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Faustball: Darmstadts Keeper Daniel Heuer Fernandes begegnet dem Kölner Jhon Cordoba (Mitte) und SVD-Kapitän Aytac Sulu.

Darmstadt 98

Natürlich verloren

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Wehrhafte Lilien müssen am Ende die Kölner Klasse anerkennen.

Man kann dem SV Darmstadt gewiss nicht vorwerfen, er würde nicht alles versuchen. Die gesamte Zweite Liga sieht sich ja in dieser Saison mit der grundsätzlichen Frage konfrontiert, wie man mit diesen beiden riesenhaften Sonderlingen umgehen soll, die im Sommer in die Spielklasse eindrangen, dem Hamburger SV und dem 1. FC Köln. Angreifen oder angreifen lassen?

„Attacke ist die beste Verteidigung, sach ich ja immer“, sachte der Darmstädter Flügelstürmer Marcel Heller am Samstag, nach dem Spiel gegen den 1. FC Köln. Die Südhessen hatten am Ende mit 0:3 (0:0) verloren, was an der zweiten Halbzeit lag, aber zufrieden waren sie hinterher irgendwie trotzdem, was an der ersten Halbzeit lag, in der sie sich lustvoll auf den Favoriten gestürzt und ihn ins Wanken gebracht hatten, ein wenig zumindest. Fazit Heller: „Bis zur 60. Minute hätten wir es auch verdient gehabt, zu gewinnen.“ 

Das war ein positives Gefühl für den SV Darmstadt, denn gegen den anderen Quasi-Erstligisten der Liga, den Hamburger SV, hatten sie es exakt andersrum versucht vor ein paar Wochen, abwartend und vorsichtig, und hinterher, nach der 1:2-Niederlage, mussten sie frustriert feststellen, dass sie den Sieg in keiner Minute des Spiels verdient gehabt hätten. „Wir wollten mutig spielen, anders als gegen den HSV. Da hatten wir ja gar keinen Zugriff“, erklärte Heller. Diese Erkenntnis trugen sie aus dem Erlebnis gegen Hamburg in die Partie gegen Köln: Hinten reinstellen bringt nichts. Aus dem Spiel gegen den FC nehmen die Darmstädter nun mit, dass vorne draufgehen schon etwas bringt – allerdings nur dann, wenn man irgendwann selbst eine Tor erzielt und vor allem keines kassiert.

„Wir wussten, dass wir ein gewisses Risiko gehen, dass die Kölner dadurch auch ihre Situationen haben würden“, sagte Heller, der eine gute Leistung gezeigt hatte. „Es hätte auch 90 Minuten klappen können, aber wenn der Gegner so eine Klasse hat, ist es halt immer möglich, dass man sich ein Tor fängt.“ Es war dieser eine Moment, der alles ins Rutschen brachte am Böllenfalltor, das Spiel und die Lilien, 55. Spielminute. 

Comeback von Felix Platte

Kurz zuvor war Stürmer Terrence Boyd, für den angeschlagenen Serdar Dursun (muskuläre Probleme) in die erste Elf gekommen, knapp an einer Freistoßflanke vorbeigehüpft, und plötzlich, andere Seite, kam der Kölner Dominick Drexler frei an den Ball, 40 Meter vor dem Tor, linke Seite, und allen Darmstädter Fans drängte sich sofort ein sehr ungutes Gefühl auf: Oh, oh. Jetzt wird’s problematisch. Drexler passte auf Louis Schaub, Schaub flankte in die Mitte, in der Mitte köpfte Simon Terodde den Ball am chancenlosen SVD-Torwart Daniel Heuer Fernandes vorbei ins Netz. Manche Tore sind schon gefallen, bevor der Ball drin ist.

„Das ist schwierig zu verteidigen“, fand Lilien-Trainer Dirk Schuster, „da hat der 1. FC Köln seine individuelle Klasse bewiesen.“ Das 0:2 (66., Rafael Czichos) fiel in Folge einer Eckenvariante der Gäste, die geballt mit mehreren Spielern am Fünfmeterraum auftraten und Heuer Fernandes so entscheidend bei der Arbeit störten. „Und das dritte Tor haben wir selber gemacht“, sagte Schuster und hatte Recht. Die Kopfballrückgabe des Innenverteidigers Marcel Franke war beim zweiten Kölner Stürmer gelandet, Jhon Cordoba, der sich die Chance nicht nehmen ließ (70.). 

Die Lilien waren sich hinterher dem Lob des Siegers sicher, „die Darmstädter haben es gut gemacht, sie hatten eine enorme Wucht“, sagte FC-Trainer Markus Anfang, der es beim Sturmduo Terodde/Cordoba gut verschmerzen konnte, dass Rückkehrer Anthony Modeste noch nicht spielberechtigt war. Bei diesem Überfluss fußballerischer Qualität auf Erstliganiveau blieb dem SVD nichts anderes übrig, als die Niederlage als eine Art natürliche Begebenheit hinzunehmen. Die Darmstädter selbst sind ja heilfroh, dass ihnen nun ein Mann wie Felix Platte wieder zur Verfügung steht, der 22-jährige Angreifer wurde nach monatelanger Verletzungspause in der Schlussphase eingewechselt, für Boyd, den das Publikum ausgesprochen nett verabschiedete. Wenn Dursun und Platte gesund sind, wird für den vorbildlich rackernden, aber oft glücklosen Boyd eher kein Platz mehr im 18er-Kader sein. 

Schuster jedenfalls ist um jeden Zugewinn an Qualität froh in dieser Abnutzungsliga, in der sich das Durchschnittsteam Darmstadt (17 Punkte, Platz zwölf) nicht über die Spiele gegen Köln und Hamburg definiert. Die Herausforderungen sind auch so groß genug, nächste Woche geht es in die Hauptstadt, zu Union Berlin (Samstag, 13 Uhr), das kräftig im Aufstiegsrennen mitmischt. Der SV Darmstadt 98 wird sich gut überlegen müssen, ob Attacke dann wieder die beste Verteidigung ist.

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