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Bis in die Haarspitzen motiviert: Neu-Trainer Torsten Frings.

Frings bei Darmstadt

So will Frings die Lilien retten

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Torsten Frings macht als Cheftrainer des SV Darmstadt 98 sofort klar, wie er seine Mission anpacken will: mit Kampf, Kraft und Willen.

Mit ein paar Minuten Verspätung marschierte der Mann, den sie Lutscher nennen, der aber gar nicht Lutscher genannt werden will und zu dem Django ohnehin viel besser passen würde, in den vollbesetzten Kellerraum im Darmstädter Stadion. Blitzlicht flackerte auf, sieben, acht Fernsehkameras fingen jede Bewegung und jeden Wortfetzen des neuen Darmstädter Heilsbringers ein, der sofort in den Angriffsmodus schaltete und eine ganze Menge Fighting Spirit versprühte.

Torsten Frings, 40, schwer tätowiert, ließ nicht einen Millimeter Raum für Zweifel an seiner Mission, die viele für ziemlich aussichtslos halten. „Wir haben den Glauben und den Mut, es schaffen zu können“, sagte der neue Cheftrainer der Lilien im Brustton der Überzeugung. „Wir alle sind heiß. Und ich bin überzeugt davon, dass wir eine andere Mannschaft sehen als zuletzt, eine, die die Darmstädter Tugenden, Herz, Willen, Leidenschaft und Einsatz bis zum Geht-nicht-mehr, auf den Platz bringen wird. Wenn wir uns mit Herz auf den Platz schmeißen, werden wir es packen.“

Wenn ein Eingangsstatement etwas über einen Menschen aussagen kann, dann weiß man schon jetzt ungefähr, mit welchem Typ es der SV Darmstadt 98 da zu tun bekommen wird. Mit einem, der niemals aufgibt, der Feuer aus jeder Pore schlagen lässt und der zu brodeln scheint wie ein Vulkan. Etwas anderes war aber auch nicht zu erwarten. Wo Torsten Frings draufsteht, steckt auch Torsten Frings drin.

Es war aber andererseits nicht so, dass der hochdekorierte frühere Nationalspieler bei seiner Aufsehen erregenden Vorstellung im Untergeschoss des Böllenfalltors nur inhaltsleere Phrasen gedroschen hätte. Da oben auf dem Podium saß zwar ein jung gebliebener Mann, der mit seiner langen Mähne und den Tattoos an den Unterarmen noch immer so aussah, als wolle er sich gleich die Kapitänsbinde überstreifen und sein Team in die nächste Fußballschlacht führen. Als Trainernovize legte er aber eine gewisse Demut an den Tag, die ihm gut zu Gesicht stand. „Man muss ja auch ehrlich sein: So eine Chance bekommt nicht jeder. Das ehrt mich, und es ist eine Riesensache für mich.“ Da hat er recht.

Fußballlehrer Frings hat noch keine Mannschaft als Chefcoach betreut, und dass so einer gleich seine ersten Schritte in der höchsten Spielklasse machen darf, ist durchaus ungewöhnlich. Für den Neu-Trainer ist dieses Engagement die große Gelegenheit, quasi über Nacht auf die große Bühne zurückzukehren und ein Ausrufezeichen zu setzen.

Insofern hat Torsten Frings nichts, aber auch gar nichts zu verlieren, zumal es für „den Rest der Republik“ (Frings) ja sowieso schon klar ist, dass der langjährige Bremer Mittelfeldspieler den SV Darmstadt 98 nicht vor dem Absturz in die zweite Klasse bewahren kann, was aber sicher nicht dem neuen Coach anzulasten wäre. „An uns glaubt doch niemand mehr, nur wir selbst.“

Zudem wurde mit Frings eine Partnerschaft bis 2018 beschlossen, die auch bei einem Abstieg eingehalten werden soll. „Wir sind kein Rettungsfall“, stellte Präsident Klaus-Rüdiger Fritsch klar. „Wir haben keinen Retter gesucht.“ Dafür den „Wunschkandidaten Frings“ (Fritsch) gefunden, der aber genauso ein Wunschkandidat war wie etwa Holger Stanislawski, der es aber vorzog, weiterhin seinen Lebensmittelgeschäft im Norden zu managen und daher den 98ern medienwirksam absagte. Diese Form hat Fritsch nicht geschmeckt.

Auch für die Lilien ist der Frings-Deal eine charmante Lösung, weil man einen unbeleckten Coach verpflichtet hat, der noch immer die Sprache der Spieler spricht und eine Mannschaft schnell hinter sich bringen kann. „Ich weiß, wie eine Mannschaft tickt und wie man sie führt“, sagte Frings, der stets seine Meinung sagte und zu den Führungsspielern zählte.

Nur nicht mehr Lutscher sein

Ihm traut man es zu, den nötigen Schwung und die Kraft zu entfalten, um aus den Lilien wieder einen verschworenen Haufen und das gallische Dorf zu machen, das sie einst unter Dirk Schuster wirklich waren. Ex-Trainer Norbert Meier hat diese „Wir gegen den Rest der Welt“-Haltung nie glaubhaft verbreiten können.

Das schafft Frings scheinbar spielend. Er habe schon mit vielen Spielern gesprochen, und diesen seien sofort Feuer und Flamme gewesen. „Das hat mich richtig glücklich gemacht.“ Frings will kein Trainer sein, der ein Klima der Angst schafft, sondern „auch mal einen Flachs kassiert“. Denn eines habe er in den vielen Jahren gelernt: „Dann geht eine Mannschaft für dich durchs Feuer und holt den Extra-Meter raus, der entscheidend sein kann.“

Nur eines ist für Frings klar, den Spitznamen Lutscher möchte er abgeben. „Ich habe ihn nie gemocht“, aber er sei über Jahrzehnte weitergegeben worden. Und das kam so: „Als ich als junger Spieler in Bremen ankam, habe ich gleich mal Andi Herzog beleidigt, ihm gesagt, ,Ey Lutscher, was soll die Scheiße?’“ Herzog, damals der Topstar, sei irritiert, aber ein „Kumpeltyp“ gewesen, der ihn seitdem einfach selbst Lutscher genannt habe. Das hat sich manifestiert. „Mir wäre es aber lieb, wenn man das hier nicht zu mir sagen würde.“ Django, der Westernheld, passt ja auch viel besser.

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