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Gefragter Mann: Trainer Dirk Schuster.
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Gefragter Mann: Trainer Dirk Schuster.

Darmstadt 98

"Der Hype wird sich bald legen"

Noch stürzen sich Fußballfans und Medien auf die sensationelle Erfolgsgeschichte von Darmstadt 98. Experten glauben jedoch, dass der Hype sich bald legen wird. Und manch einer prophezeit gar Häme für die Lilien.

Von Steffen Gerth

Doch, sagt Tom Lucka, er komme noch zu seinem Nachtschlaf. Aber die Ruhezeiten sind kurz. Am Mittwoch ging sein Dienst weit nach Mitternacht zu Ende, es war es schon Donnerstag, 2 Uhr morgens. Arbeit beim SV Darmstadt 98 ist hart, auf dem Fußballplatz und auch für Medienchef Lucka. Die Darmstädter sind seit ihrem Bundesligaaufstieg die Medienlieblinge der Nation.

Allein in den zwei Wochen vor dem Saisonstart vergangenen Samstag musste Lucka rund 100 Interviewanfragen organisieren, mehr als doppelt so viele wie zu Beginn der vorigen Zweitligasaison. Noch in der Woche vor dem Spiel gegen Hannover 96 (2:2) gab Trainer Dirk Schuster sechs große Interviews.

Besonders in den sozialen Netzen sind die Lilien beliebt. Der Verein hat bei Facebook rund 104.000 Freunde, vor einem Jahr war es ein Drittel. Dank dieses Ansturms erzielen die Lilien mit ihren Nachrichten eine Reichweite von vier Millionen Menschen. Bei Twitter folgen etwas über 24.000 Anhänger den Lilien, vor einem Jahr lasen noch 4000 mit. Und auf dem Fotoportal Instagram klicken heute 10.000 Nutzer die Bilder aus Darmstadt an, dabei waren für diesen Sommer 2000 Fans das Ziel.

"Es geht immer nur um den Moment"

Instagram ist für Lucka wichtig, „denn hier wollen wir die jungen Leute an uns binden. Fans, die der Verein in den vorherigen Jahren verloren hat“. Lucka glaubt nicht, dass die Aufmerksamkeit für die Lilien nur ein Medienthema ist. Vielmehr erreiche die Story des Vereins, der mit dem alten Stadion und schmalem Budget im großen Fußballgeschäft mitmischt, viele Romantiker im Land.

Für Professor Rolf Parr erzählen die Lilien eine klassische David-Goliath-Geschichte, „noch mehr, als der SC Paderborn in der vorigen Saison“, sagt der Medienwissenschaftler von der Universität Duisburg-Essen. Die Medienbranche sei jetzt dankbar, etwas Neues geliefert zu bekommen. „Denn es ist doch alles erzählt und geschrieben worden.“

Doch wie lange hält das alles an? Das Stadion ist allseits bekannt. Zudem hat der Hannoveraner Trainer Michael Frontzeck vorigen Samstag mit seiner Schwärmerei das Böllenfalltor geadelt. Eines ist sowieso auffällig: Nachdem der Verein wohl gemerkt hat, dass Deutschland die Lilien vor allem auch wegen ihres skurrilen Stadions liebt, wird immer seltener öffentlich beklagt, dass man kein neues hat.

Auch die bunten Geschichten über den Bart und die vegane Ernährung von Stürmer Marco Sailer hat jetzt jeder in Deutschland gehört, und über Trainer Schuster sowieso. Also? „Der Hype wird sich bald legen“, glaubt Medienexperte Parr. „Es geht immer nur um den Moment.“ Nach einer knappen Niederlage am Samstag bei Schalke 04 wird die David-Goliath-Geschichte noch ein bisschen weitererzählt, denkt der Wissenschaftler. „Aber sollten dann fünf, sechs weitere Niederlagen folgen, wird es schwierig.“

Böse Vorahnung

Dann wird Lucka noch mehr gefordert sein. Doch für Frank Willmann wird der Medienchef auf verlorenem Posten stehen. Der Fußballbuch-Autor und Mitglied der Autorennationalmannschaft hält den Trubel um die Darmstädter für eine mediale Blase. Willmanns aktuelles Werk „Kassiber aus der Gummizelle“ gehört zu den nominierten Titeln für den Preis „Fußballbuch des Jahres“, zur sportjournalistischen Szene geht er auf Distanz. „Journalisten wollen Teil des Geschäfts sein“, behauptet er.

Aber wehe, die Geschäfte der Darmstädter laufen nicht mehr gut, sprich, sie verlieren. „Dann prasselt die Häme der Medien auf sie ein, nach dem Motto: Das haben wir schon immer gewusst, aber wir wollten ihnen eine Chance geben.“ Willmann kann auch mit Bezügen zum ersten Bundesligaaufstieg des SC Freiburg 1993 nichts anfangen. „Die kamen als eine Studentenstadt, Hochburg der Grünen, es gab den Rhetorikprofessor Walter Jens.“ Und die Studentenstadt Darmstadt? „Der Inbegriff von Ödnis und Provinzialität.“

Die von den Lilien bemühte Tradition in der Außendarstellung ist für Willmann nur etwas, was die „kleinen Leute“ hören wollen. „Tradition ist Sturheit, Stillstand, Verbohrtheit.“ Willmann glaubt, dass sich im Spätherbst die Faszination Lilien erledigt hat, wenn sportlich nicht mehr viel geht. „Denn ich sehe nicht, wie dieser Fußball die Liga befruchten soll.“ Zum Auftakt jedenfalls war er erfolgreich.

Für den Öffentlichkeitsarbeiter Tom Lucka wird wohl die Arbeit in jedem Fall nicht leichter werden.

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