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Eine Klasse für sich: Tobias Kempe (rechts) hält Darmstadt auf Kurs.

SV Darmstadt 98

Momentum und Dickschädel

  • Jakob Böllhoff
    vonJakob Böllhoff
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Warum Darmstadts Mittelfeldspieler Tobias Kempe gerade aufblüht und der vielleicht beste Tobias Kempe ist, den es je gab.

Man sieht die Zahlen und man sieht die Bilder, und dann macht man sich Gedanken und gelangt zur Frage: Ist das womöglich der beste Tobias Kempe, den es je gab? Die Zahlen erzählen einem ja, dass der 31-jährige Offensivspieler von Darmstadt 98 nach sechs gespielten Spieltagen Topscorer der Zweiten Fußball-Bundesliga ist, gemeinsam mit der Hamburger Tormaschine Simon Terodde. Sieben Vorlagen, zwei Tore. Die Bewegtbilder erzählen einem begleitend, dass Kempe im System von Trainer Markus Anfang regelrecht aufblüht im zentralen Mittelfeld, dass er selbstbewusst Angriffe inszeniert, unentwegt Torgefahr ausstrahlt und natürlich viele dieser absurd gefährlichen Flanken in den Strafraum schlägt, auf dass in der Mitte nur einer der Darmstädter Dickschädel den Kopf hinzuhalten braucht, oft hören die Dickschädel auf die Namen Serdar Dursun oder Victor Palsson.

Also, Tobias Kempe, mal ehrlich: Sind Sie es, sind Sie gerade der beste Tobias Kempe, den es je gab? Da schnauft der Mann amüsiert ins Telefon, wartet einen Moment, und sagt dann: „Ich glaube, das habt ihr mich vor zwei Jahren auch schon einmal gefragt, als ich acht oder neun Tore hatte.“ Und führt aus: „Es ist das Momentum. Ich bin gut drauf, das Spielsystem passt, ich bin auf meiner Position und fühle mich wohl. Aber man darf auch nicht vergessen, dass die Jungs die Bälle in der Mitte auch reinmachen.“ Stichwort: Darmstädter Dickschädel.

Lob für Trainer Anfang

Am vergangenen Wochenende, beim spektakulären 4:3-Sieg der Lilien beim Karlsruher SC, spendierte Kempe den Kollegen Palsson und Dursun mit seinen Hereingaben die Tore zwei und drei für Darmstadt; das 1:0 hatte er einfachheitshalber selbst geschossen, und auch beim entscheidenden Tor, tief in der Nachspielzeit, war Kempe zur Stelle. Ein Handelfmeter. Beim Anlauf fokussierte er KSC-Torwart Marius Gersbeck, es sah aus, als wähle Kempe sich ins Hirn seines Gegenübers ein, um ihn in die falsche Ecke zu schicken. „Ich hab ihm in die Augen geguckt und auf die Bewegung gewartet. Er hat mir die Bewegung gegeben. Aber das heißt nicht, dass ich das immer so mache.“ Der Mann will eben unberechenbar bleiben. Druck? „Für mich war das kein Druck, sondern eine Chance, der Mannschaft den Sieg zu holen.“

Markus Anfang, seit dieser Saison Trainer der Darmstädter, die am Sonntag (13.30 Uhr) auf Bundesliga-Absteiger SC Paderborn treffen, hat ein sehr offensives, attraktives System eingeführt am Böllenfalltor, das einem wie Kempe entgegenkommt. Die Ballbesitzanteile sind beeindruckend, meist um die 60 Prozent. Das Risiko bisweilen grenzwertig: Elf Gegentore sind sicherlich kein guter Wert nach sechs Spieltagen. „Wir wissen, dass wir aktuell zu viele Gegentore kassieren“, räumt Kempe ein: „Aber man darf auch nicht vergessen, dass wir erst am Anfang stehen. Es klappt noch nicht alles, aber es klappt sehr viel. Wir haben uns mega entwickelt in der Art und Weise, wie wir Fußball spielen. Die Gegner haben, glaube ich, auch einen großen Respekt davor.“

Kempe klingt ein bisschen begeistert, wenn er über Markus Anfangs Arbeit spricht: „Er fordert viel, aber wenn man sieht, was wir in den paar Monaten geschaffen haben mit ihm, dann ist das echt stark.“ Er, Kempe, habe deshalb „große Hoffnungen, dass wir eine gute Saison spielen werden.“ Und weiß dabei selbst: Besser geht immer.

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