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Die letzte von einem halben Dutzend Verwarnungen gegen Darmstadt: Konstantin Rausch sieht Gelb von Schiedsrichter Jochen Drees.

Darmstadt 98

"Gelbe Welle" stellt Darmstadt vor Probleme

Die Lilien-Elf wird sich im kommenden Spiel gegen den FC Bayern deutlich verändern. Gleich fünf Darmstädter Spieler holen sich im Speiel gegen Leverkusen eine Gelbsperre ab - es wirkt wie ein ausgeklügelter Plan. Doch davon will der Klub nichts wissen.

Von Steffen Gerth

Im Sprachschatz des deutschen Fußballs funkeln zwei Kostbarkeiten besonders hell. Da ist das ergebnisoffene „Schaun mer mal“ von Franz Beckenbauer, und da ist der Imperativ „Mach‘ et, Otze!“ Der Vater dieses Satzes ist Erich Rutemöller, 1991 Trainer des 1. FC Köln, und er steht für einen humanitären Akt, der allerdings ein bauernschlauer Beschiss war. Sein Spieler Frank Ordenewitz erhielt damals im Halbfinale des DFB-Pokals gegen MSV Duisburg (3:0) die Gelbe Karte und wäre im Finale gesperrt gewesen. Großes Drama. Rutemöller empfahl Ordenewitz, einen Platzverweis zu provozieren. Die damit verbundene Spielsperre sollte er dann im nächsten Ligamatch absitzen – im Pokal-Finale gegen Werder Bremen wäre er wieder spielberechtigt gewesen. „Mach et, Otze!“ rief Rutemöller im rheinländischen Dialekt. Und Ordenewitz machte – schlug kurz vor Spielende den Ball weg, und sah die Rote Karte, die Gelb-Rote Variante gab es damals noch nicht. Dummerweise war Rutemöller so ehrlich, oder so naiv, das alles zuzugeben – was der DFB weniger lustig fand und Ordenewitz noch fürs Pokalfinale sperrte. Die Regularien wurden gleich mit geändert.

Es ist unbekannt, was Trainer Dirk Schuster am Samstag seinen Sportskameraden Jerome Gondorf, Aytac Sulu, Marcel Heller, Peter Niemeyer sowie Konstantin Rausch gesagt hat. Diese fünf Spieler des SV Darmstadt 98 hatten vor dem Spiel gegen Bayern Leverkusen vier bzw. im Fall Niemeyer sogar neun Gelbe Karten auf dem Konto; alle hätten bei einer neuen Verwarnung am kommenden Spieltag bei Bayern München pausieren müssen. Und siehe da: Alle fünf erhielten am Samstag Gelb. Gondorf noch unverdächtig in der 37. Minute, doch die Häufung zum Spielende war pikant: Sulu wurde in der 84. Minute verwarnt, Heller in der 85., Niemeyer in der 88. und Rausch in der 90. – drei Minuten nach seiner Einwechslung.

Schuster gibt nichts zu

Zwei Momente fielen dabei auf: Wie plump Niemeyer dem Leverkusener Stefan Kießling ins Genick sprang, als wollte er die Gelbe Karte regelrecht erzwingen. Und wie Schuster danach zu Roger Schmidt lief, um den Leverkusener Kollegen verschwörerisch in ein Gespräch zu verwickeln. Er könnte dabei Folgendes erläutert haben: Dass es besser ist, seine fünf Männer fallen gegen die Bayern aus, denn auch in Bestbesetzung ist für die Lilien dort kaum etwas zu holen. Dafür ist das Quintett in der Woche darauf wieder dabei – wenn die Lilien beim Abstiegskampfkonkurrenten Werder Bremen antreten müssen.

Was sich am Samstag am Böllefalltor abspielte, war vielleicht eine Art „Mach et reloaded“ – mit den Unterschieden, dass Schuster a) sächsischen Dialekt spricht und b) einen derartigen bauernschlauen Beschiss niemals zugeben würde.

Stattdessen spulte er sein gewohntes Antwortprogramm ab: Er wies darauf hin, dass es ja fünf Stammkräfte seien, die zu ersetzen sind, was als Klage gewertet werden sollte. „Aber ich denke auch, dass wir einen Kader haben, wo die Spieler, die zuletzt ein bisschen in der zweiten Reihe standen, ihre Leistung abrufen werden, und dass wir da trotzdem eine gute Mannschaft aufs Feld kriegen werden, die zumindest versucht, die Bayern im Zaum zu halten.“

Kapitän Aytac Sulu sagte lapidar, dass ja auch in München elf Mann gegen elf Mann spielen, „nur die Namen werden ein bisschen verändert sein“. Etwas giftig wurde er, als er auf eine einkalkulierte Niederlage angesprochen wurde. „Woher wissen Sie denn, dass wir in München verlieren werden?“, fauchte er. Er seine Kollegen haben das am Samstag clever durchgezogen, niemand hat sich verplappert, aber sie haben ein neues Kapitel Fußballgeschichte geschrieben.

Die abermalige Heimniederlage nach der Führung von Sandro Wagner (28.) und den Gegentoren von Sulu (Eigentor/62.) und Julian Brandt (77.) ist kaum noch Thema nach diesem Kampfspiel im Dauerregen gewesen. Auch nicht, ob die desaströse Qualität des Rasens nur eine schlechte Laune der Natur ist – oder eben eines der vielen Kniffe des Aufsteigers, spielstarken Teams das Leben schwer zu machen. Man darf gespannt sein, ob dieser Acker zufälligerweise nach der Partie gegen Borussia Dortmund (2. März) gegen erstligagemäßes Grün ausgetauscht wird.

Kapitän Sulu hat dann noch ein bisschen über seine diversen Blessuren gesprochen, der Mann quält sich offenbar mit allerlei Schmerzen durch den Alltag. Aber nun winkt ihm ja eine Woche Erholung. „Gott sei Dank“, kam zur Antwort. Eine Spielsperre hat eben auch Vorteile. Erst recht, wenn es gegen Bayern München geht.

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