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In Hannover sagt man Tschüss: Marc Stendera sieht Gelb-Rot. 

Darmstadt-Sieg in Hannover

Der unglaubliche Abend des Marc Stendera

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Darmstadt 98 erkämpft sich in Hannover den Sieg: Hauptthema ist danach aber die Wut des Ex-Frankfurters und jetzigen Hannoveraners Marc Stendera.

Genau 92 Minuten lang absolvierte sie ihre Aufgabe ohne Auffälligkeiten, aufrecht stehend wie immer, sich kaum rührend, nur ein bisschen im Lüftchen mitwackelnd. Sonst nichts, ganz normaler Eckfahnen-Alltag – bis Marc Stendera kam. Der Fußballspieler von Zweitligist Hannover 96 kriegte sich in dieser zweiten Minute der Nachspielzeit gar nicht mehr ein und ließ seinen Frust an der unschuldigen Fahnenstange aus. Der Ex-Profi von Eintracht Frankfurt, Anfang September ja erst nach Niedersachsen gewechselt, holte aus und trat zu. Die Fahne wippte erst gar nicht nach hinten, sie flog gleich aus ihrer Halterung. Der Kick hatte gesessen. Klassischer Knockout.

Marc Stendera hatte am Montagabend beim Heimspiel seiner 96er gegen den SV Darmstadt 98, das die Südhessen nicht unverdient mit 2:1 für sich entschieden, einen kurzen Auftritt auf dem Rasen, gerade mal die finalen acht Minuten des Spiels durfte er mitmachen, er lief in dieser Zeit einen Kilometer, war viermal am Ball, schoss einmal auf den Kasten und dann auch noch hinein.

Denn Marc Stendera – das war auch der Grund für seinen späten Fahnentritt und die ihm in der Folge gezeigte Gelb-Rote Karte – erzielte nach 87 Minuten den vermeintlichen Ausgleich für Hannover. Aus 24 Metern haute er den Ball in den Winkel, ein herrlicher, unhaltbarer Treffer und gleichzeitig der erste für den gebürtigen Kasselaner seit dem 24. Oktober 2015 – damals hatte er ausgerechnet in Hannover gleich doppelt für die Eintracht getroffen. Bloß: Das Traumtor am Montagabend zählte nicht. Schiedsrichter Martin Thomsen hatte den Ball zuvor mit dem Rücken abgelenkt, was seit dieser Saison in entscheidenden Situationen zu ahnden ist, sodass die Partie statt mit einem Anstoß für Darmstadt mit einem Hochball fortgesetzt wurde. Kurios, aber regelkonform.

„Es war ein schönes Tor, aber zu unserem Glück hat es nicht gezählt“, sagte der Darmstädter Mittelfeldspieler Tobias Kempe, dessen erster Saisontreffer nach 29 Minuten daher der entscheidende für den 2:1-Auswärtssieg der Hessen war. Zuvor hatte Hannovers Waldemar Anton die Lilien per Eigentor in Führung gebracht (4.) und Genki Haraguchi für die 96er ausgeglichen (14.). „Am Ende hatten wir natürlich das Glück, dass das absolute Traumtor von Stendera nicht zählt“, sagte Gästetrainer Dimitrios Grammozis, „das ist bitter für Hannover, aber trotzdem ist unser Sieg nicht unverdient.“ Wenngleich sich diese These an den reinen Zahlen eher nicht ablesen lässt – so hatten die Darmstädter nur 36 Prozent Ballbesitz und gewannen nur 44 Prozent der Zweikämpfe – ist sie dennoch nicht grundlegend falsch.

Happiges Restprogramm

Die Lilien zeigten gerade im ersten Abschnitt eine gute Leistung, da waren sie den sichtbar verunsicherten Gastgebern überlegen. Durch das frühe Anlaufen der Hannoveraner Hintermannschaft erzwang der SV 98 einige Fehler beim Bundesligaabsteiger, der vor der Saison die direkte Rückkehr ins Fußball-Oberhaus angepeilt hatte, sich jetzt aber im Tabellenkeller wiederfindet. Für manch einen Profikicker ein offenbar nur schwer anzunehmende Realität: „Ich denke, dass wir ein klares Ziel vor der Saison hatten und das hieß nicht Klassenerhalt, sondern so schnell wie möglich wieder aufzusteigen“, sagte 96-Stürmer Hendrik Weydandt trotzig: „Es ist meiner Meinung nach nur ein kleines Rädchen in dieser Maschinerie, das klemmt.“ Kann man so sehen, sollte man wohl besser nicht. Sonst könnte es erst recht gefährlich werden.

Bei Darmstadt 98 haben sie nach dem mäßigen Verlauf der bisherigen Runde längst erkannt, dass es zurzeit vordringlich darum geht, mit viel Einsatz Punkt für Punkt zu sammeln und sich dadurch Lockerheit zu erkämpfen. „Großes Kompliment an die Mannschaft, die mit viel Mentalität verteidigt hat“, war Coach Grammozis stolz auf seine Truppe, die vor allem nach dem Seitenwechsel in den Zweikämpfen resolut dazwischenfegte und Hannover somit ausstach.

Nach dem zweiten Auswärtssieg der Saison haben die Darmstädter nun vier Zähler Vorsprung auf die Niedersachsen und damit auch auf den bedrohlichen Relegationsrang 16. Ein kleines Polster zwar nur, das aber umso wichtiger werden könnte mit Blick auf die kommenden Aufgaben bis zur Winterpause. Denn diese haben es in sich für die Fußballer vom Böllenfalltor. Am Sonntag geht es daheim gegen das Überraschungsteam aus Bielefeld weiter, dann folgen das Hessenderby beim SV Wehen Wiesbaden sowie die Begegnungen gegen die großen Zwei der Liga, den VfB Stuttgart und den Hamburger SV. Happige Vorweihnachtszeit.

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