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"Das Spiel in Paderborn hat kein gutes Gefühl hinterlassen": Dirk Schuster.

Darmstadt 98

Der Schuh drückt - hinten, vorne, überall

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Der SV Darmstadt 98 bekommt zu viele Gegentore, um an seinem eindimensionalen Offensivkonzept auch in der Rückrunde festhalten zu können - Trainer Schuster sucht nach Lösungen und hofft auf Verstärkungen.

Das letzte eingefangene Fernsehbild von Dirk Schuster, das aus dem Jahr 2018 überliefert sein wird, ist ein bezeichnendes: Der 50-Jährige mit hochrotem Kopf, die weit aufgerissenen Augen fast aus ihren Höhlen springend, die Hände wild durch die Luft wirbelnd, dass sich Umstehende abducken müssen, um nicht die volle Breitseite zu kassieren. Es war nicht schwer abzulesen aus dieser festgehaltenen Sequenz: Bei Dirk Schuster, Trainer des Fußball-Zweitligisten SV Darmstadt 98, musste der Frust raus. Lieber explodieren statt implodieren.

Der Grund für den Ausbruch des Vulkans in menschlichem Gewand: Sechs Gegentore in nur 90 Minuten, der Tiefpunkt eines ganzen Jahres am letzten Spieltag des Jahres. Einen Tag vor Heiligabend war das, da gingen die Darmstädter mit 2:6 in Paderborn unter. So eine heftige Abfuhr hatten sie in 33 Zweitligaspielen diesen Jahres zuvor nicht erhalten. Weder in der Hinrunde der aktuellen Spielzeit, da standen vorher nur die beiden klaren September-Pleiten in Dresden (1:4) und Kiel (2:4), und schon mal gar nicht in der erfolgreichen Rückrunde der Vorsaison.

„Das Spiel hat gezeigt, wo der Schuh drückt“, sagte Schuster anschließend. Er meinte damit das Offensichtliche: die Defensive. Zuvorderst natürlich die anfällige Viererkette um den in der Hinserie ziemlich schwächelnden Chef der Kompanie, den 33-jährigen Kapitän Aytac Sulu. Der Trainer spielte aber auch ganz allgemein auf die zu oft fehlende Bereitschaft der ganzen Truppe an, sich in der Rückwärtsbewegung vollends zu verausgaben.

Denn eine derartige Gegentorflut - 33 Tore kassierten die Lilien bereits in dieser Saison, das wird nur noch von Schlusslicht Ingolstadt und dem Tabellenvorletzten Magdeburg, je 35 Buden im eigenen Netz, überboten -, das hatte der 50 Jahre alte Fußballlehrer so sicher nicht erwartet.

Seit Jahren stehen die Mannschaften des gebürtigen Chemnitzers für eine solide, kompromisslose Abwehrarbeit. Erst unlängst beschrieb Schuster sein einfaches, aber meist effektives Defensivkonzept im Gespräch mit der FR wie folgt: „Es gibt eine klare Regel bei uns: Dass in der gefährlichen Zone etwa 25 Meter vor dem eigenen Tor, die Risikobereitschaft absolut zu minimieren ist. Da ist es mit lieber, wenn in einer engen Situation der Ball einfach weit nach vorne oder auch auf die Tribüne fliegt statt dem Gegner leichte Chancen zu ermöglichen.“ Klingt einfach, ist es aber offenbar nicht. „Das Spiel in Paderborn hat aber kein gutes Gefühl hinterlassen“, sagte Schuster.

Neuer Sechser soll kommen

Immerhin: Trotz der vielen Bälle im eigenen Netz befinden sich die Darmstädter als Tabellen-13. mit sechs Zählern Vorsprung auf die Abstiegszone „rein tabellarisch im Soll“, wie Schuster findet. Aber: „19 Punkte aus 18 Spielen sind kein guter Schnitt. Zu 100 Prozent zufrieden sind wir deshalb nicht.“ Dürfen sie auch nicht sein.

Denn es ist nicht so, dass der vom Coach angeführte Schuh nur an der Ferse ein bisschen eng ist, auch die Zehen, also die Angreifer, könnten in der Rückrunde mehr Raum vertragen. Sie sind doch sehr eingeengt, eingeengt in einem zu eindimensionalen Offensivkonzept. Auch wenn Schuster betont, dass seine Mannschaft im Angriffsspiel mehr Varianten habe als die häufig kritisierten weiten Schläge nach vorne („Das ist ein alter Hut aus der Vergangenheit in der Bundesliga“), rausgekramt werden diese viel zu selten. Die Darmstädter spielen im ligaweiten Vergleich weniger Pässe als die Konkurrenz (376 pro Spiel statt 401), produzieren trotzdem mehr Fehlpässe (106 zu 103) und schießen im Schnitt zweimal seltener pro Spiel auf den Kasten als die Gegner.

Spielt Mittelstürmer Serdar Dursun noch eine gute Saison, der 27-Jährige arbeitet als einzige Spitze viel und war zudem sechsmal erfolgreich, kommt von den Männern dahinter zu wenig. Der bundesligaerprobte Rechtsaußen Marcel Heller traf ebenso wie sein Pendant auf links, der technisch hochveranlagte, aber viel zu umständlich agierende Joevin Jones, erst zweimal. Marvin Mehlem genießt als Spielmacher nur phasenweise das Vertrauen seines Trainers, fehlt dem schmächtigen 21-Jährigen bei aller vorhandener Technik doch mitunter der Biss im Zweikampf. Und so würde Schuster liebend gerne Tobias Kempe, seinen Kopf der Mannschaft im defensiven Mittelfeld, dazu sechsfacher Torschütze und vierfacher Vorarbeiter, gerne eine Position nach vorne schieben. „In der Zentrale auf der Sechser-Position sind wir nicht so aufgestellt, wie wir das brauchen“, sagt der Trainer, „Tobias Kempe könnte bei einer Verpflichtung wieder offensiver spielen, ein weiterer Spieler würde also unsere Optionen erweitern.“

Ab Donnerstag also, dann starten die Lilien in die Vorbereitung auf die am 29. Januar gegen den FC St. Pauli beginnende zweite Saisonhälfe, liegt viel Arbeit vor dem Fußballlehrer des SVD. Denn eines ist klar, um im sprachlichen Bild zu bleiben: Der Darmstädter Schuh, er drückt gewaltig. Hinten, vorne, in der Mitte, eigentlich überall. Wie gut, dass der Trainer ein geborener Schuster ist. (mit dpa)

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