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Bloß weg mit dem Ball: Der Darmstädter Florian Jungwirth wird von Timo Werner (links) und Marcel Sabitzer unter Druck gesetzt.

SV Darmstadt

Hilflos in der Zeitmaschine

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Den Südhessen gelingt es beim 0:2 gegen Leipzig nicht, den Gegner aufs eigene Niveau runterzuholen.

So eine Zeitreise kann ganz schön wehtun. Bald nach Schlusspfiff kam Florian Jungwirth zu jenem Engpass, der im Darmstädter Stadion als Mixed-Zone fungiert, und im ersten Moment sah es aus, er habe sich bei einem riskanten Manöver den Kopf gestoßen am Steuerknüppel seiner Zeitmaschine: die Lippe aufgeplatzt, das Kinn blutig verklebt. Der Traditionsspieltag, wie Darmstadt 98, 118 Jahre alt, die Partie gegen Aufsteiger RB Leipzig, sieben Jahre alt, titulierte, hatte Spuren hinterlassen, die über ein Stadionheft im vergilbten 50er-Jahre-Layout, Plakate im Retro-Chic an jedem Laternenmast und eine manuelle Ergebnistafel am Marathontor hinausgingen. „Nicht weiter schlimm“, kommentierte Jungwirth seine Schramme mit einem Augenzwinkern, als er wieder im Hier und Jetzt gelandet war: „Hab’ halt ein bisschen Fußball gespielt.“

Schmerzhafter waren andere Dinge für den SV Darmstadt 98 an diesem Samstag, beim verdienten 0:2 gegen den aufstrebenden Tabellenzweiten aus Leipzig. Wobei: Die Lilien schienen die Überlegenheit des Gegners, seine spielerische und taktische Klasse fast bewundernd, erstaunlich entspannt zur Kenntnis zu nehmen. „Man muss die Qualität von Leipzig anerkennen“, sagte Jungwirth, „die spielen ein Gegenpressing, das ist schon Weltklasse. Da haben wir uns sehr schwer getan, offensiv Lösungen zu finden.“ Angesprochen fühlen durfte sich da auch Stürmer Sven Schipplock, der von einem „extrem schweren Gegner“ redete, und Lilien-Trainer Norbert Meier fasste auf der Pressekonferenz die erste Heimniederlage seiner Mannschaft in dieser Saison so zusammen: „Gegen Leipzig kann man verlieren, das ist eine sehr gute Mannschaft. Keine Vorwürfe an mein Team, die Mannschaft hat sich gut gewehrt.“

Von der Vergangenheit aus betrachtet ist ja die Gegenwart die Zukunft, und während die Darmstädter in ihrem nostalgischen Rahmen eine antiquiert anmutende Defensivtaktik unterbrachten, präsentierten sich die futuristischen Gäste auf der Höhe der Zeit. Eine Halbzeit lang schien es zwar, als könnten die Lilien ihren Gegner erneut in ein Fußballspiel verwickeln, mit dem er sich nicht auskennt. Wie schon beim 3:1-Sieg gegen den VfL Wolfsburg wollte der SVD das Leipziger Spiel mit radikalem Abwehrfußball zu entspaßen. Aber im Gegensatz zu den Niedersachsen taten die Sachsen den Darmstädtern nicht den Gefallen, deren Strategie mit groben Abwehrfehlern zu subventionieren.

Geduldiges Kurzpassspiel

Die Leipziger bespielten den Abwehrriegel der Lilien mit geduldigem Kurzpassspiel, immer wieder versuchten sie es lehrbuchmäßig über die Außenbahnen, mit Forsberg, Poulsen, Keita und Werner, all den sündhaft teuren Edelkickern. Weil es die 98er aber lange verstanden, den letzten, entscheidenden Pass abzufangen, konnte Trainer Meier später mit Recht darauf verweisen, dass die erste Halbzeit ohne jeden Torschuss zu Ende ging – keinen für Darmstadt, keinen für Leipzig.

Allerdings: Hätte Schiedsrichter Wolfgang Stark Poulsens Tor nach 16 Minuten nicht fälschlicherweise wegen einer Abseitsstellung weggepfiffen, das Spiel wäre wohl schon vor der Pause seiner Bestimmung zugeführt worden. So dauerte es bis zur 52. Spielminute, ehe die Gäste trafen: Der eingewechselte Sabitzer traf auf Vorlage Werners, was nicht zu verwechseln war mit dem 0:2, als Sabitzer auf Vorlage des eingewechselten Burke traf (82.). Beide Male hatte Lilien-Linksverteidiger Leon Guwara seinen Gegenspieler laufen lassen, beide Male beförderte der österreichische Nationalspieler den Ball auf Höhe des kurzen Pfostens am Darmstädter Torwart Michael Esser vorbei ins Netz.

„Auf dem Level werden kleine Fehler eben bestraft“, sagte Jungwirth: „Wir hätten unsere Kompaktheit gerne über 90 Minuten gehalten, dann wäre heute etwas drin gewesen. Leider waren wir in zwei Szenen unaufmerksam.“ Ob das, was für die Lilien drin gewesen wäre, irgendetwas anderes als ein glückliches torloses Unentschieden hätte sein können, darf allerdings bezweifelt werden. Ganz kurz nur, für ein paar Minütchen nach der Leipziger Führung, trat der SVD mutiger auf, offensiver. Ansonsten war er den Ball, hatte er ihn denn mal, meist umgehend wieder losgeworden im Leipziger Gegenpressing. „Nach unseren Ballgewinnen waren wir zu hektisch, da hätte ich mir mehr Ruhe gewünscht.“ Am Ende hatten die Lilien nur 54 Prozent ihrer Pässe an den Mann gebracht, was selbst für eine Kontermannschaft ein ziemlich schlechter Wert ist.

„Am Mittwoch habe ich mich mehr geärgert als heute“, sagte Norbert Meier dann noch, obwohl er das Pokal-Aus in Walldorf eigentlich schon für abgehakt erklärt hatte. Bei all dem hin und her, zwischen dem Heute, Gestern und Morgen, konnte man aber auch mal ein bisschen durcheinanderkommen.

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