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Die Spieler haben von dem Notfall nichts gewusst.

Darmstadt 98

Zusammenbruch im F-Block

Während sich in Darmstadt die Niederlage gegen Schalke 04 anbahnt, kämpfen die Ärzte um das Leben eines Fans. Auch bei den Schalker Fans kommt angesichts dieses Vorfalls nach dem 2:0-Sieg ihrer Mannschaft nur gebremste Freude auf.

Von Steffen Gerth

Schweigen gehört zur Protestkultur von Fußballfans. Man ist verärgert, also versagt man seinem Team die Unterstützung. Als am Samstagnachmittag die Anhänger des SV Darmstadt 98 und des FC Schalke 04 Stille verabredeten, dann war das jedoch ein pietätvoller Akt. Mitte der zweiten Halbzeit war ein Darmstadt-Fan aus dem F-Block zusammengebrochen, er wurde vor Ort vom Notarzt reanimiert, später in einem Krankenhaus operiert. In solchen Momenten aus Solidarität zu schweigen hat Klasse, noch am Sonntag herrschte Ungewissheit über den Zustand des Anhängers.

Darmstädter Verantwortliche und noch mehr die Fanszene hat dieses Ereignis arg mitgenommen, schließlich geht es hier um einen populären und im Verein ehrenamtlich engagierten Anhänger – der noch in der Pause des Spiels auf der Haupttribüne Zuschauer um Spenden für die üblichen Choreografien des F-Blocks bat. Sogar bei den Schalker Fans kam angesichts dieses Vorfalls nach dem 2:0-Sieg ihrer Mannschaft nur gebremste Freude auf. Und vielen Darmstadt-Fans ist die Niederlage wurscht – Hauptsache, ihr Kollege kommt über den Berg.

Das Spiel selbst verlief dann in einer bizarren Atmosphäre, denn ins Schweigen der Fanblöcke reihten sich auch die normalen Stadionbesucher ein, und alle bewiesen, wie still 17 000 Menschen sein können. Bei der Darmstädter Mannschaft machte sich mangels Informationen Verunsicherung breit, warum die Stimmung eingefroren war. Für Stürmer Jan Rosenthal erinnerte alles an ein Kreisligamatch, sagte er später. Mit „irgendwie komisch“ fasste sein Kollege Peter Niemeyer diesen Tag der Lilien zusammen. Schlecht gespielt, verloren – und dann noch das Unglück im F-Block.

Knapper Vorsprung zum Relegationsrang

Das große sportliche Ganze betrachtet, sind die Lilien gemeinsam mit Hannover 96 der Verlierer des Wochenendes – von den Teams, die um den Verbleib in der ersten Liga kämpfen. Zwar ist der Vorsprung zu den beiden direkten Abstiegsplätzen komfortabel, aber die Distanz zum Relegationsrang beträgt nur noch zwei Zähler. Und sie müssen sich auf ihre Auswärtsstärke verlassen, denn ihre Defensivtaktik eignet sich immer weniger für Erfolge daheim. Der Misserfolg gegen Schalke war die fünfte Heimniederlage – der einzige Sieg am Böllenfalltor datiert vom sechsten Spieltag gegen Werder Bremen. Zwei, nun ja, Chancen hatten die Lilien am Samstag – Distanzschüsse von Mittelstürmer Sandro Wagner (85. und 86 Minute.). Zumindest beim zweiten war vom Schalker Torwart Ralf Fährmann etwas mehr Körperspannung gefragt. Mittelfeldmotor Niemeyer betonte zwar, dass man auch Schalke kaum Möglichkeiten gelassen habe, was für die eigene Stärke sprechen sollte. Doch die schlauen Teams dürften vielmehr erkannt haben, wie man gegen die Lilien spielt: Indem man sie mit deren Tugenden schlägt.

Also haben die Schalker ihre Abwehr geordnet gehalten, auf Chancen gelauert, „dann eiskalt zugeschlagen“, wie es Trainer André Breitenreiter formulierte. Der starke Max Meyer traf in der 43. Minute zum 1:0 und bereitete nach einem 40-Meter-Sprint und mit einem schönen Pass auf Leroy Sané dessen Treffer zum 2:0 vor (53.). Das war schmuckloser Ergebnisfußball auf einem Rasen, dessen Qualität Torwart Fährmann an einen Parkplatz erinnerte. Wie lange der am Samstag genervt wirkende Lilien-Trainer Dirk Schuster sich so einen Acker gefallen lässt und eine Grußadresse an die Stadt als Stadionbesitzer sendet, ist die Frage. Sein Stürmer Jan Rosenthal mahnte jedenfalls, „dass auch wir gute Platzverhältnisse für gutes Offensivspiel benötigen“.

Breitenreiter bemühte sich nach einer turbulenten Schalker Woche, in der sein angeblich schlechtes Verhältnis zur Mannschaft diskutiert wurde, um ein sachliches Fazit des Ausflugs nach Darmstadt. Nach der Niederlage gegen Bremen zum Rückrundenstart sei es wichtig gewesen, wieder in die Erfolgsspur zu finden. „Die Jungs haben über 90 Minuten fast fehlerfrei gespielt.“ Ende der Durchsage.

Und Schuster? Der griff zu einem Erklärungsklassiker bei einer Niederlage, also den Gegner zu einem Giganten zu reden. In der Tat tun sich die Darmstädter gegen die Spitzenmannschaften immer schwerer, für Schusters Team kommt es nun zunehmend auf die Spiele gegen die tabellarische Nachbarschaft an. Wie am kommenden Spieltag am Sonntagnachmittag beim Tabellenletzten in Hoffenheim.

Ob dann auch Felix Platte mitmachen darf, ist unklar. Irgendwie wollen die Lilien den jungen Schalker Stürmer bis Saisonende ausleihen, aber irgendwie ist noch nichts fix. Schuster würde ja gerne, hörte man aus ihm heraus, weniger hörte man allerdings heraus, woran es noch hapert. An diesem Montag um 18 Uhr endet die Transferperiode, und bis dahin müssen sich beide Teams geeinigt haben. Irgendwie. Aber es gibt derzeit Wichtigeres in Darmstadt.

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