SV Darmstadt 98

Zu wenig

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Der SV Darmstadt 98 hat im Fall Änis Ben-Hatira zu lange darauf gehofft, das Thema würde von allein verschwinden. Diese Taktik war falsch. Ein Kommentar.

Es ist ja nicht so, dass der SV Darmstadt 98 nicht reagiert hätte. Als der Hessische Rundfunk aufdeckte, dass der Fußballprofi Änis Ben-Hatira sich für die islamische Hilfsorganisation „Ansaar International“ engagiert, die, so steht es im Jahresbericht 2015 des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen, dem Salafismus sehr nahesteht, da veröffentlichte der Bundesligist noch am gleichen Tag ein Interview mit Ben-Hatira auf seiner Homepage. In diesem bezog der 28-Jährige ausführlich Stellung zum Thema. Die Vorwürfe machten ihn traurig, sagte der Deutsch-Tunesier, seine sozialen Projekte würden dadurch in ein schlechtes Licht gerückt, und überhaupt „wehrt sich ‚Ansaar‘ öffentlich gegen die Behauptung, mit extremistischen Organisationen in Verbindung zu stehen“.

Ach so! Na dann. Viel mehr war dann allerdings nicht zu hören in der Sache, und weil ein Frage-Antwort-Spiel mit dem Betroffenen in einer politisch so diffizilen Angelegenheit dann doch ein bisschen wenig ist, sah sich nun sogar der hessische Innenminister Peter Beuth und am Freitag auch die Grün-Schwarze-Koalition in Darmstadt dazu aufgerufen, die Lilien öffentlich zu rüffeln und sie dazu aufzufordern, gegen das Engagement Ben-Hatiras vorzugehen.

Wie auch immer man zu Ben-Hatiras Engagement steht, dass er sich für in der Sache gute Projekte einsetzt wie den Bau eines Trinkwasserbrunnens in Ghana oder einen Trinkwassertruck in Gaza – dass der nicht in das erste Fettnäpfchen getretene Fußballer dies für eine Organisation tut, die der Verfassungsschutz als dem Salafismus nahe stehend einstuft, das hätte umgehend dazu führen müssen, dass die Lilien sich positionieren – klarer, als sie es getan haben. Stattdessen hat man dem Spieler selbst das Wort erteilt, der seine eigene Einschätzung über alle verfassungsrechtlichen Bedenken stellt – weil die Leute von „Ansaar“ ihm angeblich glaubhaft versichert hätten, mit Extremismus nichts zu tun zu haben.

Erst jetzt, da sich die hessische Politik einmischt, erklären die Darmstädter sich eindeutig so, dass sie sich „intern weiterhin mit dem komplexen Sachverhalt auseinandersetzen“ würden. Von außen betrachtet wirkt das, als hätten die Lilien darauf gehofft, das Thema würde von allein verschwinden. Aber für einen Erstligisten, der mit dem Slogan „Aus Tradition anders“ wirbt, der einen starken sozialen und sozial-politischen Kern hat und das auch facettenreich lebt, ist eine „Wir-sind-doch-nur-ein-Fußballverein“-Taktik irgendwie zu wenig. Manchmal muss man auch Themen forcieren, die man sich nicht selbst ausgesucht hat.

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