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Nach dem Weihnachtsessen geschasst: Norbert Meier.

SV Darmstadt

Die Rückkehr der Ur-Instinkte

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Ein Weihnachtsessen auf dem Jagdschloss Kranichstein gab den Ausschlag für die Entlassung von Norbert Meier. Schon rücken in Darmstadt alle wieder ein Stück zusammen.

Der Name Ramon Berndroth war schon am Sonntagabend gefallen im Presseraum des Darmstädter Stadions. Sollten sich der SVD nach der Niederlage gegen den HSV dazu entschließen, Trainer Norbert Meier auf die Schnelle zu entlassen, so frotzelte ein Journalist zum anderen, dann würde man bestimmt den erfahrenen Fußballlehrer und Leiter des Darmstädter Nachwuchsleistungszentrums fragen, ob er den Job mal eben übernehmen wolle. Anschließend haben beide Reporter gelacht.

Inzwischen ist der Witz zur Wirklichkeit geworden. Berndroth, 64, wird die Rolle als Cheftrainer also interimsmäßig übernehmen, vermutlich für die drei Spiele bis zur Winterpause in der Bundesliga, am kommenden Samstag in Freiburg, dann gegen die Bayern und abschließend bei Hertha BSC.

Weil der Sonntagabend nach dem 0:2 gegen den HSV dann doch eine Dynamik entwickelte, die Präsident Rüdiger Fritsch in der vergangenen Woche so nicht vorhersehen konnte. Jüngst hatte er noch zur „Bild“-Zeitung gesagt, ein Trainerwechsel habe seiner Meinung nach zu 99,1 Prozent keinen Sinn.

Am Dienstagmittag erklärte er dann der versammelten Presse im Bauch des Stadions am Böllenfalltor, warum er sich schließlich doch auf die Seite der 0,9 Prozent stellte. „Zum einen ist Fußball ein Ergebnissport“, sagte der 55-jährige Jurist. Die Bundesligatabelle, die die Lilien nach fünf Niederlagen in Folge inzwischen auf Platz 16 führt, lüge nicht. „Zudem“, und das sei der zweite, entscheidende Aspekt gewesen in der Entscheidungsfindung, „haben wir nach dem Hamburg-Spiel sehr viele intensive Gespräche geführt, natürlich auch mit dem Trainerteam.“ Und diese ganzen Gespräche habe man dann sacken lassen und sei schließlich zum Ergebnis gekommen, dass es besser sein könnte, „könnte!“, betonte Fritsch, so zu handeln.

Im Laufe des Abends, bei einem Weihnachtsessen der Lilien auf dem Jagdschloss Kranichstein im äußersten Nordosten Darmstadts, sind offenbar nicht nur feine Speisen auf den Tisch gekommen. Sondern, so ist zu hören, auch harte Fakten über das nicht eben optimale Verhältnis zwischen Teilen der Mannschaft und Trainer Meier, die Fritsch in dieser Deutlichkeit möglicherweise zum ersten Mal hörte. „Natürlich kommen entscheidende Themen hoch, wenn man so zusammensitzt, man schaut sich ja nicht die ganze Zeit auf die Füße. Da hat aber jeder mit jedem geredet“, erläuterte Fritsch, ohne in jenen Bereich einzudringen, den er als „Ein-Meter-Bereich“ beschreibt und unbedingt vor öffentlichen Blicken schützen will.

Am Ende aller Gespräche jedenfalls hatte Fritsch ein Gesamtbild vor sich, in dem einige Mosaiksteinchen einfach nicht mehr zusammenpassen wollten. „Man kann diesem Trainerteam nichts vorwerfen in Sachen Professionalität und Einsatz, aber insgesamt hat uns das sportliche Gebilde nicht mehr zufriedengestellt“, sagte der Präsident, der Meier im Sommer erst aus dessen Vertrag bei Arminia Bielefeld rausgekauft hatte. Holger Fach, der im Frühjahr 2016 noch dem ehemaligen Trainer Dirk Schuster als Kaderplaner zur Seite gestellt wurde und dann zum Sportdirektor aufstieg, müsse gehen, weil er sein Schicksal früh an jenes von Meier knüpfte, wie Fritsch erneut betonte. „Uns war von Anfang an klar: Wenn wir Schritt eins machen, dann folgt auch Schritt zwei.“

Wer Meiers dauerhafte Nachfolge antreten könnte und ob erst ein neuer Sportdirektor gefunden werden soll oder ob gar ein Mann den Posten des Trainers und des Managers in Personalunion ausfüllen soll wie einst Dirk Schuster: All das bezeichnete Fritsch als „völlig ergebnisoffen“. Bei einem war der Lilien-Chef sich allerdings sicher: Bereits jetzt, unmittelbar nach der tiefgreifenden Veränderung, spüre er eine neue, alte Aufbruchsstimmung im Verein: „Alle scheinen gleich wieder ein Stück zusammengerückt zu sein. Die Darmstädter Ur-Instinkte fangen wieder an zu wirken.“ Ob das so schnell auch auf dem Platz der Fall ist, wird der Samstag in Freiburg zeigen.

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