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Patzte in zwei Partien in Folge: Torwart Marcel Schuhen.

Lilien

Gefahr aus den eigenen Reihen

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Darmstadt 98 sieht sich auf gutem Weg, patzt aber zu häufig individuell.

Im Fußballsport ist es nicht leicht, auf Dauer erfolgreich zu sein, wenn man immer ein bisschen auch gegen sich selbst spielt. In Darmstadt, rund ums Stadion am Böllenfalltor, hat sich bei den eigenen Fans eine merkwürdige Grundhaltung breitgemacht, irgendwie hat man immer das Gefühl, dass die Stimmung sofort kippen könnte, wenn mal was nicht so läuft, wie es eigentlich soll. Und zuletzt lief ja nicht wirklich viel, wie es laufen sollte. Am Sonntag gegen Jahn Regensburg musste schon eine beherzte und couragierte Energieleistung her, um den Anhang hinter das eigene Team zu ziehen. Wie fragil das Ganze ist, spürte man, als Stürmer Serdar Dursun einen Strafstoß beim Stand von 0:1 eine Viertelstunde vor Schluss über die Latte zimmerte. Da pfiffen die Menschen und grollten und riefen sogar vereinzelt „Dursun raus“.

Der 28-Jährige befriedete die Situation mit zwei Toren selbst, zum Sieg hat es dennoch nicht gereicht, weil ein Mannschaftskollege Sekunden vor dem Abpfiff schwerwiegend patzte. Torwart Marcel Schuhen begünstigte das Regensburger 2:2 mit einem kapitalen Fehlgriff. Nicht zum ersten Mal. Schon in der Vorwoche in Fürth hatte der Keeper einen harmlosen Distanzschuss des früheren Eintracht-Stürmers Branimir Hrgota ins Netz fliegen lassen. Der Anfang vom Ende beim 1:3 im Frankenland.

Auffällig ist, dass die Südhessen, womit die Eingangsthese wieder ins Spiel kommt, sich viel zu viele eigene Fehler leisten, um dem massig betriebenen Aufwand gerecht zu werden und Spiele am Ende auch gewinnen zu können. Vier der letzten fünf Gegentreffer fabrizierten die Darmstädter selbst. Zweimal patzte Schlussmann Schuhen, zweimal waren es Darmstädter Spieler, die den Ball in den eigenen Kasten beförderten: In Fürth machte Immanuel Höhn ein Eigentor, gegen Regensburg stand Abwehrkollege Dario Dumic ihm in nichts nach. Das kann alles passieren, keine Frage, aber mindert es doch die Erfolgsaussichten gewaltig.

Trainer Dimitrios Grammozis ist daher nach dem verpassten Heimsieg recht drastisch gefragt worden, ob die Lilien „Scheiße am Bein“ hätten? „Was heißt Scheiße am Bein?“, fragte der Coach rhetorisch zurück. „Das gehört zum Fußball dazu, da gibt es keine Vorwürfe.“

Der Fußballlehrer war emsig darum bemüht, gerade seinen unglücklichen Torwart aus der Schusslinie zu nehmen. „Er würde sich am liebsten verbuddeln, aber er wird nicht an den Pranger gestellt“, sagte der Deutsch-Grieche: „Wir werden ihn aufbauen und zusammenstehen. Da heißt es jetzt, Brust raus. Gegen St. Pauli hat er uns den Sieg gerettet.“

„Verteidigungswillen“ nötig

Der 26-Jährige, vor der Runde aus Sandhausen gekommen, ist erst vor dreieinhalb Wochen ins Lilien-Tor zurückgekehrt, zuvor hatte ihn ein Armbruch außer Gefecht gesetzt. Bisher hat Schuhen nicht zeigen können, dass er den nach Hamburg abgewanderten Daniel Heuer Fernandes auch nur annähernd ersetzen kann. Die Position im Kasten war bei den Darmstädtern eigentlich immer gut bis sehr gut besetzt, Heuer Fernandes gilt als einer der besten Keeper der zweiten Liga, auch Christian Mathenia, davor die Nummer eins, war ein sehr verlässlicher Torwächter. Mittlerweile hat der eine oder andere rund ums Bölle indes die Befürchtung, auf der sensiblen Position im Gehäuse könnte es das eine oder andere Problemchen geben.

Schwierigkeiten haben die Darmstädter überdies, ihr Spiel zielgerichtet nach vorne zu tragen. Gegen die tapfer kämpfenden, aber genauso limitierten Regensburger schafften es die Lilien im ersten Durchgang nicht, sich auch nur eine einzige nennenswerte Torgelegenheit zu erspielen. Erst nach der Pause wurde es druckvoller und wuchtiger. Klar ist aber, dass da viel über Willen und Bereitschaft geht – Primärtugenden im Fußball, ohne die man in der zweiten deutschen Spielklasse ohnehin Schiffbruch erleiden würde.

Trainer Grammozis ist angetreten, die Spielweise zu modifizieren, weg von dem rustikalen Arbeiterfußball hin zu etwas mehr spielerischer Linie, kurz gesagt: Flachpass statt Langholz. Ein löblicher Ansatz, zumindest für diejenigen, die Fußball als schönes Spiel begreifen und sich nicht nur für Grätschen, Kampf und Laufstärke begeistern können.

Das Ganze, logisch, steht und fällt aber mit der Qualität des kickenden Personals. In Darmstadt hat man sich bewusst dafür entschieden, mit einer relativ jungen, entwicklungsfähigen Mannschaft zu arbeiten. Das ist von der Idee her sicher kein verkehrter Ansatz. Genauso klar ist aber, dass man dann Geduld und einen langen Atem braucht, und natürlich auch die passenden Ergebnisse.

Der 41 Jahre alte Fußballlehrer Grammozis sieht sich nach der ordentlichen Leistung in der zweiten Halbzeit gegen Regensburg in seinem bisherigen Wirken bestätigt. Hinten brauche man noch etwas mehr „Verteidigungswillen“ und vorne die Traute, „häufiger aufs Tor zu schießen“, so der Coach, doch insgesamt sei die Entwicklung seiner Mannschaft positiv. „Wir machen viele Sachen sehr, sehr gut“, befand Grammozis. „Wir sind auf einem sehr, sehr gutem Weg.“

Vielleicht ist das ein klitzekleines bisschen übertrieben.

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