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Sandro Wagner jubelt nach seinem Treffer zum 2:1.

Klassenerhalt

Noch ein Weltwunder für die Lilien

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Sandro Wagner hält mit seinem Tor Aufsteiger Darmstadt in der ersten Liga und bringt das Olympiastadion zum Kochen.

Mehr als 60 000 Zuschauer, die Bühne, das Olympiastadion, dem Ereignis angemessen. Schließlich geht es um Sein oder Nicht-Sein für die einen und um einen Platz an den europäischen Fleischtöpfen für die anderen. Der große Gladiator ist nach 95 Minuten zwar nicht mehr in der Arena, aber er ist irgendwie allgegenwärtig. Da sind die 55 000 Berliner Anhänger, von denen nicht wenige gewillt sind, dem Hauptdarsteller Pest und Cholera an den Hals zu wünschen. Auf der anderen Seite die 5000 Anhänger der Lilien, die den im Keller des großen Hauses verschwundenen Fußballer zu ihrem Messias ausrufen. Sandro Wagner hat Darmstadt mit dem Siegtor zum 2:1 über Hertha BSC in der ersten Bundesliga gehalten („das achte Weltwunder“, so der Darmstädter Marcel Heller), und Wagner hat in fünf Minuten für ganz großes Theater gesorgt. In der 82. Minute stand er genau dort, wo ein Knipser seiner Art steht. Er hielt den Fuß hin, und der Ball ging ins Netz.

Dann entlud sich in Wagner all das, was sich in drei Jahren bei seinem Berliner Ex-Verein aufgestaut hatte. Der Schlaks stürmte über die Werbebande in die Ostkurve, dort wo sich ein großer Teil der Hertha-Fans in Erwartung eines heißen Kampfes schon frühzeitig halbnackig gemacht hatte. Wagner klopfte sich ekstatisch auf die geschwellte Brust, dort wo die Lilien blühen und forderte noch eine Spur enthusiastischer mit ausladenden Armbewegungen den falschen Block zum Feiern auf. Das Fußballvolk kochte vor Wut. Für diese Provokation sah Wagner Gelb und wenig später erteilte Schiedsrichter Felix Brych dem Agent provocateur noch eine Lektion. Für ein harmloses Foul gab der Unparteiische Gelb-Rot.

Das machte den Sünder kein bisschen traurig, im Gegenteil, der Mittelstürmer nahm den Platzverweis noch mal zum Anlass erneut die falschen Fans zum Feiern zu animieren. Darin wiederum sahen einige Hertha-Frösche eine Aufforderung, Wagner doch noch ganz persönlich an die Gurgel zu gehen. Nur der angerückte Sicherheitsdienst verhinderte eine herzliche Umarmung.

„Ich habe in der Ostkurve ein paar Freunde“, sagte Wagner später ohne eine Miene zu verziehen und offenbarte dann, wie sehr es ihm eine Genugtuung war, dem Teil der Hertha-Fans, die ihn als Blinden bezeichnet hatten, zu zeigen, „dass ein Blinder wohl kaum 14 Tore für einen Aufsteiger erzielt“. Der Vorkämpfer für den Mindestlohn für Fußballprofis, zwölf Millionen können schon mal knapp sein, hat sich auf dem Markt noch einmal mit all seinen Tugenden und Untugenden in Erinnerung gebracht.

„Nette Schwiegersöhne“

Aus England hat der Darmstädter Sirenenklänge vernommen, denen der polarisiende Mittelstürmer wohl nicht widerstehen wird. „Diese Frage beantworte ich nicht“, sagte Wagner patzig. Der Heilsbringer, der vor einem Jahr von Hertha-Trainer Pal Dardai vom Hof gejagt worden war, wird wohl nicht der einzige personelle Verlust bleiben, den die Wunder-Truppe aus Südhessen zu beklagen haben wird. Es ist der Fluch der guten Tat, der Begehrlichkeiten nach den kampfstarken Lilien weckt. Mit dem Schlusspfiff am nächsten Samstag gegen Mönchengladbach wird das Haltbarkeitsdatum des Rütli-Schwurs vom Böllenfalltor: „wir wollen sein ein einig Volk von Fußballern“, wohl schon überschritten sein. Marcel Heller hat die Frage nach seiner Zukunft mit gewohnter Schnelligkeit umdribbelt: „Jetzt feiern wir erst einmal, dann werden wir sehen.“ Angeblich umworben sind auch Kapitän Aytac Sulu, Torwart Christian Mathenia und Konstantin Rausch.

Wie stark der Kater nach dem Rausch sein wird, damit wollten sich weder Präsident Rüdiger Fritsch („man kann diese Saison nicht in Worte fassen, das ist einfach Wahnsinn“) noch Coach Dirk Schuster („jetzt genießen wir das erstmal, das haben uns ja nicht viele muss zugetraut“) befassen. Schuster immerhin legte in Berlin einen Treueschwur ab: „Ich bin unheimlich, stolz Trainer dieser Mannschaft zu sein, daran wird sich auch nichts ändern.“ Nachsehen hatten die Klubbosse auch mit Wagner dessen Ausbruch sie nicht unbedingt teilten, aber „den großen Emotionen“ zuschrieben.

Lob für die Darmstädter und ausgerechnet auch für Sandro Wagner kam aus dem Munde von Dardai. Der Berliner Coach wünscht sich solche Typen wie den Mittelstürmer, „die auftreten als könnten sie töten“. Für die martialische Wortwahl hatte sich der Ungar schon vorher entschuldigt. Seine Spieler nannte er „nette Schwiegersöhne.“ Im Gegensatz dazu war die Darmstädter DNA von Anfang an auf dem Platz zu sehen und zu spüren. Gegner und Ball immer hart und gallig bearbeiten. Das Kunstleder muss beim Schlusspfiff Kratzspuren Darmstädter Fußzehen zieren, so trat der größte Außenseiter seit Tasmania Berlin im Olympiastadion auf. Die Gäste ließen sich weder durch das frühe Tor von Vladimir Darida (15.) noch durch die spielerische Überlegenheit der Herthaner schocken. Nach einem Sturmlauf von Heller glich Jérôme Gondorf (25.) aus, ehe Wagner für den ganz großen Knall sorgte.

Die Lilien-Party, die in der Nacht zum Sonntag mit ein paar Tänzchen auf den Kassenhäuschen am Böllenfalltor begonnen hat, wird am Samstag gegen Mönchengladbach fortgesetzt. Sandro Wagner hat dann gar Zeit, nur zu feiern. „Dass ich nicht spielen kann, macht gar nichts. Wir sind durch.“ Die richtige Kurve zum Jubeln wird er dann auch finden.

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