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Ein Bild aus friedlichen Tagen: Lilien-Sportchef Carsten Wehlmann (links) und Trainer Dimitrios Grammozis.

Darmstadt 98

Zurück auf Los nach dem Grammozis-Abschied

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Dass der Trainer seinen auslaufenden Vertrag bei den Lilien im Sommer nicht verlängert, weil ihm die Laufzeit nicht gepasst hat, wirft ein schräges Licht - auf alle Beteiligten.

Im Grunde spielte der Ausblick auf das anstehende Heimspiel des SV Darmstadt 98 bei der gestrigen Pressekonferenz am Böllenfalltor keine Rolle, sie war aufgrund der Ereignisse des Vortages zur Marginalie verkommen. Und doch hatte sie bei genauerer Betrachtung eine Pointe parat. Denn der Darmstädter Gegner am Samstag (13 Uhr) ist der 1. FC Heidenheim, der nicht nur Tabellenvierter der zweiten Liga ist, sondern auch – und jetzt aufgepasst – von einem Trainer angeleitet wird, der bereits in seiner 13. Saison beim FCH ist: Frank Schmidt, 46, hat 456 Pflichtspiele als Coach für Heidenheim auf dem Buckel, was sein Darmstädter Pendant Dimitrios Grammozis zu folgender Aussage veranlasste: „Das zeigt, dass da ein Verein eine Strategie hat und mittlerweile daraus die Früchte trägt.“

Das war ein Lob für den Kontrahenten, zwischen den Zeilen war es aber wohl auch Kritik – am eigenen Arbeitgeber. Denn der 41-Jährige wird, wie berichtet, den Trainerposten bei den Südhessen nur bis zum Saisonende ausüben, er wird seinen im Sommer auslaufenden Vertrag nicht verlängern. Der SV 98 bot Grammozis den Job für eine weitere Saison an, zu wenig für den Coach. Gestern präzisierte er seine Bewegunggründe für den Abschied. Er sprach ruhig, machte einen professionellen Eindruck, fast emotionslos. „Ich wäre den Weg gerne weiter mitgegangen. Ich bin hier angetreten, um etwas zu entwickeln. Ich habe aber immer gesagt, dass es nur langfristig geht.“ Die Verhandlungen seien nicht am Geld gescheitert, „darum ging es in keiner Weise“. Auch seien es stets ehrliche Gespräche gewesen, „aber bei der Laufzeit sind wir nicht auf einen Nenner gekommen“.

Klar ist aber, dass ein Zwei- oder Dreijahreskontrakt anstelle eines Einjahresvertrags für Grammozis sehr wohl finanziell einen gehörigen Unterschied gemacht hätte, er damit über einen längeren Zeitraum sicher sein Verdienst hätte einplanen können, wodurch im Gegenzug für den Klub das Risiko gestiegen wäre, bei einer möglichen Entlassung längerfristig zwei Cheftrainer bezahlen zu müssen.

Dazu äußerte sich gestern auch Sportdirektor Carsten Wehlmann: „Wenn wir Dimi nicht ausreichend vertraut hätten, hätten wir ihm gar keinen Vertrag angeboten.“ Auch hätte der Klub im Vergleich zum Status quo dem vor einem Jahr von der U19 aus Bochum geholten Übungsleiter – Grammozis’ erster Trainerjob im Profifußball – einen finanziell verbesserten Vertrag angeboten, „am Ende hat für uns wirtschaftliche Vernunft – und das betrifft auch die Laufzeit – aber absolute Priorität“, sagte Wehlmann, dessen Argumentation sich so zusammenfassen lässt: Vereinsinteressen vor Einzelinteressen.

Derweil irritiert der lange Verlauf der Gespräche aber doch. Schon Anfang Januar im Trainingslager der Darmstädter kam es zum Austausch, etwas später, am 25. Januar, auf dem Neujahrsempfang der Südhessen, sagte Präsident Fritsch dann, dass er „keine irre lange Hängepartie“ erwarte. Offenbar waren sich die Vereinsoberen recht sicher, Grammozis zum Verbleib animieren zu können. Doch die beiden Seiten entfremdeten sich.

Großer Umbruch steht an

Während sich Fritsch und Kollegen auch noch Mitte Februar „keinen Druck“ machen lassen wollten, zumal damals die sportliche Situation ja noch recht kritisch war, äußerte Grammozis vor genau einer Woche vielsagend: „Die Gespräche laufen. Darüber hinaus haben wir jetzt das Spiel gegen Nürnberg im Blick. Alles andere wird sich ergeben – oder nicht.“

Das zurückliegende Spiel in Nürnberg gewannen die Darmstädter glücklich mit 2:1 und schoben sich in der Tabelle auf Rang sieben nach vorne, das Ziel, der Klassenerhalt, scheint nur eine Formsache. „Ich hatte das Gefühl, dass es jetzt der richtige Zeitpunkt ist, sich zu positionieren“, sagte Grammozis gestern, dem Anfang vergangener Woche ein schriftliches Vertragswerk vorgelegt wurde. Ein aus seiner Sicht zu spät und offenbar zu halbherzig vorgetragener Vorstoß. Nach FR-Informationen unternahm die Grammozis-Seite keinen Versuch mehr, noch einmal in weitere Verhandlungen einzusteigen. „Ich finde es sehr schade, weil ich das Gefühl hatte, etwas entwickeln zu können“, sagte der Trainer. Enttäuschung oder Wut verspüre er aber nicht.

„Langfristige Ideen zur Weiterentwicklung haben erst mal nicht zwingend mit Vertragslaufzeiten zu tun. Es hätte auch überhaupt nichts dagegen gesprochen, wenn man im Herbst oder Winter erneut zu einer weiteren vorzeitigen Vertragsverlängerung übereingekommen wäre“, sagte dagegen Carsten Wehlmann. Dies sollen die Lilien-Verantwortlichen dem Vernehmen nach Grammozis auch mehrfach so zugetragen haben. „Dimi hatte die Chance, bei uns über den Sommer hinaus zu arbeiten, diese wollte er nicht wahrnehmen, jedenfalls nicht zu den Konditionen. Solche Entscheidungen muss man nicht hundertprozentig nachvollziehen können, aber sie sind legitim. Deswegen macht es jetzt auch keinen Sinn, Schuldige suchen zu wollen – schwarz-weiß-Denken macht weder in die eine noch in die andere Richtung Sinn“, sagte Wehlmann.

Den Spielern hatte der Deutsch-Grieche am Mittwoch seine Entscheidung mitgeteilt. Er habe erkannt, „dass sie nicht gerade glücklich waren“. Weil zum Saisonende auch die Arbeitspapiere von 13 Profis auslaufen (unter anderem von den erfahrenen Tobias Kempe, Marcel Heller und Fabian Holland) wird sich der SV 98 im Sommer auf einen großen Umbruch einstellen müssen. Grammozis freilich ist in die Kaderplanung nicht mehr involviert, stattdessen wird er sich aus seiner Position der Stärke heraus, die im derzeitigen Erfolg der Darmstädter gründet, nach einem neuen Klub umsehen. Auch wenn er gestern betonte, bisher noch keinen Kontakt zu anderen Vereinen aufgebaut zu haben, dies wolle er erst jetzt tun, so soll Grammozis dem Vernehmen nach doch immer mal seine Fühler auch abseits von Darmstadt ausgestreckt haben.

Die Südhessen ihrerseits haben nun einige Wochen Zeit, um einen passenden Nachfolger zu finden – sicher ein Unterfangen, das ihnen gelingen wird, begehrt sind Trainerposten in Liga zwei allemal. Einfach wird die Suche aber gewiss nicht. Denn auch der Neue wird wohl ebenfalls nur einen Einjahresvertrag unterschreiben dürfen, sodass die Wahl des Klubs eher wieder auf einen vergleichsweise jungen, entwicklungsfähigen Coach fallen dürfte. Heißt für den SV 98: Zurück auf Los.

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