+
Augen zu und durch: Besser könnte ein Bild den Spielstil der Lilien-Profis um Aytac Sulu (r.) und Serdar Dursun kaum beschreiben.

Darmstadt 98

Zu leicht ausrechenbar

  • schließen

Darmstadt 98 fehlen kreative Momente - Coach Schuster setzt dennoch auf Altbewährtes.

Wenn Dirk Schuster, Trainer des SV Darmstadt 98, in ein paar Monaten noch einmal kurz an den 25. September zurückdenkt, vielleicht wird er dann völlig entspannt behaupten können, dass seine Mannschaft die richtigen Schlüsse aus diesem Abend gezogen hat. Dass es in der zweiten Liga eben nicht reicht, nach einer Führung nur noch zu kämpfen, zu kratzen, zu beißen. Denn genau das hatten die Lilien am Dienstag versucht - zumindest im übertragenen Sinne. Sie hatten sich gegen die keineswegs übermächtigen Profis von Arminia Bielefeld in die Zweikämpfe gehauen, sie hatten im Anschluss an einen Freistoß die 1:0-Führung durch Aytac Sulu herausgeköpft und wollten dann den knappen Vorsprung über die Zeit schummeln - ohne Erfolg. In den letzten vier Minuten schlug Bielefeld zweimal zu, gewann 2:1. Und das nicht mal unverdient, auch wenn das bei den Lilien den ersten Reaktionen nach niemand wahrhaben wollte.

„Ich mache meiner Mannschaft kämpferisch keinen Vorwurf und bin mit der Leistung einverstanden“, sagte Trainer Schuster. Kapitän Sulu ergänzte: „Meiner Meinung nach waren wir in allen Belangen besser.“ Kann man so sehen, stimmt aber nicht. Denn Bielefeld hatte mehr Ballbesitz (55 Prozent), die bessere Zweikampfquote (54 Prozent), mehr Torabschlüsse als Darmstadt (13:10). Und war vor allem ab und an dazu in der Lage, spielerische Akzente zu setzen. Ihrerseits hatten sich die Lilien eigentlich nur eine echte Chance herauskombiniert.

Klar, hätte das Spiel vier Minuten kürzer gedauert, hätte die finale Darmstädter Mauertaktik - wie schon so oft in der Vergangenheit unter Anleitung von Coach Schuster - zum Erfolg geführt, die Hessen würden nun in der Tabelle ganz oben anklopfen. Stattdessen stehen drei Spiele nacheinander ohne Sieg zu buche, die vergangenen beiden gingen gar verloren, das Team bleibt bei einer Ausbeute von zehn Punkten aus sieben Spielen. Nicht gut, nicht schlecht, Mittelmaß eben. „Es ist sehr bitter, in der Englischen Woche zwei Niederlagen einzustecken. Wenn wir führen, müssen wir in Zukunft auch mal einen drauflegen. So minimieren wir das Risiko, dass es schiefgehen kann“, legte Marcel Heller den Finger in die Wunde.

Der 32 Jahre alte Flügelflitzer war nicht nur einer, der Klartext sprach, er ist auch einer der wenigen Kicker im Kader, der zurzeit gehobenen Ansprüchen genügt. Wenn aus dem Spiel heraus nach vorne etwas geht, dann über den Rechtsaußen. Weder das Zentrum, ob dort nun Marvin Mehlem oder Johannes Wurtz spielen, noch die linke Flanke von Joevin Jones strahlen Torgefahr aus. Gerade der 27-jährige Jones hinkt seiner Form der vergangenen Saison meilenweit hinterher. Wenn er dribbeln muss, passt er. Wenn er passen muss, dribbelt er. „Joevin spielt unglücklich“, sagte auch Schuster, „aber er bemüht sich und wird sich wieder zurückkämpfen.“ Na hoffentlich.

Denn die Kreativität des Mannes aus Trinidad und Tobago, seine überraschenden Richtungswechsel, wären dringend nötig, um dem Lilien-Spiel ein unvorhersehbares Element zu geben. Denn insgesamt wirkt der Stil doch arg einfältig. Lange Bälle auf Serdar Dursun, Ablage des Stoßstürmers auf nachrückende Mittelfeldspieler, Pass nach Außen auf Heller. Flanke. An guten Tagen ein probates Mittel, an schlechten ein ausrechenbares,

Doch Dirk Schuster wäre nicht Dirk Schuster, wenn er nun wilde Dinge versuchen würde. Der 50-Jährige baut seit jeher auf Kontinuität, vertraut seiner (defensiven) Idee des Fußballs und wird daher vorerst einmal auf Sandro Sirigu bauen. Die 29-jährige Allzweckwaffe, die ihre Stärken mehr in der Rückwärts- denn Vorwärtsbewegung hat und zuletzt von einer starken Erkältung außer Gefecht gesetzt war, dürfte am Freitag (18.30 Uhr) beim Auswärtsspiel gegen Holstein Kiel den schwächelnden Jones in der Startelf ersetzen.

Am Grundkonzept wird aber auch das nichts ändern: Das machte Schuster schon direkt nach der Partie gegen Bielefeld klar. Man wolle in Kiel kompakt auftreten, besser Fußball spielen, „und diesmal mit voller Kraft bis zur 93. Minute durchziehen.“ Gelingt das, kann Dirk Schuster in einigen Monaten vielleicht entspannt behaupten, dass er und seine Mannschaft aus dem Abend des 25. September die richtigen Schlüsse gezogen haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion