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Leichtfüßig, wie alle Darmstädter am Samstag: Matthias Bader (links), hier gegen den Heidenheimer Sebastian Griesbeck.

Darmstadt 98

Pointen des Schicksals

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Mitten im Wirbel um Trainer Grammozis zeigt Darmstadt 98 sein bestes Saisonspiel.

Dario Dumic sah furchterregend aus. An seinem Kopf war ein gewaltiger blauer Verband zu sehen, drunter ein blutiges Tuch. Spuren eines Fußballspiels. Im Mund ließ der Verteidiger des SV Darmstadt eine durchsichtige Beißschiene hin und her wandern, und während der Bosnier, aufgewachsen in Dänemark, einen Punkt an der Wand fixierte, sprach er im harten Ostblock-Englisch eines James-Bond-Schurken. „Meine Meinung ist so wichtig wie ihre Meinung“, brummte Dumic, 28: „Meine Meinung ist nicht wichtig. Ich habe eine Meinung, aber sie werden sie heute nicht hören.“

Das war natürlich schade. Man hätte gerne Dumics Meinung gehört, zu jenem Thema, das auch am Samstag noch sehr präsent war am Darmstädter Böllenfalltorstadion – trotz oder vielleicht gerade wegen des sehr überzeugenden 2:0-Sieges gegen den 1. FC Heidenheim. Dass Trainer Dimitrios Grammozis unter der Woche ein Vertragsangebot des Vereins ausgeschlagen hatte, sich also nach der Saison verabschiedet, schwebte auch eine halbe Woche später noch über den Darmstädter Dingen. Mittelfeldspieler Yannick Stark hatte auch eine Meinung zur Sache und war sogar so freundlich, sie mitzuteilen. „Es ist schade. Aber so ist der Profifußball. Aber es geht weiter bis zum Saisonende.“ Man sei überrascht gewesen, „damit haben wir nicht unbedingt gerechnet. Es war einen Tag Thema in der Kabine, aber dann haben wir uns zusammengesetzt und uns gesagt, dass uns das nicht aus der Ruhe bringen lassen darf. Wir spielen in erster Linie für den Verein und für uns.“

Gegen Heidenheim ist das Stark und seinen Kollegen ausgezeichnet gelungen. Gegen den Tabellenvierten zeigten die Südhessen ihre vielleicht beste Saisonleistung, spielten leichtfüßig, schnell stand es 2:0 nach schön herauskombinierten Toren von Serdar Dursun (11.) und Mathias Honsak (16.), und am Ende stand der vierte Sieg in Folge. Seit neun Spielen ist man ungeschlagen. Tabellenplatz sechs, Tendenz steigend.

All das drei Tage nach dem großen Knall, der auch am Samstag noch nachklang rund ums Bölle. Der neue Vertrag, den die Darmstädter Klubführung Grammozis über den Sommer hinaus angeboten hatten, belief sich über ein Jahr, was dem Coach zu wenig war. Und jetzt haben die Lilien-Bossen nicht nur einen Trainervertrag ohne Unterschrift auf dem Schreibtisch liegen, sondern auch den Schwarzen Peter. Da, schaut her, wie hinreißend die Fußball spielen, dachte sich ja manch Beobachter – und dann wird der Trainer vergrault?

Natürlich haben sich auch Präsident Rüdiger Fritsch und Sportchef Carsten Wehlmann über den Sieg gefreut, der die Lilien, inzwischen das beste Rückrundenteam, fast schon ins Gravitationsfeld der Aufstiegszone befördert. Aber ein paar komische Gefühle dürften sich reingemischt haben in die Begeisterung. Es ist immer der letzte Eindruck, der bleibt, und der letzte Eindruck in Darmstadt ist zurzeit, dass die Lilien den Tabellenvierten ein bisschen an die Wand gespielt haben, aber der Trainer kriegt nur einen Ein-Jahresvertrag – weil die Bosse offenbar schon an die finanziellen Folgen einer Entlassung denken.

Schnell vergessen sind da die vielen Hängen-und-Würgen-Partien der Darmstädter in dieser Saison; schnell vergessen ist, dass Grammozis erst seit einem Jahr Profitrainer ist, durchaus noch etwas zu beweisen hat, und dass so ein Jahresvertrag mit der klaren Perspektive auf eine weitere Verlängerung im Herbst womöglich für alle das richtige zur richtigen Zeit ist; schnell vergessen ist, dass Grammozis im Sommer, als es Gerüchte um den Hamburger SV gab, kein Bekenntnis zum SVD über die Lippen kam. Manch einen im Klub hat längst das Gefühl beschlichen, dass der ehrgeizige Mann die Lilien auch als Karrieresprungbrett betrachtet.

Die Deutungsgewalt über die vertrackte Situation liegt aktuell eher nicht beim Klub. Und Grammozis, dem man auch nicht verdenken kann, dass er keinen Vertrag unterschreibt, bei dem eine Trennung schon mitgedacht wurde, ist schlau genug, nicht auf den Dingen herumzureiten. Als ihn am Samstag, nachdem er erneut betont hatte, wie gut er sich alles überlegt habe, die nächste Nachfrage erreichte, hatte er genug, und er sah zwar nicht so furchterregend aus wie Dario Dumic. Doch die Augenbrauen zog er streng zusammen. Es sei dann auch mal gut mit dem Thema, sagte er, und daneben stand ein eifrig nickender Pressesprecher. Man wünscht sich Ruhe am Bölle. Man wird sie so schnell nicht kriegen.

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