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Da geht es drunter und drüber in Darmstadt: Bremens Verteidiger Theodor Gebre Selassie fliegt über Kapitän Aytac Sulu hinweg.

Darmstadt 98

Im Schatten der Lilie

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Darmstadt 98 kappt im Hintergrund die Verbindungen zum Ex-Trainer - nun muss Mannschaftsarzt Pöttgen gehen.

Mehr als 17 000 Zuschauer haben am Samstag im Stadion am Böllenfalltor ein Bundesligaspiel gesehen, das sich wechselhaft wie das Wetter gestaltete. Unter dem Strich wird dem 2:2 (1:0) zwischen dem SV Darmstadt 98 und Werder Bremen kein Lilien-Fan lange nachtrauern. Nachhallen könnte aber eine Personalie, die bislang noch unter Verschluss gehalten wird. Zeitgleich ist nämlich die Trennung vom bisherigen Mannschaftsarzt Klaus Pöttgen besiegelt worden, der den kometenhaften Aufstieg der Südhessen eng begleitet hatte und wohl letztmals im Stadion saß.

Der Sportliche Leiter, Holger Fach, bestätigte der FR den Sachverhalt: „Wir wollen uns in diesem Bereich neu aufstellen. Jeder Trainer bringt seine eigenen Vorstellungen mit, und deshalb wird den internistischen Bereich künftig Alexander Lesch verantworten.“ Damit erklärte Fach indirekt, dass vor allem Cheftrainer Norbert Meier das Team hinter dem Team weiter umgestaltet – und im Grunde fast alle Verbindungen kappt, die zum Vorgänger Dirk Schuster führen.

Nach FR-Informationen werden diese Maßnahmen unter einigen Profis intensiv debattiert, schließlich war die ausgezeichnete Fitness und die niedrige Verletzungsrate eine Grundlage für den Durchmarsch und den Verbleib in der Bundesliga. Nach einer Erhebung der Internetseite www.fussballverletzungen.com hatte Darmstadt in der vergangenen Saison die wenigsten Ausfalltage pro Spieler zu beklagen (die FR berichtete). „Tatsächlich kann man sehr viel auf falsche Trainingsmethoden, Überlastung und mangelhafte ärztliche Behandlung zurückführen“, erläuterte Fabian Siegel, der Betreiber der Webseite, der dem Bundesliga-Aufsteiger diesbezüglich „sensationelle Werte“ zuschrieb.

Cheftrainer Schuster legte mit Co-Trainer Sascha Franz und Fitnesstrainer Frank Steinmetz großen Wert auf Prophylaxe – für ihn stets ein „Riesenthema“. Der vom Fachmagazin „Kicker“ zum „Trainer des Jahres“ gekürte und inzwischen beim FC Augsburg arbeitende Schuster erwähnte im Interview am 21. Dezember vergangenen Jahres explizit den aus dem Triathlon-Bereich kommenden Pöttgen – jahrelang medizinischer Direktor des Frankfurt Ironman – als Erfolgsgaranten. „Unser Mannschaftsarzt deckt mit vielen guten Ansätzen ein breites Spektrum über Ernährung, Verletzungsprophylaxe und Krankheitsvorsorge ab.“ Man habe im ersten Schritt den Kuchen- und Bananenkorb vor dem Spiel aus der Kabine verbannt. „Dr. Pöttgen führte dafür Energiegels und Proteinriegel ein.“ Der in Darmstadt tätige Fachmediziner legte großen Wert darauf, die Fußballer für einen eigenverantwortlichen Umgang mit allen medizinischen Fragestellungen – darunter auch die Einhaltung der Antidopingregeln – zu sensibilisieren.

Pöttgen selbst möchte keine schmutzige Wäsche waschen – und gibt sich aufgeräumt. Der 52-Jährige saß nach der Bremen-Partie ein letztes Mal mit den Vereinsvertretern und Spielern in der Böllenfalltorhalle. Inzwischen hat der Mediziner, der zuerst von Kosta Runjaic in Drittliga-Zeiten eingebunden wurde, seine Arbeitskarte abgegeben. „Ich bedanke mich beim Verein für mehr als fünf fantastische Jahre“, sagt Pöttgen, der zu Saisonbeginn mit Thomas Saltzer als Leiter des Ärzteteams genannt wurde. Zuvor war der verdiente Orthopäde Michael Weingart aus Altersgründen nach 34-jähriger Tätigkeit ausgeschieden.

Auch ihn muss eine Aussage von Rüdiger Fritsch im „Darmstädter Echo“ nun arg irritiert haben, als der Präsident offenbar jede Debatte um Meier im Ansatz ersticken wollte. „Dieses Jahr wäre auch schwer geworden, wenn der Trainer immer noch Schuster heißen würde. Wir haben derzeit das qualitativ beste Funktionsteam, das wir uns vorstellen können“, behauptete Fritsch, „unsere medizinische Abteilung ist besser aufgestellt als letztes Jahr.“ Aber ist sie das wirklich, wenn Kapitän Aytac Sulu wegen seiner Wadenblessur immer wieder Trainingsversuche abbrechen musste oder ein angeschlagener Stammspieler einen anderen Arzt konsultiert haben soll? Dem Vernehmen nach bröckelt der einstige Zusammenhalt, den das alte Trainer- und Funktionsteam verkörperten, gerade an einigen Stellen.

Als Mosaikstein passt die Pöttgen-Trennung dazu, die Fritsch auf FR-Anfrage so erklärt: „Er hat hier mehrere Jahre gute Arbeit geleistet. Aber nachdem wir die orthopädische Seite neu gestaltet haben, wollten wir nun auch auf internistischer Schiene einen Wechsel vornehmen. Die Gründe bleiben im Hause.“ Angesprochen auf Pöttgens hohes Ansehen bei Schuster meinte der Lilienboss lapidar: „Wenn er jetzt frei ist, kann er ja nach Augsburg gehen.“

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