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Kopfball-Dominanz verloren: Der Mainzer Alexander Hack (re.), überspringt Alexander Milosevic.

SV Darmstadt 98

Vom Sommer verschluckt

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Dem SV Darmstadt 98 ist eine seiner größten Stärken abhandengekommen: Tore nach Standardsituationen zu erzielen.

Beim SV Darmstadt 98 war man zuletzt ja sehr bemüht, die Vergangenheit die Vergangenheit sein zu lassen. Den erzwungenen Umbruch im Sommer, mit vielen Ab- und noch mehr Zugängen, haben die Lilien um ein paar freiwillige Veränderungen erweitert. So trennte sich der Klub Anfang Oktober von Mannschaftsarzt Klaus Pöttgen, einem engen Vertrauten von Ex-Trainer Dirk Schuster, und installierte auf dem Posten Alexander Lesch. Der Verein, so scheint es, will sich von der Ära Schuster loslösen, er möchte einen Weg in die Zukunft finden, der nicht an Einzelschicksale gebunden ist. Ein ganz bestimmtes Einzelschicksal bleibt dabei allerdings auf besonders tragische Art und Weise auf der Strecke bei den Lilien: Jenes der Standardsituation.

So war das natürlich nicht gedacht, ganz so weit soll die Emanzipation vom Früher dann doch nicht gehen. Während die Standardsituation in der vergangenen Saison noch in schöner Regelmäßigkeit zum Mitarbeiter des Monats ernannt wurde am Böllenfalltor, fristet sie inzwischen ein unangenehmes Schattendasein. „Vorige Saison waren die Standards unsere Lebensversicherung“, sagte Lilien-Kapitän Aytac Sulu nach dem 1:2 in Mainz am Sonntag, als all die Eckbälle, all die Halbfeld-Freistöße mal wieder im gegnerischen Strafraum verpufft waren. „Im Moment ist es schwierig, wir müssen daran arbeiten. Die Qualität ist ja eigentlich noch da, wir haben genügend Wucht und Körpergröße. Übung macht den Meister“, kommentierte Sulu die Flaute bei ruhenden Bällen in der laufenden Saison.

Am Freitag noch hatte der SVD eine Extraschicht eingelegt, um die alte Standardstärke wiederzubeleben. Ohne Erfolg. Nur bei einem von sieben Eckbällen wurde es bedrohlich für das Mainzer Tor, in der 63. Spielminute, als Antonio Colak sich von der Torlinie löste und aus der Drehung FSV-Keeper Lössl anschoss. Ansonsten segelten die Hereingaben von Jérôme Gondorf mal hierhin und mal dorthin, aber nur sehr selten in eine Richtung, wo ein Darmstädter Kopf in der Nähe gewesen wäre. Auch später, als Linksfuß Änis Ben-Hatira im Spiel war und das Standardspektrum der Gäste um die eine oder andere Variante erweiterte, blieben sie beim ruhenden Ball schwach. „Wir haben da Luft nach oben“, gab Sportdirektor Holger Fach nach dem Spiel zu – was man bei manchen Ecken, die schon am ersten Pfosten von einem Mainzer weggeköpft wurden, sogar wortwörtlich nehmen konnte.

Premierentor in der Fremde

Wenn die Darmstädter in der Bundesliga bleiben wollen, werden sie nicht umhin kommen, ihre Standardstärke zu reanimieren. Ecken und Freistöße sind das Werkzeug der Außenseiter, wenn der Ball hoch in die Strafräume gewuchtet wird, dann haben die feinen Füße Pause, dann zählen Wucht und Wille. Vor allem auswärts lassen sich so Ergebnisse erzwingen, die man dem Spielverlauf im Zweifelsfall nicht zugetraut hätte. Auch das haben sie in der Vorsaison gezeigt, die Lilien, als sie das viertbeste Team der Bundesliga auf fremdem Platz stellten.

Aber die Darmstädter Auswärtsstärke ist ja auch so ein Aspekt, den der Sommer verschluckt hat. In Mainz kassierte der SVD beim vierten Gastauftritt die vierte Niederlage, und nur weil Gondorf in der Nachspielzeit noch bei einem fragwürdigen Handelfmeter das Anschlusstor schoss, haben die Südhessen nun wenigstens das erste Törchen in der Fremde erzielt. Stattdessen scheint man nun rausgefunden zu haben, wie das Punkten im heimischen Stadion am Böllenfalltor funktioniert: Fünf Zähler aus drei Spielen. Immerhin die neue Heimstärke ist eine Veränderung, die man in Darmstadt gerne sieht.

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