Darmstadt 98 präsentiert Trainer Anfang
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Neue Lilie: Markus Anfang

SV Darmstadt 98

Mischmasch als Ziel

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Der neue 98-Trainer Markus Anfang stellt sein Konzept bei den Lilien vor und muss ein wenig den Fluch der guten Tat fürchten.

Wenn der Trainer schon mal Markus Anfang heißt, dann drängen sich selbstverständlich Wortspiele auf. Der Name ist eine offensichtliche Steilvorlage, die nur verwandelt werden muss. Ein paar Beispiele aus der Vergangenheit gefällig? „NeuANFANG“ war da schon zu lesen, oder „Alles auf ANFANG“, in trüberen Zeiten auch „Ende von ANFANG“. Und, und, und.... Der Kreativität sei in diesem Fall keine Grenzen gesetzt. Im Grunde aber gilt für Markus Anfang, der gestern als Nachfolger von Dimitrios Grammozis beim Fußball-Zweitligisten SV Darmstadt 98 erstmals Reportern Rede und Antwort stand, ein anderes Credo: Einfach weiter so.

Die gerade abgelaufene Saison schlossen die Darmstädter immerhin auf dem fünften Rang ab, nach durchwachsener Hinrunde steigerten sie sich im zweiten Saisonteil deutlich, fuhren 32 Zähler ein und waren damit die zweitbeste Rückrundenmannschaft der Liga, nur hinter Aufsteiger und Meister Arminia Bielefeld. Nicht viel hatte gefehlt, wohl nur eine konzentriertere Leistung bei der 0:2-Niederlage gegen Kellerkind Karlsruhe, und die Südhessen wären auf den Relegationszug aufgesprungen.

In diese Gemengelage hinein begibt sich nun also Markus Anfang. Ein Coach, 46 Jahre alt, der durchaus Erfolge vorzuweisen hat. Mit Holstein Kiel stieg er von der dritten in die zweite Spielklasse auf und schaffte im Folgejahr fast den Durchmarsch in die Bundesliga. Später mit dem 1. FC Köln gelang ihm gar jener Aufstieg, wenngleich er kurz vor Saisonende seltsamerweise von seinem Posten entlassen wurde.

So bekam Anfang schon gestern zu spüren, dass hohe Erwartungen in ihn gesetzt werden, vielleicht sogar zu hohe. Bei einem fünften Platz ist nun mal nicht viel Luft nach oben, quasi nur der Sprung in die deutsche Eliteklasse. Und den wollen sie am Darmstädter Böllenfalltor verständlicherweise nicht als Ziel formulieren. „Als Trainer habe ich natürlich immer das Bestreben, Spiele zu gewinnen“, sagte Anfang. Das sei aber nicht alles.

Auf was kommt es denn dann an? Anfang erklärte: „Erfolg baut bei mir auf drei Säulen: Guter Fußball, Spieler weiterentwickeln und am Ende natürlich auch das Ergebnis. Das reine Ergebnis ist also nur eine Säule.“

Der gebürtige Kölner will, dass seine neue Truppe die Spiele aktiv angeht. „Ich möchte die Kontrolle über das Spiel haben – sowohl im Ballbesitz als auch in der Verteidigung.“ Ein schmaler Grat. Mit Außenseiter Kiel sei er rückblickend betrachtet manchmal zu wenig Risiko eingegangen, zuletzt beim Favoriten Köln wohl ein bisschen zu viel. „Vielleicht gelingt in Darmstadt die richtige Balance, ein Mischmasch aus Köln und Kiel, dann wären wir gut unterwegs.“

Etwas länger als ein Jahr ist Anfang ohne Trainerjob gewesen. Seit seiner Entlassung in Köln unmittelbar vor dem Saisonende 2019 hatte der Familienvater Zeit, ein wenig Abstand von der Fußballblase zu bekommen. Schon im vergangenen Sommer aber klapperte er gemeinsam mit seinem Co-Trainer Florian Junge diverse Trainingslager von Erst- und Zweitligisten ab. Neue Eindrücke sammeln, Kontakte aufbauen, im Gespräch bleiben.

Die Verhandlungen mit den Darmstädtern wurden dadurch vereinfacht, dass Anfang und Lilien-Sportchef Carsten Wehlmann bereits in Kiel zwischen 2016 und 2018 gemeinsam gewerkelt hatten. Im Frühjahr dann, als Grammozis die ihm angebotene Vertragsverlängerung über eine Saison ausschlug, ging Wehlmann auf seinen einstigen Kompagnon zu und überzeugte ihn. „Darmstadt 98 ist ein Traditionsverein. Ich glaube, dass hier viel Potenzial ist“, sagte Anfang, der einen Zweijahresvertrag unterschrieb und mittlerweile auch schon eine Dreizimmerwohnung in der Wissenschaftsstadt bezogen hat. Anfangs Familie dagegen wird weiter in Köln wohnen bleiben.

Die finanzielle Lage bei den Südhessen ist wie bei fast allen Profiklubs nicht die einfachste in Corona-Zeiten. Das hatte Rüdiger Fritsch, Präsident des SV 98 und Präsidiumsmitglied der Deutschen Fußball-Liga, erst dieser Tage erklärt. Niedrigere TV-Erlöse, fehlende Zuschauereinnahmen und sinkende Sponsoreneinnahmen führten dazu, dass ein Zweitligist wie die Südhessen 2,5 bis vier Millionen Euro weniger im Etat zur Verfügung habe. „Wir werden mit kleineren Brötchen leben müssen“, so Fritsch, aber: „Wir sind wirklich sehr stabil und zukunftsfähig.“ Der Klub habe in den vergangenen Jahren einige Rücklagen gebildet.

Gespart werden soll vor allem bei den Ausgaben für Gehälter und Beraterhonoraren. Noch, so Boss Fritsch, seien Spieler und Berater aber „ziemlich optimistisch unterwegs“. Er glaube allerdings, dass sich „dieses Rattenrennen“ in der bevorstehenden Transferphase bald legen werde. Akuter Bedarf für Neuzugänge besteht in der Innenverteidigung. Dort sind am 30. Juni die Leihverträge von Dario Dumic (FC Utrecht) und Nicolai Rapp (Union Berlin) ausgelaufen. Die „derzeit größte Baustelle“ sei das, sagten Wehlmann und Anfang unisono.

Spannend wird in den nächsten Wochen gewiss auch die Personalie Serdar Dursun. Der viertbeste Ligatorschütze der vergangenen Runde (16 Treffer) dürfte auch bei diversen Konkurrenten Interesse geweckt haben. Ein Abschied des Knipsers ist trotz eines gültigen Arbeitspapiers bis Sommer 2021 nicht ausgeschlossen. Grundsätzlich wollen sie in Darmstadt in der bis zum 5. Oktober ausgeweiteten Transferphase aber die Ruhe bewahren. „Keinen Aktionismus“ werde es geben, sagte Anfang, „damit wir auch hinten heraus noch mal zuschlagen könnten“.

Ohnehin kennt Anfang die meisten seiner Spieler bisher nicht persönlich. Zwar nahm er am 1. Juli seine Arbeit auf, die Spieler sind längst im Urlaub. Das Training soll Mitte oder Ende Juli aufgenommen werden, abhängig davon, wann die Zweitligarunde beginnt. Noch sind der 28. August und der 18. September die Optionen. Ein ausgedehntes Trainingslager wie sonst üblich wird es aufgrund der diffizilen Corona-Lage nicht geben, „höchstens ein zwei-, dreitägiges Kennenlernlager“, so Anfang.

Ein Wortspiel ist an dieser Stelle daher doch passend, nämlich: „Aller ANFANG ist schwer.“

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