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Held am Boden: Doppeltorschütze Marvin Mehlem ist sich der Zuneigung seiner Kameraden gewiss.

Darmstadt 98

Meilenstein fürs Museum

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Der Darmstädter Sieg in Hamburg könnte Team und Trainer prägen.

Das Hamburger Volksparkstadion ist in Darmstadt inzwischen ein Fall fürs Vereinsmuseum, sollte es jemals ein solches geben. Ein Modellbausatz der Arena aus Kunststoff vielleicht? (Tatsächlich im Handel zu haben für knapp 100 Euro.) Darmstadt 98 hat ja viele schöne Siege gefeiert in seiner jüngeren Klubgeschichte, ein paar der schönsten aber ereigneten sich zweifelsfrei im hohen Norden, in der traditionsreichen Spielstätte des großen Hamburger SV.

April 2016: Ein musealer 2:1-Sieg, der als Meilenstein für den sensationellen Klassenerhalt im ersten Bundesligajahr herhielt. April 2017: Ein 2:1-Sieg, der nichts mehr am Abstieg änderte, aber als Streicheleinheit für die Darmstädter Fußballseele Wunder tat. Und am vergangenen Samstag also nutzten die hessischen Profifußballer sogleich die nächste Gelegenheit, die stolzen Hanseaten vor eigenem Publikum zu demütigen. Den 3:2-Erfolg nach 0:2-Pausenrückstand würde sich der SVD gerne ausschneiden, laminieren und für immer unters Kopfkissen legen. Der HSV würde lieber so tun, als hätte es diesen Tag niemals gegeben.

„Das“, sagte Mittelfeldspieler Tobias Kempe, „sind die schönsten Siege.“

Sie wären ja schon mit dem Unentschieden zufrieden gewesen, nach diesem Spielverlauf sowieso. 2:0 hatte Hamburg nach 16 Minuten geführt, Bakery Jatta (5.) und Pierre-Michel Lasogga (16., Foulelfmeter) mit den Treffern, und die Lilien drohten nach allen Regeln der Fußballkunst plattgemacht zu werden vom Zweitligaschwergewicht HSV. „Wir konnten das, was wir uns vorgenommen haben, leider nicht umsetzen“, sagte SVD-Trainer Dimitrios Grammozis über die erste halbe Stunde: „So sind wir 0:2 in Rückstand geraten, und darüber durften wir uns auch nicht beschweren.“

Später im Spiel allerdings beschwerte sich Grammozis doch noch vehement. Die Nachspielzeit lief, 2:2 stand es mittlerweile nach einer sagenhaften Aufholjagd der Gäste in Halbzeit zwei, Hamburg drängte wütend aufs dritte Tor, und der Lilien-Coach forderte den Schiedsrichter lautstark zum Abpfiff auf. Da kam Marvin Mehlem ein letztes Mal an den Ball, der Held des Tages, und sorgte für die wirksamste Form der Entlastung: Er schoss den Ball ins Tor, zum 3:2 (90.+ 2).

Anschließend entledigte Mehlem sich seines Trikots und rannte zum Gästeblock, wo die Menschen übereinander purzelten vor Freude. „Ein geiles Gefühl“, gab der 21-jährige Offensivspieler später an, „ich habe in dem Moment nur unsere Fans gehört.“ Das Hamburger Publikum war in Schockstarre verfallen, ganz ähnlich den Hamburger Fußballern, denen im trügerischen Gefühl scheinbar allumfassender Überlegenheit eine grauenhafte zweite Halbzeit unterlaufen war. Selbstgefällig und träge.

Der HSV wird wohl trotzdem irgendwie aufsteigen, die Stehübungen der Verfolger kommen dem Team von Hannes Wolf da sehr zupass. Was das andere Ende der Tabelle angeht, darf Darmstadt 98 ganz tief durchatmen. Der Abstand zu den Abstiegsrängen ist beruhigend, abgesehen davon, dass die Mannschaft mit ihrem neuen Trainer einen starken Eindruck macht. Siege wie in Hamburg können prägend sein, für ein Team, für einen Coach, und Grammozis hat sich mit seinem schlauen Co-Trainer Iraklis Metaxas bereits in den wenigen Wochen seit der Amtsübernahme von Dirk Schuster bewährt.

Am Samstag nahm er nach einer halben Stunde den darüber alles andere als erfreuten Linksaußen Joevin Jones vom Platz, brachte den Kämpfer Yannick Stark fürs defensive Mittelfeld. Tobias Kempe, der per Freistoß das 2:2 schaffte (82.), rückte ins offensive Mittelfeld, der Dribbler Mehlem auf den Flügel. Von dort gelang ihm der Anschluss- (52., nach starker Stark-Vorarbeit) und am Ende der Siegtreffer. Grammozis‘ Umstellungen funktionierten, ergänzt durchs Spielglück, das den Lilien nach der Pause hold war.

Die Leichtigkeit scheint mit Grammozis wieder zurückzukehren nach Darmstadt. Dass es schwerer Arbeit bedarf, sie vom Bleiben zu überzeugen, weiß man ja am Böllenfalltor. 

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