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Respekt, bitte: Bruno Labbadia.

Darmstadt 98 - Hamburger SV

Labbadia, der ewige Darmstädter

Bruno Labbadia kehrt als Trainer des Hamburger SV in seine Heimat zurück. Der 49-Jährige steht für eine Karriere, von der viele träumen.

Von Steffen Gerth

Mit dem Zug zu fahren, ist etwas Schönes. Am Fenster sitzend, ziehen Landschaften und Städte an einem vorbei wie in einem Monumentalfilm. Kommt dagegen Müdigkeit auf, kann der Bahnreisende sich entspannt zurücklehnen und die Augen schließen. Auch die Spieler des Hamburger SV haben diesmal auf dieses Fortbewegungsmittel zurückgegriffen. Weil das Kabinenpersonal der Lufthansa streikt, musste der HSV für die Reise zum heutigen Bundesligaspiel beim SV Darmstadt 98 (18.30 Uhr, Böllenfalltor) ein wenig umplanen: Am Freitag stand um 11 Uhr das Abschlusstraining auf dem Programm, danach ging es ab zum Bahnhof statt zum Flughafen. Dreieinhalb Stunden dauerte es bis Frankfurt, anschließend ging es weiter ins Hotel.

Vielleicht passt diese langsame Annäherung an das Reiseziel zur Geschichte dieses Spiels, die eben die Geschichte eines Mannes ist: Bruno Labbadia. Als HSV-Trainer kommt er zurück in die Heimat. In Darmstadt geboren, wuchs er erst in Schneppenhausen, später in Weiterstadt auf. Beim SV 98 begann er 1984 seine Karriere als Fußballprofi, bevor er drei Jahre später zum Hamburger SV wechselte. Im Jahr 2003 kam Labbadia wieder zurück ans Böllenfalltor, erstmals als Trainer. Der Verein war in die Oberliga abgerutscht, und der größte Fußballspieler, den die Lilien je hervorgebracht haben, sollte alles wieder reparieren. Labbadia fühlte sich so sehr unter Erfolgszwang gesetzt, dass er sich nicht einmal traute, durch die Stadt zu bummeln, weil er sich von der Zuneigung der Menschen geradezu erdrückt fühlte.

Labbadia schaffte die Rückkehr in die Regionalliga, aber er blieb zu groß für diesen schrulligen Klub, sein Abgang war zwangsläufig. Nach einer 2:7-Klatsche in Regensburg im November 2005 wollte das damalige Präsidium Labbadia zur Rede stellen – und kündigte diesen Rapport gar per Pressemitteilung an. Genau davon fühlte sich der stolze Mann desavouiert, so dass er am liebsten sofort den Bettel hingeworfen hätte. Thomas Schmidt, damals Sportlicher Leiter der Lilien, überredete ihn schließlich, seinen Vertrag bis zum 30. Juni 2006 zu erfüllen.

Labbadias Kontakt zu Schmidt ist heute noch intensiv, erstmals nach neun Jahren wird der früher Lilien-Kapitän und Sportchef wieder einmal ein Match am Böllenfalltor besuchen – seine Frau hat ihm ein Ticket für den A-Block gekauft. Auch mit seinem getreuen Assistenten Eddy Sözer (früher A-Jugendtrainer bei den Lilien) und dem Spieler Ivo Ilicevic hat Labbadia noch ein Stückchen Darmstadt um sich herum. Zusammen mit Schmidt hatte er Ilicevic einst in Aschaffenburg entdeckt und ans Böllenfalltor geholt.

Attraktion der Stadt

Hamburg mag zwar längst Labbadias Lebensmittelpunkt sein, trotzdem bleibt er in Darmstadt für ewig Darmstädter, allein schon wegen seines über die Jahre konstanten Dialektes. In der Fußgängerzone gibt es beispielsweise das Café „Bruno“, das nach ihm benannt wurde. Der heute 49 Jahre alte Labbadia ist eine Attraktion der Stadt, vielleicht auch, weil er für eine Karriere steht, von der viele träumen. Gerade jetzt, da Deutschland das Thema Migration intensiv diskutiert. Das neunte Kind eines italienischen Gastarbeiterehepaars aus der Kleinstadt Lenola wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Die Mutter arbeitete in einer Gardinenfabrik, der strenge Vater im Straßenbau. Bei Tisch wurde nicht gesprochen, die großen Geschwister erzogen die kleinen. Für Individualität blieb nicht viel Raum. Es war die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, nach Respekt, die Labbadia dann zum Fußball beim FSV Schneppenhausen trieb. Er wollte von seiner Grundschullehrerin ebenso gelobt werden, wie der Klassenkamerad eine Woche zuvor. Damals konnte er auch nicht akzeptieren, würdelos behandelt zu werden, nur weil er Gastarbeiterkind war und in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs. Weil in den Siebzigern Italiener noch als „Spaghettifresser“ beschimpft wurden, beschloss er von einen auf den anderen Tag, öffentlich nie wieder in der Sprache seiner Eltern zu reden.

Labbadia hat einmal gesagt, dass ein Psychologe gut erklären könne, warum er so geworden ist, ein Kämpfer, ein Wühler, einer, der nie das Mittelmaß akzeptierte und es deswegen als Stürmer bis zum FC Bayern München schaffte. Und in die deutsche Nationalmannschaft. Wenn er mit der Rückennummer neun (weil neuntes Kind) seine vielen Tore erzielte, dann wirkte sein Jubel selten freudig, eher kriegerisch. Wie ein Triumphator, der einen Feind besiegt hatte.

Als Trainer am Spieltag zeigt er heute italienische Klasse bei der Wahl seine Bekleidung, mithalten kann da nur noch Bayern-Coach Pep Guardiola. Gewiss, Labbadia ist eitel, aber die schicken Sakkos und Krawatten wirken auch, als wolle er seiner Umgebung zeigen: Seht her, hier kommt jemand, der es geschafft hat, Respekt, bitte. Den haben sie in Darmstadt. Trotzdem bleibt er für viele hier für alle Zeiten einfach nur – „der Bruno“.

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