+
Rat- und planlos: Die Darmstädter Immanuel Höhn (l.) und Florian Jungwirth.

Darmstadt

Noch nicht die alten Lilien

  • schließen

Zum Auftakt ist der neuformierte SV Darmstadt 98 mit dem 0:2 beim 1. FC Köln noch gut bedient. Probleme gibt es in allen Bereichen des Spiels.

Doch, doch, es gab eine Phase an diesem Samstagnachmittag, in der Darmstadt 98 dem 1. FC Köln ebenbürtig war. Ungefähr zehn Minuten, so zwischen Viertel vor und fünf vor fünf, in denen ausnahmsweise mal nicht diverses schieflief für die Südhessen. In denen die FC-Stürmer Bittencourt, Modeste, Risse und Rudnevs die arme Verteidigung der Lilien in Frieden ließen, sich Änis Ben-Hatira ausnahmsweise nicht irgendwo im Mittelfeld verhedderte, und in denen auch Sven Schipplock nicht am Versuch scheiterte, den Ball auf einen Mitspieler abzulegen. Dem SV98 dürfte es allerdings schwer fallen, diese zehn Minuten als Hoffnungsmacher zu nutzen. Es war die Unwetterunterbrechung. Die Teams weilten in den Kabinen.

Der SV Darmstadt 98 muss damit leben, dass ein Gewitter noch das beste für ihn war an diesem ersten Spieltag. Wobei sich das Endergebnis zum Schluss sogar noch passabel ausnahm, nur 0:2 immerhin nach 90 Minuten: So hätte es nach zehn Minuten schon stehen können. Und wie es den Kölnern gelang, insgesamt nur zwei ihrer zahlreichen Chancen zu verwerten, durch Risse (11.) und Rudnevs (61.), war an diesem schwül-heißen Tag am Rhein eine ähnlich interessante Frage wie jene, warum die Kölner Straßenbahnen unklimatisiert durch die Stadt tuckerten als fahrende Tropenhäuser.

„Es war schon etwas glücklich für uns, dass es nur 1:0 zur Pause stand“, sagte der eingewechselte Florian Jungwirth hinterher, womit er die Wahrheit noch sanft umschmeichelte. „Nichts von dem, was wir uns vorgenommen haben, hat geklappt.“ Torwart Michael Esser, der die Lilien mit einigen starken Paraden vor einer höheren Niederlage bewahrte, ergänzte: „Wir haben es einfach nicht auf den Platz gebracht, Köln war besser. Jetzt haben wir zwei Wochen Zeit, die Dinge zu verbessern.“

Ah ja, die Länderspielpause. Fast drei Monate lang war diese Saisonvorbereitung für die Bundesligisten. Norbert Meier, der Darmstädter Trainer, bezeichnete sie als die längste seiner Karriere, und jetzt, da es endlich losging, sind sie in Darmstadt froh, dass die Liga gleich mal wieder den Betrieb einstellt für 14 Tage. Sie benötigen die Pause auch dringend, um ein paar Sachen zu erledigen, und um sich selbst wieder näher zu kommen. Nach dem Spiel in Köln sprachen die Beteiligten bemerkenswert oft in der dritten Person von ihrem Verein, vor allem Jérôme Gondorf, der in Abwesenheit des verletzten Aytaç Sulu die Kapitänsbinde trug, wurde nicht müde zu betonen, dass die Lilien nicht die Lilien waren. „Das war nicht Darmstadt 98. Wir müssen Darmstadt 98 sein, wenn wir eine Chance haben wollen“, sagte der 28-Jährige, der im Mittelfeld von einem Brandherd zum nächsten eilte, am Ende aber doch hilflos zusehen musste, wie sein Team das Spiel an die Flammen verlor. Darmstadt 98 zu sein, heißt: Kratzen, beißen, kämpfen. Davon war in Köln wenig zu sehen.

„Natürlich sind wir mit sieben Neuen ins Spiel gegangen“, sagte Gondorf, „aber das heißt auch, dass auch vier Alte auf dem Platz standen, die die Dinge hätten an sich reißen müssen. Das haben wir nicht geschafft.“

Der Verdacht liegt nahe, dass die Darmstädter noch ein Weilchen mit sich selbst beschäftigt sein werden, auch über die Länderspielpause hinaus. Sie werden nun dafür sorgen müssen, dass aus diesem seltsamen Durcheinander-Ding aus Neuzugängen und Dagebliebenen ein Konstrukt wird, das sich stabil durch die Saison steuern lässt. Und natürlich bleibt ihnen nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass die Unverzichtbaren dieses Teams von Verletzungen weitestgehend verschont bleiben.

In Köln gingen die Lilien gleich mal mit einem doppelten Achsenbruch an den Start. Nicht nur Sulu fiel mit Wadenproblemen aus, der Anführer in der Innenverteidigung, auch Peter Niemeyer war mit Achillessehnenbeschwerden unpässlich gewesen, der Anführer im Mittelfeld. Entsprechend schnell machte sich Orientierungslosigkeit breit gegen die schnellen, kompakten Kölner, und wo immer sich die Darmstädter Spieler hinwandten, traf ihr Blick auf Szenen, die nicht eben zur allgemeinen Beruhigung beitrugen.

Artem Fedetskyy, der neue Rechtsverteidiger aus der Ukraine, wirkte bald so erschöpft, als sei er den ganzen Tag in den Kölner Saunabahnen unterwegs gewesen. Er hatte mit seinem Gegenspieler Leonardo Bittencourt in etwa so viel Spaß wie mit einer Wespe im Auto. Immer wieder raste der kleine, leichte Kölner auf den großen, schweren Darmstädter zu, um ihn dann meistens hinter sich zu lassen wie eine ausrangierte ukrainische Lokomotive. Daneben war den Innenverteidigern Alexander Milo?evic und Immanuel Höhn anzumerken, dass sie noch nicht richtig wissen, was sie vom jeweils anderen erwarten können. Und dass Sven Schipplock im Sturm etwas überraschend den Vorzug bekam vor Antonio Colak, den dreifachen Torschützen im DFB-Pokal beim Bremer SV, zahlte sich für Meier genauso wenig aus wie die Hereinnahme von Ben-Hatira und Laszlo Kleinheisler im offensiven Mittelfeld. Alles Neuzugänge, zum Teil erst seit wenigen Tagen da. Das neue Lilien-Team muss noch zusammenwachsen. „Die Zeit wird es bringen“, sagte Norbert Meier. Die Frage ist nur, was genau.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion