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Auf einem Abstiegsrang: Aytac Sulu, Milosevic Sjöström und Darmstadt 98.

Darmstadt - HSV

Unsichtbare Bananenschalen

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Darmstadt verhilft Hamburg zum ersten Saisonsieg in der Bundesliga und diskutiert die Trainerfrage.

Einmal, die zweite Halbzeit hatte gerade erst begonnen, muss Aytac Sulu sich vorgekommen sein wie die unglückliche Hauptfigur eines Cartoons. Erst unterlief dem Innenverteidiger ein schwerer technischer Fehler, und als er dann eilig versuchte, dem verlorengegangenen Ball hinterherzurennen, rutschte er aus und fiel hin. Ab und zu gibt es diese Spiele, da scheint der Rasen für eine der Mannschaften gepflastert zu sein mit unsichtbaren Bananenschalen, aber für den SV Darmstadt 98 und seinen Kapitän Sulu gibt es diese Spiele derzeit eben ziemlich häufig. Die 0:2-Niederlage gegen den Hamburger SV war die sechste Pflichtspielniederlage in Folge, eine im Pokal, die anderen in der Liga. Wie schon zwei Wochen zuvor, bei der Heimniederlage gegen Ingolstadt, verhalfen die Lilien einem Gegner zum ersten Saisonsieg überhaupt.

Wie im falschen Film kommen sie sich bei den Lilien zwar nicht gerade vor, als 16. in der Tabelle, mit acht Punkten. War doch von Anfang an klar, dass es eine langer, schwieriger Kampf gegen den Abstieg werden würde in dieser Saison: wegen des Umbruchs im Sommer, wegen des grundsätzlichen Standortnachteils gegenüber der Erstligakonkurrenz, wegen all dieser Dinge. Und doch kann ihnen der Handlungsbogen überhaupt nicht gefallen, in dem einige Fans längst Trainer Norbert Meier als Schuldigen für die Misere ausgemacht haben. Als Matthias Ostrzolek in der 90. Minute das 2:0 für die Hamburger schoss, mit seinem ersten Tor überhaupt in 133 Bundesligaspielen, da ertönten reflexartig wieder jene Pfiffe und „Meier-raus!“-Rufe auf den Tribünen, die schon gegen die Ingolstädter so deutlich vernehmbar gewesen waren. So klingt er, der Sound des Abstiegskampfes.

Den Bock umstoßen

Und hinterher vermieden ein paar wichtige Leute bei den Lilien verdächtig, dem Trainer den Rücken zu stärken. Sulu, dem ohnehin ein schlechtes Verhältnis zu Meier nachgesagt wird, antwortete auf die Frage, ob die Mannschaft mit diesem Trainer weiterarbeiten will: „Wir wollen den Bock umstoßen, so schnell wie möglich. Alles andere liegt nicht in unserer Macht.“ Wobei nur ganz böse Zungen behaupten, mit dem Bock habe er Norbert Meier gemeint.

Präsident Rüdiger Fritsch hatte unter der Woche noch einer Boulevardzeitung erzählt, dass er von der Maßnahme Trainerwechsel nicht viel halte, weil sie zu einem hohen Prozentsatz gar nichts bringe. Nach dem Spiel gegen Hamburg schien er allerdings auch nicht allzu viel davon zu halten, sich klar und deutlich für seinen Cheftrainer auszusprechen. „Ich bin dafür da, das große Ganze zu betrachten, und da muss man sagen, dass es in den zurückliegenden Jahren nur nach vorne ging für uns“, sagte Fritsch. Es sei nicht opportun, den ersten, emotionalen Reaktionen Folge zu leisten: „Aber wir werden natürlich genau hinschauen, wie es weitergeht.“

Gegen die Hamburger war zu sehen, dass Kampf und Krampf nicht nur sprachlich eng beieinander liegen. 30 Minuten lang agierten die Darmstädter zwar auf einem Niveau mit dem HSV, was aussah, als wollten die Teams eine fußballerische Defintion von Abstiegskampf auf den Platz bringen. Dann aber gingen die Hamburger in Führung, Flanke Kostic, Kopfball Gregoritsch (30. Spielminute). Und was nach der Pause geboten wurde im Stadion am Böllenfalltor, speziell von den Darmstädtern, das erinnerte nur mit viel gutem Willen an so etwas wie Fußball. Ohne Probleme hielten die Hanseaten, die mit nun sieben Punkten auf Platz 17 stehen, die Lilien von ihrem Tor fern, und alle Darmstädter Bemühungen zeugten von großer spielerischer Hilf- und Einfallslosigkeit. „Wir hatten heute nicht das Glück auf unserer Seite, Lösungen zu finden“, sagte Flügelstürmer Marcel Heller. Das war vermutlich nur etwas ungeschickt formuliert. Aber sollten Lösungen tatsächlich nur etwas mit Glück zu tun haben in Darmstadt, dann dürften sich die nächsten Wochen zum Lilien-Drama entwickeln.

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