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Kevin Großkreutz wird Darmstädter.
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Kevin Großkreutz wird Darmstädter.

Kevin Großkreutz

Lilien statt Veilchen für Großkreutz

  • Jakob Böllhoff
    VonJakob Böllhoff
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Kevin Großkreutz hatte vor kurzem noch genug vom Profifußball ? jetzt geht er zu Darmstadt 98.

Die Eindrücke vom 3. März 2017 sind noch sehr präsent. Kevin Großkreutz auf einem Pressepodium in den Räumlichkeiten des VfB Stuttgart, graue Strickmütze, blaues Auge, die Stimme brüchig. „Ich möchte nicht einfach so abhauen. Ich habe einen Fehler gemacht, der mir sehr leid tut“, sagte der 28-Jährige, während er den Kampf mit den Tränen verlor. Sein Vertrag beim schwäbischen Zweitligisten war aufgelöst worden, nachdem er am Abend des Faschingsdienstags mit Jugendspielern des Vereins unterwegs war, die Rede ist sogar von einem Bordellbesuch. Später in der Nacht, bei einem Angriff einer anderen Gruppe, haute man ihm dann noch mit der Faust ins Gesicht, Großkreutz musste mit Kopfverletzungen ins Krankenhaus.

Das war zu viel für den VfB, der an einer Trennung vom sechsmaligen deutschen Nationalspieler nicht vorbeikam. Und für Großkreutz, der bekundete, sich fürs Erste komplett aus dem Profifußball zurückziehen zu wollen. Angeschlagen, körperlich und seelisch, nicht zum ersten Mal von der Erkenntnis getroffen, dass die privaten Fehltritte einer öffentlichen Person im digitalen Zeitalter schneller rauskommen, als man sich in einer Hotellobby erleichtern kann.

Kevin Großkreutz wird also demnächst in den Räumlichkeiten des SV Darmstadt 98 auf einem Pressepodium Platz nehmen, der genaue Termin steht noch aus. Es wird etwas enger zugehen als in Stuttgart, das in dieser Saison zwar eine Liga unterhalb des SVD spielt, strukturell den Südhessen aber um, grob geschätzt, 1898 Jahre voraus ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Großkreutz kein Veilchen im Gesicht tragen, dafür aber die Lilie auf der Brust, und dann wird er offiziell vorgestellt als Darmstädter Spieler ab der Saison 2017/18.

Am Dienstagvormittag bestätigte der SVD die entsprechende „Bild“-Meldung vom Vorabend. „Kevin verfügt über eine unfassbare Erfahrung und hat auf absolutem Topniveau gespielt“, wird der Darmstädter Trainer Torsten Frings in der anderthalbseitigen Mitteilung zitiert: „Und ich habe in den Gesprächen gespürt, wie heiß er auf diese neue Herausforderung ist. Er wird sportlich und auch als Typ ein ganz wichtiger Baustein für unser Team in der kommenden Saison sein.“ Großkreutz, der in Darmstadt einen Vertrag mit Gültigkeit bis zum 30. Juni 2019 unterzeichnete und sich zuletzt bei der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund fit hielt, zeigte sich dankbar für die neue Chance: „Ich freue mich riesig auf Darmstadt 98. Wie bei all meinen vorherigen Klubs werde ich alles dafür tun, dass wir gemeinsam Erfolg haben werden.“

Am Mittag trat Präsident Rüdiger Fritsch im Böllenfalltorstadion vor die Presse. „Das ist sportlich ein absoluter Toptransfer“, verkündete der Boss des abgehängten Bundesliga-Schlusslichts. „Seine Karriere war bisher tadellos. Ob in Dortmund oder Stuttgart: In der Kabine und bei den Fans war er immer der absolute Liebling.“ Die Vorfälle in Stuttgart seien kein Thema. „Wir geben ihm die Chance, er kann bei uns bei Null anfangen. Wir werden über diese Dinge nicht mehr mit ihm reden“, sagte Fritsch.

Schon vor dem Skandal um den folgenschweren nächtlichen Ausflug in Stuttgart war Großkreutz immer wieder unfreiwillig in die Schlagzeilen geraten. Mit dem angeblichen Dönerwurf beispielsweise, 2014 in der Kölner Innenstadt, den Großkreutz bestreitet. Wenig später, nach dem verlorenen DFB-Pokalfinale mit Borussia Dortmund gegen Bayern München, soll er dann volltrunken in die Lobby eines Berliner Hotels uriniert haben.

Sportlich hatte Kevin Großkreutz lange Zeit fast ausschließlich positiv von sich reden gemacht, es war ja ein kleines Fußballmärchen: Der Dortmunder Junge, geboren im Arbeiterstadtteil Eving als Sohn eines ehemaligen Zechenschlossers, Fan der Borussia von Kindesbeinen an, lief 2009 zum ersten Mal für die BVB-Profis auf. Über den Umweg LR Ahlen hatte er sich in die Mannschaft von Jürgen Klopp gekämpft, Großkreutz’ Variabilität begeisterte den Coach, vorne, hinten, links, rechts, beinahe überall kam der Mann zum Einsatz, der die Dortmunder Skyline als Tattoo auf der Wade trägt. Raumgefühl und Spielantizipation ließen ihn zu einer Allzweckwaffe in der Ära Klopp werden, zweimal wurde er mit dem BVB Deutscher Meister (2010/11 und 2011/12), einmal DFB-Pokalsieger (2011/12), und seit 2014 darf er sich sogar Weltmeister nennen, wenngleich er beim Deutschen Triumph in Brasilien nicht zum Einsatz kam.

Großkreutz’ Dortmunder Traum endete 2015, unter Thomas Tuchel kam er nicht zum Einsatz. Er wechselte nach Istanbul, zu Galatasaray, aber wegen eines Formfehlers durfte er bis Januar 2016 nicht spielen, und als der Familienmensch das Pendeln in die Heimat satt hatte und Galatasaray einen Spieler, der ständig in Deutschland weilt, einigte man sich auf einen baldigen Vereinswechsel. Im Januar 2016 ging Großkreutz zum VfB Stuttgart, mit dem er im folgenden Sommer in die zweite Liga abstieg.

In Darmstadt, am Böllenfalltor, wird nun das nächste Kapitel geschrieben in der wilden Karriere des Kevin Großkreutz.

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