ist, mit den Trainerkollegen spricht, sich ein paar Videosequenzen anschaut und sich Gedanken über richtige und falsche Ansätze macht, dann fällt auch die Anspannung ab.

Wie detailliert wird auf solch einer Fahrt denn die Mannschaft in die Analyse miteinbezogen? Gibt es eine Traineransprache?
Nein, im Bus direkt nicht, da habe ich aus früheren Zeiten gelernt. Nach dem Spiel ist man unheimlich emotional und da sagt man manchmal Sachen, die im Nachhinein falsch sein können. Man tritt auch mal seine Gegenüber zu nahe, das sollte nicht sein. Besser ist es, eine Nacht darüber zu schlafen und dann die richtigen Ansätze an die Spieler weiterzugeben.

Wie schlafen Sie nach einem Spiel?
Kurz, aber gut. (lacht)

Nach Ihrer Rückkehr arbeiten Sie nun fast wieder ein Jahr für Darmstadt 98. Wie fällt das Fazit aus?
Schwieriger Auftakt, gutes Ende und nun eine bislang relativ normale Saison.

Wie sehen Sie die Entwicklung in dieser Spielzeit? Nach einem guten Start gab es eine Schwächephase mit sechs Spielen ohne Sieg, dann wieder vier Partien ohne Pleite und zuletzt das 0:1 in Bochum.
Ich glaube, wir haben eine gute Entwicklung genommen. Wir wussten, dass es nach dem späten Klassenerhalt in der Vorsaison eine schwierige Runde werden könnte. Aber ich denke, dass wir den Turnaround nach den sechs Spielen ohne Sieg gut hinbekommen haben. Auch tabellarisch und punktemäßig stehen wir relativ normal da.

Sieben Zähler Vorsprung auf die Abstiegszone, dazu sechs Rückstand zu den Aufstiegsplätzen. Das klingt nach der so ersehnten sorgenfreien Saison ...
Das hoffe ich doch, dass diese Saison sorgenfreier wird als die vergangene. Aber wie schnell so etwas kippen kann, hat man ja zum Saisonstart gesehen. Nach den guten Ergebnissen von uns haben einige im Umfeld schon nach oben geschielt. Und als die Ergebniskrise mit sechs sieglosen Spielen am Stück kam, sprachen plötzlich manche vom Abstieg. Es macht keinen Sinn, solche Schwarz-weiß-Szenarien zu malen. Es geht darum, Punkt für Punkt zu sammeln, nach dem Eichhörnchen-Prinzip. Die zweite Liga ist brutal eng, da sind Kleinigkeiten das Zünglein an der Waage.

Wären Sie mit Platz zwölf, auf dem Ihr Team derzeit liegt, am Saisonende zufrieden?
Vom Verbleib in der zweiten Liga definitiv. Zufrieden wäre ich auch, wenn man eine positive Entwicklung des gesamten Teams und von einzelnen Spieler sieht. Rein am Tabellenplatz möchte ich das aber nicht festmachen.

Bisher haben Sie 19 Spieler eingesetzt, die wenigsten der Liga. Jetzt hat sich auch noch der gerade aus einer Verletzung zurückgekehrte Selim Gündüz das Kreuzband gerissen. Wird in der Winterpause personell nachgebessert?
Wir halten natürlich Augen und Ohren offen und diskutieren intern auch schon Namen. Aber wir haben den Kader im Sommer bewusst nicht einfach nur der Masse wegen aufgebläht, weil uns Spieler sofort, aber auch perspektivisch weiterhelfen müssen. Daran werden wir auch im Winter festhalten. Mittlerweile sind wir im Scouting mit zwei weiteren Mitarbeitern und durch die Verpflichtung von Sportkoordinator Carsten Wehlmann aber so gut aufgestellt, dass wir das auch nutzen wollen, um den Konkurrenzkampf im Team zu schüren und die Qualität des Kaders anzuheben.

Ist der Transfermarkt komplizierter geworden für die Lilien?
Ja.

Warum?
Weil Darmstadt 98 mittlerweile ganz anders wahrgenommen wird als noch vor ein paar Jahren. Durch die zwei Spielzeiten in der Bundesliga haben wir uns Respekt erarbeitet und sind mittlerweile in Liga zwei mehr als ein ernsthafter Konkurrent, so dass andere Klubs zweimal überlegen, ob sie Spieler an uns abgeben. Und gerade in diesem Jahr kam durch die WM erst spät Schwung in den Markt. Der Präsident (Rüdiger Fritsch, Anm. d. Red.) hat das mal als einen Verschiebebahnhof bezeichnet: Wenn die großen Klubs oben anfangen, fällt hinten für die kleinen etwas runter. Deshalb waren auch wir spät dran. Außerdem haben sich die Ablösen in der Branche sehr verteuert, da mussten wir genau hinschauen und haben unser Prinzip der drei Säulen – Charakter, sportliche Qualität und Wirtschaftlichkeit – angewandt. Ich glaube, wir lagen nicht ganz falsch.

Spielbeobachtungen darum, sich von dem Menschen gegenüber ein Bild zu machen. Wir wollen uns den guten Geist in der Kabine nicht von einem schwierigen Charakter kaputt machen lassen.

Wie viele Gespräche sind dafür nötig?
Meist gibt es ein paar Telefonate vorab und später ein längeres, persönliches Gespräch zwischen dem Spieler und einigen Verantwortlichen von uns. Aber das ist dann nicht so, dass man sich da gegenseitig extrem auf den Zahn fühlt, sondern eher ein lockerer Austausch. Man versucht, sich ein rundes Bild zu zeichnen. Und wenn alle Verantwortlichen einstimmig für die Verpflichtung sind, dann machen wir es.

Aber der Chef, also Sie, hat doch bestimmt ein Vetorecht?
Nein, darauf bestehe ich nicht. Da braucht nur einer aus der Runde sagen, dass er ein schlechtes Bauchgefühl hat und dann lassen wir es lieber.

Klingt alles nach viel Aufwand. Können Sie überhaupt richtig abschalten?
Relativ wenig, man steht wegen der Verantwortung die größte Zeit des Tages dem Verein zur Verfügung. Ansonsten versuchen wir, ab und an joggen zu gehen – ohne Handy, ohne Störungen.

Sind Sie denn sonst viel am Smartphone?
Das ist ein reiner Arbeitsgegenstand, mehr nicht. Natürlich leben auch wir von vielen Infos – ob das nun Sachen zum vergangenen Spiel, zum nächsten Gegner, zu einzelnen Spielern sind, die über das Handy ausgetauscht werden können. Da ist es hilfreich, wenn man vernetzt ist.

Also gibt es beim SV Darmstadt 98 eine Trainer-Whatsapp-Gruppe?
Die gibt’s, ja. (schmunzelt)

Sind Sie eigentlich auch viel in der Stadt unterwegs? Wie ist Ihr Bezug zu Darmstadt?
Natürlich bin ich ab und an in der Stadt unterwegs und treffe dort auf einige Lilien-Fans. Dann hält man ein bisschen Smalltalk, tauscht sich aus, alles ganz normal. Die meiste Zeit bin ich aber am Böllenfalltor anzutreffen, unten in den Katakomben im Trainerbüro. Da gibt es Tag für Tag jede Menge zu tun.

Ihre Mannschaft ist im eigenen Stadion punktemäßig bisher die zweitbeste der Liga, auswärts die zweitschwächste. Wie lässt sich dieser Diskrepanz erklären?
Auf der einen Seite hatte wir bisher schon sieben Heimspiele und nur sechs auf fremden Platz. Auf der anderen Seite muss man ehrlicherweise sagen, dass wir uns zum Beispiel in Dresden und Kiel nicht gut genug verhalten haben, um punkten zu können. Das sind für mich zwei Spiele gewesen, da wäre bedeutend mehr drin gewesen, vielleicht sogar auch zuletzt in Bochum. Vor allem hat uns in diesen Partien die Effizienz gefehlt.

Effizienz vor dem Kasten ist aber nicht ganz so leicht zu trainieren, oder?
Natürlich versuchen wir das den Jungs durch Automatismen und Laufwege im Trainingsbetrieb mitzugeben und machen viele Übungen, die Abschlüsse beinhalten. Aber klar, einige Sachen müssen in der Offensive intuitiv ablaufen. Serdar Dursun macht das vorne richtig gut, arbeitet viel und hat sich auch selbst schon mit Toren belohnt. Aber natürlich freuen wir uns auch auf die Rückkehr von Felix Platte, der in knapp zwei Wochen wieder ins Mannschaftstraining einsteigen soll. Dann hätten wir eine Alternative mehr. Denn insgesamt ist im Offensivspiel sicher noch Luft nach oben.

Wir haben über das kurzfristige Ziel, die zweite Liga zu halten, gesprochen. Wie sieht es mittel- und langfristig in Darmstadt aus? Sie sind ein ehrgeiziger Menschen und waren ja auch schon mit den Lilien und Augsburg in der Bundesliga aktiv. Ist das wieder ein Ziel?
Meine persönlichen Belange interessieren da gar nicht groß. Ich denke an Darmstadt 98, und für unseren Verein muss die sportliche Heimat die zweite Liga sein. Die Bundesliga ist für uns momentan eine Spur zu groß. Der Wettbewerbsnachteil verschärft sich mit dem Umbau des Stadions ja jetzt erst noch einmal. Da fallen Zuschauereinnahmen weg, auch wird es ein bisschen Stimmung kosten. Alles in allem ist die Zugehörigkeit zur zweiten Liga kurz- und mittelfristig der richtige Ansatz für Darmstadt 98.

Es gibt Beispiele, dass eine Stippvisite in der Bundesliga zum Bumerang werden kann für kleinere Klubs. Braunschweig steht gerade an der Schwelle zur Regionalliga, der Paderborn nur knapp entging – zwei Teams, die vor nicht allzu langer Zeit in der Bundesliga mitmischten. Auch Ihr Team hatte vergangenen Saison Mühe. Wie gefährlich ist so ein Kurzzeitbesuch in Liga eins?
Eine Gefahr ist definitiv da, klar. Die Bundesliga ist eine große Herausforderung für kleinere Klubs, in jeder Hinsicht. Ich kann die Arbeit nach dem Abstieg hier in Darmstadt nicht beurteilen, einige Sachen, die ich nach meiner Rückkehr aber hier vorgefunden habe, waren nicht so glücklich. Da galt es, ein paar Stellschrauben innerhalb der Mannschaft zu drehen, um einen Umbruch einzuleiten, um wieder ins richtige Fahrwasser zu kommen.

So ein Durchmarsch von Liga drei bis eins – ist der in dieser Form noch einmal denkbar?
Im Fußball kann man nie etwas ausschließen. Und die Kieler waren ja in vergangenen Saison auch nah dran. Dadurch, dass die Kluft zwischen erster und zweiter Liga finanziell aber immer weiter auseinander geht, ist es sehr unwahrscheinlich. Noch schwieriger wird es natürlich, wenn plötzlich große Vereine wie Hamburg oder Köln absteigen. Dann vom Durchmarsch zu träumen, ist zwar schön, aber nicht realistisch.

Sie reden von einer Kluft zu Liga eins. Wie sehen Sie die Entwicklung des Unterhauses?
Wenn man sieht, dass Köln und Hamburg fast mit einer kompletten Bundesligamannschaft in der zweiten Liga spielen und sich trotzdem ab und an schwer tun, spricht das auch für die Qualität unserer Spielklasse. In vielen Spielen machen nur Nuancen den Unterschied. Und wenn es dann doch mal vorkommt, dass man nicht 100 Prozent auf Sendung ist, dann kommen sofort deutliche Ergebnisse dabei heraus. Deshalb gilt es, Woche für Woche die Stärken der Gegner zu analysieren und auszuschalten. Und im Gegenzug natürlich die eigenen Qualitäten optimal zu nutzen.

Wie schwer ist es da, fußballerische Akzente zu setzen?
Es gibt Mannschaften wie den HSV, Köln oder Kiel, die extrem nach vorne spielen. Aber der Großteil der Vereine legt Wert auf Stabilität und auf das Umschaltspiel, da sind wir sicher keine Ausnahme. Solche grundlegenden Spielideen hängen ja schon viel von der Trainerwahl und der Kaderzusammenstellung ab – ich kann ja nicht mit jeder Mannschaft einfach nur Hurra-Fußball nach vorne spielen.

Die Leute freuen sich aber hin und wieder über Hurra-Fußball. Darf der Sport manchmal auch mehr sein als die reine Jagd nach dem Ergebnis?
In der Offensive ist Individualität und Kreativität immer gefragt. Aber eine Spielphilosophie sollte nie ein Dogma sein, in das die Spieler reingepresst werden. Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn vorne jemand ins Dribbling geht, auch mal Risiko nimmt und vielleicht den Ball verliert. Oder einfach aus 25 Metern aufs Tor schießt, das braucht es auf jeden Fall. Es gibt nur hinten eine klare Regel bei uns: Dass in der gefährlichen Zone etwa 25 Meter vor dem eigenen Tor, die Risikobereitschaft absolut zu minimieren ist. Da ist es mit lieber, wenn in einer engen Situation der Ball einfach weit nach vorne oder auch auf die Tribüne fliegt statt dem Gegner leichte Chancen zu ermöglichen.

Stört es Sie denn, wenn manch Zuschauer dann auch mal meckert und die Spielweise als unattraktiv wahrgenommen wird?
Die Fans kommen ins Stadion, um ein erfolgreiches Spiel ihrer Mannschaft zu sehen. Das klappt natürlich nicht immer. Vor allem wenn die Ausrichtungen der Teams relativ gleich gelagert sind, wie in Liga zwei, kann das für die Zuschauer natürlich auch manchmal zäh aussehen. Und dann lässt der eine oder andere halt auch mal seinen Unmut raus. Aber ich finde, dass das bei uns in Darmstadt ziemlich human ist. Im Endeffekt braucht jeder Punkte und will in der Tabelle so weit oben wie möglich stehen. Darum geht es.

Herr Schuster, noch ein kurzer Blick auf kommenden Samstag. Da geht es zu Hause gegen Köln, einen der Favoriten auf den Aufstieg. Die Rollen dürften klar verteilt sein. Die Kölner um Spielkontrolle bemüht, Ihr Team eher in defensiver Ausrichtung, oder?
Ich glaube schon, dass Köln den Aufstieg als klares Ziel hat und daher gewinnen muss. Auch dass sie mehr Ballbesitz haben werden, ist wahrscheinlich. Aber eines ist auch sicher: Wir schicken eine Mannschaft auf den Platz, die das Spiel unbedingt gewinnen will.

Interview: Daniel Schmitt und Jakob Böllhoff

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