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Spätes Glück: Tobias Kempe bejubelt seinen Ausgleichstreffer.

Darmstadt 98

Falle am Bölle

Ein glückliches 1:1 gegen Sandhausen weckt Konflikte in Darmstadt.

Die Profis des SV Sandhausen umschwärmten aufgebracht den Schiedsrichter, denn sie wussten, dass etwas geschehen war, was nicht geschehen darf, wenn man gegen Darmstadt 98 spielt. Der Spielleiter, der  auf den richtungsweisenden Namen Johann Pfeifer hört, hatte in der letzten Spielminute auf Freistoß entschieden, über den der Darmstädter Spieler Tobias Kempe später sagen sollte: „Der war wie gemacht für mich.“ Zentrale Position, 18 Meter Torentfernung. Kempes rechter Fuß berührte den Ball, eine fast höfliche Bitte, sich ins Tor zu begeben, und so überquerte der Ball erst bedächtig die Sandhäuser Abwehrmauer, dann die Sandhäuser Torlinie, und im Böllenfalltorstadion flippten alle aus. 1:1, der Ausgleich. Und das Gefühl, noch mal irgendwie davongekommen zu sein.

Die Gäste aus Nordbaden, auch nach fünf Zweitligaspieltagen sieglos, setzten später das Umschwärmen des Schiedsrichters verbal fort, was man ihnen nicht verdenken konnte. Der Darmstädter Angreifer Serdar Dursun hatte Pfeifer ein handelsübliches Kopfballgetümmel als Foulspiel angedreht. „Ein Witz“ sei diese Entscheidung, fauchte Präsident Jürgen Machmeier in den Katakomben jenem einen Print-Reporter in den Block, der die beschwerliche, fast dreiviertelstündige Anreise von Sandhausen nach Südhessen auf sich genommen hatte. SVS-Trainer Kenan Kocak hatte sich in der Zeit zwischen Abpfiff und Pressekonferenz mit Zeitlupen bewaffnet und war zur Erkenntnis gelangt: „Wenn das ein Foul ist, dann weiß ich nicht.“
Aber auch die Darmstädter wussten irgendwie nicht: Freuen über den Punkt, der zehnte bereits nach fünf Spieltagen? Oder doch lieber ärgern, über die über weite Strecken biedere Leistung gegen ein nicht minder biederen Gegner? Über die eigenen Zuschauer gar, die dem mitunter hilflos anmutenden Gewurschtel ihrer Mannschaft zwischendurch mit geräuschvollem Unmut begegneten? 

Kapitän Sulu beklagt die Erwartungen

„Die Erwartungen im Umfeld sind der Wahnsinn“, klagte Kapitän Aytac Sulu im Hessischen Rundfunk: „Vielleicht sollten auch auf der Tribüne alle mal einen Gang zurückschalten und die Mannschaft pushen. Nicht von allen Fans natürlich, aber es gab vereinzelt Pfiffe, was ich nach 48 Minuten nicht verstehen kann.“ Da hatte er recht. Angemessener wären die Pfiffe nämlich bereits nach 30 Minuten gewesen, als der SVD Fehler aller Art produzierte hatte, im Spielaufbau, bei der Ballannahme, vorne, hinten, überall. 

„Das sah überhaupt nicht gut aus, das war brutal schlampig“, sagte Trainer Dirk Schuster. Innenverteidiger Marcel Franke sprach erfrischend offen und reflektiert von zu vielen einfachen Ballverlusten – „auch von meiner Person.“ Man sei im Spielaufbau „blind in die Falle reingetappt“, die Sandhausen aufgestellt habe, analysierte der 25-Jährige: „Wir haben uns das Leben irgendwo selbst schwer gemacht, wollten Fußball spielen, vielleicht sind wir ein zu hohes Risiko gegangen.“ Es sei ein glücklicher Punkt: „Damit müssen wir heute einfach mal zufrieden sein.“ 

Das waren nach dem Schlusspfiff übrigens auch die Fans, die der Mannschaft warmen Applaus spendeten, natürlich noch beseelt vom späten Glücksmoment. In der Viertelstunde nach der Gästeführung durch Tobias Klingmann, unmittelbar nach der Pause (46.), drohte die Stimmung nachhaltig ins Negative zu kippen am Bölle – obwohl der SVD sich im Laufe des Spiels immer besser reinwühlte in die Partie. Als Offensivmann Marvin Mehlem einen taktischen Rückpass aus dem Mittelfeld zu Torwart Daniel Heuer Fernandes spielte, um eine geregelte Spielverlagerung zu ermöglichen, reagierten einige Haupttribünenbesucher nachgerade empört. Was Mehlem wiederum mit bösen Blicken quittierte, als er nach 59 Minuten ausgewechselt wurde für Johannes Wurtz.

Im Fußball besteht immer die Gefahr, den Tabellenstand mit dem Leistungsvermögen eines Teams zu verwechseln. Vielleicht waren die Lilien-Fans deshalb so stinkig, als sie bemerkten, dass ihr Team diese kleinen Sandhäuser, die auch bei Auswärtsspielen um die Ecke ungefähr so viele Fans wie Journalisten dabei haben, nicht schnell mal wegspielte. Sondern sich über weite Strecken an einem kompakten, zweikampfstarken Gegner abmühte, der tat, was er konnte, aber das 0:2 fahrlässig offenließ bei zwei Konterchancen (74., 81.).

Schuster mahnte zum Schluss Konzentration und Konsequenz seines Teams an, nahm den Punkt aber gerne mit: „Der ist gut fürs Gefühl.“ Was der SV Sandhausen nicht behaupten konnte.

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