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Regenerationsbad in der Rench: Sebastian Hertner.

Darmstadt 98

Vom guten Gefühl, sich schlecht zu fühlen

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Lilien-Neuzugang Sebastian Hertner schätzt die Quälerei in der Saisonvorbereitung: "Ich bin hier, um besser zu werden."

Der natürliche Feind des Leistungssportlers ist bekanntlich der Schweinehund, der innere, und der natürliche Feind des Schweinehunds, des inneren, ist bekanntlich Dirk Schuster, der Darmstädter Fußballtrainer. Wer sich mit dem Profifußballer Sebastian Hertner, 27, ein wenig darüber unterhält, weshalb er in diesem Sommer von Erzgebirge Aue zu Darmstadt 98 wechselte, der merkt recht schnell, dass hierbei auch der Schweinehund eine Rolle spielte und der große Schweinehundexperte Schuster. Sebastian Hertner sagt: „Ich habe kein Problem damit, meinen Schweinehund herauszufordern. Deshalb bin ich hier.“

Denn: „Priorität Nummer eins ist, dass ich nicht stagniere. Der Schritt nach Darmstadt war für mich, für meinen Werdegang, zu diesem Zeitpunkt absolut der richtige“, glaubt der Linksverteidiger, der auf seiner Position Fabian Holland herausfordern soll. Schusters Training, in Sachen Fitness unterstützt vom eisernen Co-Trainer Frank Steinmetz, bringe ihn weiter, glaubt Hertner, „und ich habe gemerkt, dass ich mich da noch weiter verbessern kann, Tag für Tag.“ Das sei ihm schon wichtig, wenn er ein neues Kapitel beginne: „Das Gefühl, sich weiterentwickeln zu können.“

Hertner hat gemischte Erinnerungen ans Bölle 

Wenn die Spieler von Schuster in den Unterarmstütz gebeten werden, fünf Minuten halten bitte, lernen sie ihren inneren Schweinehund sehr gut kennen, er nährt sich vom wachsenden Schmerz, von Minute zu Minute wird er lauter: Was tust du da, Blödmann! Hör doch einfach auf! Bis Sonntag waren die Darmstädter im Trainingslager im Schwarzwald, das ist immer die Glanzzeit des Schweinehundes, am Freitag stand ein Triathlon auf dem Tagesprogramm, 500 Meter Schwimmen, 40 Kilometer Fahrradfahren, zehn Kilometer laufen. Die Profis waren in Fünferteams unterwegs, im Ziel genommen wurde die Zeit des jeweils Gruppenletzten. Schuster liebt diese Übungen, die beides fördern, den Teamgeist und die Fitness des Einzelnen, körperlich wie mental. Und damit die Fähigkeit, dem brüllenden Schweinehund fest in die Augen zu blicken und zu sagen: Hör doch selbst auf!

Das Verschieben von Grenzen, inneren und äußeren, ist ein wichtiges Thema für Sebastian Hertner, den Darmstädter Neuzugang. Stillstand mag er nicht. Über die U23-Teams des VfB Stuttgart, wo in der Jugend alles begann, und von Schalke 04 schuftete er sich in seine Profilaufbahn hinein, auch vom Chaos bei 1860 München hat er sich nicht abschrecken lassen. Anfang 2015 ging er aus München nach Aue, stieg ab, stieg auf, schaffte zweimal nacheinander den Klassenerhalt, zuletzt im Mai in der Relegation gegen den Karlsruher SC. „Es war jetzt der optimale Zeitpunkt, dieses Kapitel abzuschließen. Ich hatte in Aue eine tolle, emotionale Zeit, und jetzt gehe ich mit einem guten Gefühl“, sagt Hertner, geboren in Leonberg bei Stuttgart. In Darmstadt habe er das Gefühl, dass auf Dauer mehr möglich sei „als die Grundzielsetzung Klassenerhalt“.

Ohnehin denkt Hertner, ein kluger, freundlicher Gesprächspartner, perspektivisch. Neben dem Fußball studiert er an einer Fernuni für Management. Das sei einerseits ein guter Ausgleich zum Fußball, sagt der schnelle Außenbahnspieler, und, andererseits, bereitet es ihn auf die Zeit nach der Karriere vor, sein zweites Leben, wie er es nennt. „Ich will auf keinen Fall abhängig vom Fußball sein und mit 33 das Gefühl haben: Ich muss jetzt noch ein Jahr spielen, um Geld zu verdienen. Das hat für mich höchste Priorität: Mir was aufzubauen, um dann zum richtigen Zeitpunkt einen fließenden Übergang in die Zeit danach zu schaffen.“

Zuvor jedoch will er in Darmstadt noch ein bisschen was bewegen, am Bölle, an das Hertner gemischte Erinnerungen hat; dort hat er mit Aue im Mai ein Drama erlebt, Erzgebirge musste durch das 0:1 in die Relegation, aber hängen geblieben ist noch etwas anderes: „Der Rasen war super.“ Hervorragend bewässert halt, was auch mit dem Namen Hertner zu tun hat. Papa Markus, Kaufmann bei einem Unternehmen in Calw, hatte den Lilien einst die Beregnungsanlage verkauft.

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