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Bestens gelaunt und gut verpackt: Der Darmstädter Interimstrainer Ramon Berndroth kommt zum Training ins Jonathan-Heimes-Stadion.

SV Darmstadt 98

Der gute Mensch vom Bölle

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Der frühere Co-Trainer von Eintracht Frankfurt, Ramon Berndroth, soll den Bundesligisten Darmstadt 98 wieder aufrichten. Es ist ihm mit seiner offenen, uneitlen Art zuzutrauen.

Wer ungefähr ergründen will, wie Ramon Berndroth tickt, dem sei eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 2001 ans Herz gelegt. Damals, im Mai, wenige Minuten nach dem größten Triumph seiner Trainerkarriere, als er Kickers Offenbach auf sensationelle Weise zum niemals mehr zu erwartenden Klassenerhalt in Liga drei führte, stand er auf der Tartanbahn des uralten Jahnstadions zu Regensburg und stellte sich dem FR-Reporter, der das kleine Wunder ausleuchten und Berndroth als Vater des Erfolges würdigen wollte. Vor der mit völlig entrückten OFC-Anhängern besetzten Kurve blinzelte er in die Sonne und winkte ab: „Der Klassenerhalt mit Mühlheim war schwerer. Da hatten wir beim entscheidenden Spiel nicht mal eine Kabine, mussten uns in der Turnhalle umziehen.“

So ist er, der Mann, der nun den SV Darmstadt 98 zurück in die Spur führen soll. Dachte damals, im Moment des süßen Triumphs, an das kleine Kickers-Viktoria Mühlheim, seinerzeit angesiedelt in Hessens fünfthöchster Spielklasse, Zuschauer pro Partie 120. Die FR schrieb im Mai 2001: „Ramon Berndroth würde selbst dann, wenn er mit den Bayern die Champions League gewinnen würde, abwehrend verkünden: Pah, hört auf: Das war doch gar nix zu meiner Zeit bei der Spielvereinigung Neu-Isenburg.“

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird Ramon Berndroth nicht mehr Trainer beim FC Bayern, doch wenn nicht alles täuscht, wird der 64-Jährige in zehn Tagen mit den Münchnern die Klingen kreuzen und versuchen, Weltmann Carlo Ancelotti zu überlisten – als verantwortlicher Chefcoach der Lilien.

Mit allen Wassern gewaschen

Es ist jetzt nicht so, dass ihn das schrecken würde. Berndroth ist ein alter Hase, mit allen Wassern gewaschen, der John Wayne des Fußballgeschäfts, ein Typ, den nichts schrecken kann – auch weil er schon fast alles erlebt hat.

Der gebürtige Mainzer lebt für den Sport, er ist ein Fußballverrückter, beschäftigt sich von morgens bis abends mit dem Spiel, mit Taktiken, Spitzfindigkeiten und neuen Errungenschaften. Seine Gedanken kreisen ständig um Fußball, abschalten kann er nur schwerlich. Berndroth, der 1975 als Spieler mit dem VfR Bürstadt Amateurmeister wurde und als Trainervorbild einst Lothar Buchmann nannte (übrigens ein gänzlich anderer Typ), kennt das Geschäft von der Pike auf. Er hat eine amtliche Vita, seine Karriere begann als Assistenztrainer am Riederwald. Er war die rechte Hand der Eintracht-Trainer Dragoslav Stepanovic, Karl-Heinz Körbel, Klaus Toppmöller (den er besonders gut fand), Jupp Heynckes und Horst Ehrmantraut. Über seine Erlebnisse bei der Eintracht könnte er ein Buch schreiben oder zwei, doch Abrechnungen sind nicht sein Fall. Nein, Berndroth ist loyal, zuverlässig und offenherzig, kein Stinkstiefel oder Linkmichel, im Gegenteil. Er ist ein Mensch mit Herz.

Das ist auch ein Grund, weshalb er immer wieder eine Anstellung gefunden hat, gerade im Rhein-Main-Gebiet. Er hat bei allen großen Klubs der Region gearbeitet, bei der Eintracht, Kickers Offenbach (als Cheftrainer, Nachwuchskoordinator und Sportchef), beim FSV Frankfurt (als Coach der zweiten Mannschaft) und bei Darmstadt 98 als Nachwuchskoordinator und nun als Interimstrainer auf der großen Fußballbühne.

Die hat er als Chefcoach nie betreten, weil er zu ehrlich, zu unverstellt ist. Berndroth, mit breitem Idiom ausgestattet, ist keiner, der sich verkauft. In der Medien- und Fernsehwelt der Bundesliga würde der Gutmensch sehr wahrscheinlich zermahlen, das ist nicht seine Welt, nicht seine Plattform.

Er ist ein Profi, der viel fordert, der es aber menscheln lässt, er ist uneitel und unprätentiös, nimmt sich nicht wichtig. Für seine Spieler hat Berndroth, dessen Sohn Nino ein guter Fußballer ist und beim Regionalligisten Kickers Offenbach als Teammanager fungiert, ein offenes Ohr, wer ein Problem hat, kann zu ihm kommen. Seine Anvertrauten würde er nie im Stich lassen.

Genau so einen können sie am Böllenfalltor gut gebrauchen, einen, der die verschütt’ gegangenen Tugenden und Ideale, den Darmstädter „way of life“ wieder aufleben lässt, der diesem etwas anderen Klub auch wieder das Besondere zurückgibt und eine Wohlfühlatmosphäre, eine familiäre Bindung schafft. Ramon Berndroth ist das zuzutrauen.

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