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Interner Klärungsbedarf: Trainer Ramon Berndroth.

Darmstadt 98

Verrat bei den Lilien

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Darmstadt 98 verliert auch in Freiburg, doch die Leistung stimmt. Interimstrainer Berndroth beklagt „Verräter“ im Team.

Der liebe Ramon Berndroth, mit den treuen Augen und dem gütigen Lächeln eines Mannes, den in diesem Leben nichts mehr so schnell erschüttert, dieser Ramon Berndroth kann also auch böse werden. „Wir waren nicht restlos eine Mannschaft heute, wir haben einen Verräter drin“, sagte der Interimstrainer von Darmstadt 98 nach der 0:1-Niederlage beim SC Freiburg. Und weiter: „Es gibt Spieler, die Entscheidungen akzeptieren und sagen, okay, ich bin trotzdem im Team. Es gibt andere, die sich maßlos überschätzen.“ Huch!

Welcher Spieler da den Zorn des Ramon Berndroth auf sich zog, ließ der 64-Jährige offen, „das werden wir natürlich intern ansprechen.“ Aber der Kandidatenkreis ist nicht groß. Es muss Jemand sein, der zuletzt gegen den Hamburger SV von Anfang an auf dem Platz stand und in Freiburg nun nicht. Auf Leon Guwara und Florian Jungwirth traf das aus rein gesundheitlichen Gründen zu, sie sind raus aus dem Verräterraten, und da Laszlo Kleinheisler und der sich aus taktischen Überlegungen nicht mal im Kader befindlichen Antonio Colak offiziell entlastet wurden, bleibt nur der Schwede Alexander Milosevic übrig. Mit Designerrucksack auf dem Rücken und Baseballcap auf dem Kopf, ein Rollköfferchen hinter sich herziehend, schlurfte der 24-Jährige nach dem Spiel wortlos Richtung Mannschaftsbus. Unter dem alten Trainer Norbert Meier war er noch gesetzt.

Auf dem Weg nach draußen müssen im engen Freiburger Stadion alle Spieler die Mixed Zone durchqueren, vorbei an den wissbegierigen Menschen mit Spiralblöcken und Aufnahmegeräten, und Michael Esser blieb stehen. Es galt, die entscheidende Szene des Nachmittags zu besprechen, der Torwart der Lilien hatte sie aus nächster Nähe miterlebt. In dieser 86. Spielminute war der Ball hoch in den SVD-Sechzehner geflogen, Essers Hoheitsgebiet, der 28-Jährige ist äußerst zuverlässig darin, Flanken einzukassieren. Doch diesmal, in der Luft kontaktiert vom Freiburger Caglar Söyüncü, verfingerte Esser sich („da gibt’s natürlich auch Schiedsrichter, die eventuell mal ... ja gut, ist ja egal“), der Ball fiel Nils Petersen vor die Füße, Nils Petersen fiel um, Artem Fedetskyy fiel um, der nicht zum ersten Mal so unglückliche Rechtsverteidiger der Lilien, und Schiedsrichter Wolfgang Stark zeigte vehement auf den Elfmeterpunkt. SC-Joker Petersen schaffte souverän den Siegtreffer.

Eine harte Entscheidung

„Zwei Spieler sind hingefallen, das soll beim Fußball schon vorkommen“, sagte Esser mit ironischem Unterton, auf den Resten eines Energieriegels kauend. „Es war eine harte Entscheidung. Aber es ist halt einfach so: Wenn du unten drin stehst, dann kommt das Pech noch dazu.“

Tatsächlich stehen die Lilien jetzt, nach der sechsten Niederlage in Serie, sehr weit unten in der Tabelle, so weit unten gar, dass es nicht mehr weiter runter geht. Ingolstadt und Hamburg haben gewonnen, Darmstadt ist Achtzehnter. „Jetzt kann es ja nur noch nach oben gehen für uns“, sagte Berndroth auf der Pressekonferenz, „aber das Gute ist, dass wir von den Punkten her konkurrenzfähig sind“, und auch die Leistung auf dem Platz habe gezeigt, dass es noch eine interessante Saison werden könne.
Tatsächlich sah Spiel eins nach Norbert Meier wie der Anfang von etwas Neuem aus für die Lilien. Das Darmstädter Trainerteam mit Berndroth, Torwarttrainer Dimo Wache und Videoanalyst Kai-Peter Schmitz, das alle Entscheidungen in enger Abstimmung trifft, vermittelte der Mannschaft offenbar schon mit der Aufstellung jenen Mut, den die Spieler dann auf dem Rasen zeigten. Jérôme Gondorf feierte in der Mittelfeldzentrale sein Comeback, er spielte neben Mario Vrancic – eine taktische Variante, die Meier stets zu offensiv gewesen war. Der nominelle Sechser Peter Niemeyer lief überraschenderweise in der Innenverteidigung neben Aytac Sulu auf, und auch Jan Rosenthal zeigte hinter Solostürmer Sven Schipplock eine durchaus inspirierende Leistung.

Gerade in der ersten Halbzeit wies der SV98 eine starke Defensiv-Offensiv-Balance auf. Sie standen so kompakt, dass der SCF auf dem Boden keine Lösungen fand und auf lange Bälle zurückgreifen musste, die das Duo Niemeyer/Sulu mit großer Autorität verteidigten. Und auch nach vorne agierten die Lilien mit einer in dieser Saison noch nicht gesehene Überzeugung; Vrancic schoss knapp vorbei (29.), Fedetskyy traf den Pfosten (42.). Nach der Pause wurden die Gastgeber zwar dominanter, hatten Chancen, und doch hätte genauso gut Schipplock die Lilien in Führung bringen können (72./73.) oder Gondorf den Ausgleich besorgen (87./90.+4).

„Leider hat heute einfach ein Hauch gefehlt“, sagte Gondorf, „aber es hat Spaß gemacht, man hat das Feuer gesehen und die Leidenschaft.“ Klingt aufregend, und was ist eine gute Abenteuergeschichte schon ohne Verräter.

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