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Hielt mit zwei Toren die Lilien im Spiel: Antonio-Mirko Colak (links).

Remis gegen Bremen

Kanonenschlag im Böllenfalltor

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Die Beurteilungen über das 2:2 (1:0) gegen den SV Werder gehen am Samstagabend beim SV Darmstadt 98 weit auseinander. Erste Spieler läuten die Alarmglocken. Und der Trainer empfiehlt einen ungewöhnlichen Weckruf.

Für Holger Fach, den notorischen Dauergrinser in verantwortungsvoller Position beim SV Darmstadt 98, war mal wieder alles bestens. „Wir waren auf Augenhöhe“, konstatierte der Sportliche Leiter nach dem 2:2 (1:0) gegen Werder Bremen, und analysierte: „Man sieht eine Entwicklung.“ Auch die Floskel vom richtigen Weg, den die Mannschaft unter dem von ihm verpflichteten Fußballlehrer Norbert Meier nehme, durfte im ersten Statement nicht fehlen, zudem seien einstige Stützen wie Aytac Sulu (lieferte beim Saisondebüt eine durchwachsene Vorstellung ab) und Jan Rosenthal (feierte einen Kurzeinsatz nach halbjähriger Zwangspause) wieder zurückgekommen. Also alles bestens bei den Südhessen?

Mitnichten. Auch fünf Punkte nach sechs Spieltagen können nicht über den Eindruck hinwegtäuschen, mit dem Darmstadt in die zweite Länderspielpause dieser Saison geht: Dieser Kader ist weit weniger gefestigt als im Vorjahr, die fußballerische Qualität nicht gestiegen, die defensive Disziplin definitiv gesunken. Warum bloß gab der Gastgeber seine Trümpfe nach der Pause so leichtfertig aus der Hand? Gegen anfangs unterirdische Gäste, die sich unter Alexander Nouri einen schlimmen Halbzeit-Rückfall in die überwunden geglaubte Skripnik-Ära leisteten, brachte ein Elfmetertor von Antonio-Mirko Colak (19.) das verdiente 1:0. Von zwei limitierten Bundesligisten waren die Hausherren dank ihres Engagements und ihrer Ordnung – auch ohne den von Meier auf die Bank verbannten Ordnungshüters Peter Niemeyer - zunächst besser.

Keine Steigerung in der zweiten Halbzeit

Doch aus der Kabine kamen die Lilien, als habe jemand Schlafmittel in die Pausengetränke geschüttet. „Das ist ein Stück weit naiv. Das ist nicht bundesligatauglich, dass wir nach der Pause immer ein Gegentor fangen. Da müssen wir uns straffen“, meckerte Jerome Gondorf. Der Mittelfeldmann legte offen den Finger in die Wunde. Zwar reklamierte Gästetrainer Nouri, der wohl am Sonntag grünes Licht für eine Weiterbeschäftigung bei den Profis erhält, die Bremer Fortschritte für sich, weil er auf ein Zwei-Stürmer-System umgestellt habe, doch genauso griff die These, dass Darmstadt schlicht zu wenig tat. Bezeichnend wie sich der ansonsten grottenschlechte Werder-Verteidiger Lamine Sané beim 1:1 durchsetzte (51.). Als Meier auf der Pressekonferenz gefragt wurde, was gegen die Anfälligkeit in dieser Phase getan werden können, tischte der 58-Jährige im Kabuff einen kernigen Spruch auf. „Vielleicht muss ich in der Halbzeit mal einen Kanonenschlag loslassen.“ Wäre allemal interessant, ob das die baufällige Haupttribüne am Böllenfalltor überhaupt aushält. Und ob jemand die Erlaubnis erteilt.

War ja aber spaßeshalber gemeint. Noch ernster blickte Meier bei anderen Themen vom Podium. Etwa die frühe Auswechslung von Rechtsverteidiger Artem Fedetsky, der sich gegen den überragenden Serge Gnabry nach elf Minuten eine Gelbe Karte einhandelte und nach 31 Minuten vom Trainer vom Feld gewunken wurde. „Ich hatte gewisse Ängste, dass wir uns wieder dezimieren. Und diesmal wollte ich früher reagieren“, begründete Meier ohne Umschweife die Strafaktion für den immer noch fremdelnden ukrainischen Nationalspieler.

Ein weiteres Sorgenkind ist seit diesem Wochenende der eigentlich so zuverlässige Torwart Michael Esser. Denn beim Bremer Ausgleich zog sich der Keeper eine schmerzhafte Schulterverletzung zu – Meier vermutete im ersten Moment eine Schultereckgelenkssprengung, was eine mehrwöchige Pause bedeuten würde. Immerhin: Der kalt ins Spiel gekommene Ersatzmann Daniel Heuer Fernandes zeigte keinerlei Nervosität, zögerte allerdings beim 1:2 durch den enteilten Gnabry (67.) für den entscheidenden Sekundenbruchteil.

Colak hält Lilien im Spiel

Gut für die Darmstädter, dass sie an diesem regnerischen Samstag einen ähnlichen Individualisten aufboten: Wie Colak nämlich nach Gondorf-Flanke – die Gegenspieler Janek Sternberg grandios verfehlte – per Direktabnahme zum 2:2 traf (72.), das war großes Kino. Der Deutsch-Kroate zog direkte Lehren aus einer ähnlichen Szene in der Vorwoche beim FC Augsburg. „Da habe ich den Ball noch angenommen. Vor dem Spiel habe ich noch mit meinem Vater geredet, und er hat gemeint, ‚hau den Ball doch einfach rein‘.“ Gesagt, getan. „Dass er den schwersten Ball so verwertet, zeugt von großem Selbstvertrauen“, lobte sein Trainer, während der Gruß des Torschützen dem Papa auf der Tribüne galt.

Kurios: Auch sein Vorgänger Sandro Wagner hatte einst mit einem Doppelpack gegen Werder Bremen zu diesem Zeitpunkt eine fast unheimliche Torserie begonnen. „Vielleicht ist das ein gutes Omen. Ich habe mir jedenfalls angesehen, wie Sandro Wagner hier seine Tore gemacht hat“, erklärte der Mann des Tages, der artig beschied, „dass ich lieber gewonnen hätte als zweimal zu treffen.“ Doch locker hätte Darmstadt auch noch verlieren können, wenn Heuer Fernandes nicht in letzter Minute gegen Theodor Gebre Selassie gerettet hätte. So aber erfüllte sich die simple Forderung von Norbert Meier: „Wenn du nicht gewinnst, muss du wenigstens einen Punkt mitnehmen.“

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