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Durchsetzungsstark und auch rhetorisch fit: der Darmstädter Hanno Behrens (M.), hier im Spiel gegen Heidenheim.
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Durchsetzungsstark und auch rhetorisch fit: der Darmstädter Hanno Behrens (M.), hier im Spiel gegen Heidenheim.

Darmstadt gegen Leipzig

Lustiger Abstiegskampf

Auch nach dem Sieg gegen RB Leipzig gilt in Darmstadt die alte Sprachregelung. Man will sich immer kleinmachen, man ist "nur der SV Darmstadt 98".

Von Sebastian Rieth

Hanno Behrens steht auf der anderen Seite des Flatterbandes und grinst. Fast zehn Minuten lang. Man merkt, dass er auf einige Fragen auch andere Antworten geben könnte. Aber Behrens beißt sich auf die Lippen. Seine Gesichtszüge verraten ihn. Er weiß das. Es ist ein komisches Spielchen zwischen dem blonden Mittelfeldspieler des Zweitligisten SV Darmstadt 98 und den Journalisten, weil jeder Satz, der fällt, so politisch korrekt ist, dass man ihn eigentlich schon gar nicht mehr ernst nehmen kann. Ob man denn nicht endlich mal über andere Saisonziele als diesen miefigen Klassenerhalt reden könne, wird Behrens gefragt. „Sobald wir 40 Punkte haben, können wir das gerne tun.“ Dann verdreht er die Augen, guckt in die Luft. Verlegen, und doch schelmisch. Es gibt eben Worte, die man in Darmstadt nicht sagt, und es gibt Sätze, die man immer wieder hört. Selbst nach einem 1:0-Sieg im Spitzenspiel der zweiten Liga gegen RB Leipzig.

Wenige Minuten bevor Behrens seinen Auftritt hatte, stand Marcel Heller an gleicher Stelle. Genauso trocken wie er im Spiel mit seinem Antritt die Gegner stehen ließ, schossen danach die Worte aus seinem Mund. Ohne mit der Wimper zu zucken, erklärte Heller, dass man noch einen „langen Weg bis zum Klassenerhalt“ vor sich habe. Man konnte wirklich den Eindruck gewinnen, er meine es ernst. Dabei müssen die Lilien aus den verbleibenden 21 Spielen nur noch lächerliche 13 Punkte holen, um den Verbleib in Liga zwei über die Saison hinaus zu garantieren. Wahrscheinlich reichen sogar weniger. Aber beim Aufsteiger bleibt man sich und dem eingeschlagenen Weg treu. Vor anderthalb Jahren wurde der Abstiegskampf zum Dauerzustand erklärt – komme, was wolle. Wer aber nach dem Abpfiff in die Gesichter der Spieler blickt, der weiß: In Darmstadt ist Abstiegskampf eine ziemlich lustige Angelegenheit.

Schuster ist ein Mann der Rituale

Die Bescheidenheit hat Methode. „Wir müssen uns immer kleinmachen, wir sind nur der SV Darmstadt 98“, erklärt Torhüter Christian Mathenia. Mit dieser Sprachregelung ist der Klub in der Vergangenheit gut gefahren, die Kluft zwischen Rhetorik und Realität nähert sich immer mehr den Dimensionen aus der Vorsaison an, als man bis zuletzt vom Klassenerhalt redete und dann klammheimlich aufstieg. Überdeutlich verkörpert das der Trainer. Dirk Schuster ist ein Mann, der von Ritualen lebt, das gibt ihm Sicherheit. Die Sätze sind standardisiert, es gehe darum, drei Mannschaften hinter sich zu lassen: „Von anderen Sachen zu träumen, ist nicht unser Job.“

Was dem Sportlichen Leiter gelingt, wird für die Spieler mit jedem Erfolgserlebnis schwerer. Wer das Spitzenspiel gegen Leipzig abgeklärt und souverän gewinnt, der ist doch auch eine Spitzenmannschaft? „Momentan“, sagt Behrens vorsichtig, „sind wir scheinbar eine.“ Kollege Mathenia wagt sich ein bisschen weiter vor: „Wir sind schon seit der Vorbereitung ein Spitzenteam, weil wir einen unglaublichen Charakter haben.“

Die Lilien sind schwer zu verteidigen

Die Beweislast ist erdrückend. Zu Hause haben die Lilien nur in einem von sieben Spielen Gegentore kassiert. „Unsere Abwehr ist irgendwie krank. Die können doch nicht immer zu Null spielen“, ironisiert Dominik Stroh-Engel. Natürlich war es der Torjäger vom Dienst, der gegen Leipzig schon nach fünf Minuten getroffen hatte. Man muss sich das einmal vorstellen: Von der Ablösesumme, die der neureiche Klub aus Sachsen für seine beiden Stürmer bezahlt hat, könnten die Darmstädter ein halbes Jahr lang ihren kompletten Kader finanzieren. „Leipzig ist eine andere Welt, aber auf dem Platz zählt das nicht“, erklärt Behrens.

Dort ist das Spiel der Lilien zwar leicht auszurechnen, aber schwer zu verteidigen. Warum bloß? „Vielleicht“, vermutet Behrens, „weil wir Maschinen sind.“ Die Disziplin ist hoch, die Laufbereitschaft gewaltig. „Man merkt, dass der Gegner irgendwann platt ist und den Kopf hängen lässt. Dann steht er am Abgrund und man muss ihn nur noch runterstoßen.“ Wie mit Leipzig, das zu Beginn von den Darmstädter Fans feindselig empfangen wurde und in der zweiten Halbzeit nur noch eine einzige Chance hatte.

Später dann war Dominik Stroh-Engel der Letzte, der auf der anderen Seite des Flatterbandes stand und um Verständnis warb. „Ich kann Euch doch jetzt nicht erzählen, dass wir aufsteigen“, sagte der Lange und versprach: „Ich mache das nicht, weil es letztes Jahr geklappt hat. Diesmal ist es wirklich so.“ Man wird sehen.

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