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Kann noch nicht glücklich sein mit dem, was sein Team zeigt: Lilien-Coach Dirk Schuster.

Darmstadt im freien Fall

Ganz dick drin im Schlamassel

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Darmstadt rätselt über den Minutenschlaf beim 1:2 in Bochum ? und ist jetzt Vorletzter.

Es ist nicht weit in Darmstadt vom Fußballstadion am Böllenfalltor zum Satellitenkontrollzentrum der Europäischen Weltraumorganisation ESA, eine Viertelstunde mit dem Auto. Einfach zum Hauptbahnhof und dann vorbei am Mozartturm. Die Fahrt könnte sich in dieser Woche lohnen für die Analytiker des Fußball-Zweitligisten SV Darmstadt 98, denn seit dem vergangenen Freitagabend, seit dem schmerzhaften 1:2 (0:0) in Bochum, umtreibt die Lilien eine Frage, die ihnen womöglich nur die Allmenschen von der ESA beantworten können. Die Frage lautet: Wo kam das schwarze Loch her, das den SVD da zwischen der 62. und 70. Spielminute verschluckt hatte?

Die Beteiligten waren sich im Nachhinein nicht sicher, was ihnen da genau widerfahren war tief im Westen zwischen 19.50 und 20 Uhr. Der Darmstädter Trainer Dirk Schuster sprach von „Chaosminuten“ vor dem eigenen Tor, der Darmstädter Spieler Fabian Holland erinnerte sich tags drauf, dass er sich eigentlich an nichts erinnerte: Ein „zehnminütiger Blackout“ sei das gewesen, sagte der Linksverteidiger über jene Phase, als die Lilien nicht nur die Kontrolle über das Spiel verloren, sondern gleich das ganze Spiel. Aus der 1:0-Führung nach einer Ecke durch Romain Brégerie (61.) war innerhalb von drei Minuten ein 1:2-Rückstand geworden, nach den VfL-Toren von Lukas Hinterseer (66.) und, ja, Fabian Holland, der die Kugel beim Versuch, eine Flanke zu klären, per Flugkopfball ins eigene Tor beförderte (69.). Danach lag er bäuchlings auf dem Boden, sichtlich erstaunt über das eben Geschehene. Manchmal endet ein Blackout am Freitagabend genau so.

Die Hoffnung auf schnelle Besserung ist verflogen

Nun sind sie ganz dick drin im Schlamassel, die Darmstädter. Am Sonntag gewann Greuther Fürth 1:0 gegen Dynamo Dresden und kletterte an den Lilien vorbei. Auf Rang 17 sind sie jetzt in der Tabelle, dem ersten direkten Abstiegsplatz, und auch wenn sie das Nachholspiel in der kommenden Woche gegen den 1. FC Kaiserslautern (Mittwoch, 21. Februar, 18.30 Uhr) in der Hinterhand haben: angenehm ist das nicht.

Nein, Angst habe man nicht, sagte Kapitän Aytac Sulu in Bochum, aber man wisse um die Situation: „Wir können die Tabelle lesen.“

Die vage Hoffnung jedenfalls rund ums Böllenfalltor, dass die Ankunft von Dirk Schuster einen schnellen Abschied der Probleme bedeuten würde, ist spätestens seit dem Freitagabend, seit dieser Niederlage in Bochum zerschmettert. Zwar stimmt es, dass die Lilien einen stabileren Gesamteindruck machen als 2017 noch unter dem Trainer Torsten Frings – weil Schuster ein paar zusätzliche Sicherungen in den Schaltkreis seiner Elf eingepflegt hat, weil er den Kader qualitativ verbessert hat in der Winterpause, mit der Verpflichtung des Innenverteidigers Brégerie, des Sechsers Slobodan Medojevic und des Angreifers Dong-Won Ji. Aber der Hang zur Selbstmanipulation ist diesem Team geblieben.

Beim 1:2 im Heimspiel gegen den MSV Duisburg schon kassierten die Darmstädter zwei eher läppische Treffer, und den Bochumern, angestachelt vom Gegentor, genügte es, kurz mal sehr wild zu werden, um das Spiel an sich zu reißen.

„Das 1:0 hat Fesseln gelöst – jedoch leider auf der falschen Seite“, hatte auch Schuster erkannt: „Wir haben es nicht geschafft, Ruhe in die Partie zu bekommen. Bochum hatte nach dem 0:1 nichts mehr zu verlieren und brutal nach vorne gespielt, und wir waren nicht in der Lage, das zu verteidigen.“ Das sorgt den Fußballlehrer besonders, dessen Philosophie ja eigentlich darauf gründet, dass sein Team in keiner Lebenslage vergisst, wie man das eigene Tor verteidigt.
Aber auch die andere Seite seiner Fußballidee sieht Schuster noch nicht verwirklicht. Der 50-Jährige setzt auf direktes Offensivspiel, auf schnellen Umschaltfußball nach Ballgewinnen.

In Bochum und zuvor auch gegen Duisburg kamen nur wenige Darmstädter Aktionen schnell daher oder direkt. Von der Doppelsechs, die am Freitag der gesetzte Medojevic und Yannick Stark (für den angeschlagenen Peter Niemeyer) bildeten, kommen zu wenige Offensivakzente. Im Sturm werkeln Ji, Felix Platte, Tobias Kempe und Joevin Jones zu oft ohne erkennbaren Zusammenhang vor sich hin.



„Wir hatten gute Balleroberungen“, sagte Schuster im Ruhrstadion, „aber wir haben es nicht geschafft, Kapital daraus zu schlagen“. Es sei nicht gelungen, mit Tempo in die Räume zu gehen, und weil das eine Stunde lang auch für die Bochumer galt, bekamen die Zuschauer schwer verdaulichen Zweitliga-Abstiegskampf geboten.

Dieser Abstiegskampf, der immer auch ein Abstiegskrampf ist, hat die Lilien nun weiter fest im Griff. In Bochum trafen sie auf einen angeschlagenen Gegner, krisengeschüttelt auf allen Ebenen nach der Doppelentlassung kurz zuvor von Trainer Jens Rasiejewski und Sportdirektor Christian Hochstätter. Mit einem Sieg hätte der SV98 einen tabellarischen Sprung machen können, vorbei am VfL, in die Nähe der sicheren Zone. Es ginf in die andere Richtung. Weil man der Energie, welche beim Team von Interimscoach Heiko Butscher nach dem Brégerie-Tor frei wurde, nichts entgegenzusetzen, konnte sich bis zum Schluss nicht von ihren Fesseln befreien.

„Wir haben viel Arbeit vor der Brust“, sagte Schuster. Und gleich wieder ein Auswärtsspiel: Am kommenden Samstag um 13 Uhr bei Arminia Bielefeld.

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