Nicht ganz fit ins Spiel und dennoch der Matchwinner: Doppeltorschütze Sandro Wagner (li.) liebkost Kollege Marcel Heller.
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Nicht ganz fit ins Spiel und dennoch der Matchwinner: Doppeltorschütze Sandro Wagner (li.) liebkost Kollege Marcel Heller.

Darmstadt 98

Emsige Punktesammler

Der SV Darmstadt 98 erweist sich auch in Hannover als enorm widerstandsfähig. Sandro Wagner wird zum Mann des Tages.

Von Hendrik Buchheister

Als das Spiel bei Hannover 96 beendet war, legte Sandro Wagner ein Geständnis ab. Er gab zu, sich im Vorlauf auf den Rückrundenstart eine Unehrlichkeit geleistet zu haben. „Ich bin noch lange nicht bei 100 Prozent. Ich habe ein bisschen geflunkert, als der Trainer mich gefragt hat. Aber ich wollte unbedingt spielen“, berichtete der Angreifer des SV Darmstadt 98 und setzte ein zufriedenes Grinsen auf.

Dirk Schuster, der angesprochene Trainer, dürfte ihm die Notlüge nicht allzu sehr nachtragen. Denn mit zwei Treffern war Wagner zum Mann des Tages beim 2:1-Erfolg in Hannover geworden, der nach Auffassung von Präsident Rüdiger Fritsch „definitiv ein Big Point“ sei.

Die Darmstädter haben in der Rückrunde Großes vor. Sie wollen es der ganzen Republik beweisen. Das Publikum hat anerkennend zur Kenntnis genommen, dass sich der Aufsteiger aus Südhessen ordentlich schlägt bei seinem Bundesliga-Abenteuer. Die Darmstädter haben viele Sympathien gewonnen. Nicht nur, weil das herrlich marode Stadion am Böllenfalltor daran erinnert, wie der Fußball gewesen sein muss vor dem Zeitalter der modernen Arenen, in denen jeder Eckball und jede Auswechselung von einem Werbepartner präsentiert wird. Auch für ihr tapferes Auftreten und ihre guten Ergebnisse haben die Darmstädter viele Komplimente bekommen. Zum Start in die zweite Saisonhälfte stand nach allgemeiner Auffassung allerdings fest, dass die Darmstädter das gleiche Schicksal ereilen würde wie in den vergangenen Jahren schon Aufsteiger wie Fortuna Düsseldorf oder den SC Paderborn. Dass nämlich nach einer guten Hinserie der Einbruch und am Ende der Abstieg folgen würde.

Schusters Mannschaft hat gleich zum Auftakt ihre Entschlossenheit nachgewiesen, sich dem Trend zu widersetzen. „Es ist doch das Schönste, als Aufsteiger den Klassenerhalt zu schaffen. Wir werden alles tun, um zu erreichen, womit niemand rechnet“, sagte Mittelfeldspieler Marcel Heller. Auch Schuster konnte bei der Nachbesprechung des Spiels in Hannover einen Schuss Genugtuung nicht verbergen: „Wir freuen uns, dass wir einen guten Start in die Rückrunde erwischt haben und mit einem guten Gefühl nach Hause fahren können.“ Was insofern besonders überraschend war, als die Wintervorbereitung der Darmstädter alles andere als ideal verlaufen war.

Nur keine Euphorie

Im Trainingslager im türkischen Lara hatte die Delegation aus Südhessen ja nicht nur mit Regen, Blitz und Donner zu kämpfen, sondern auch mit den Ausfällen wichtiger Spieler. Jan Rosenthal reiste aus privaten Gründen ab, Angreifer Wagner verließ das Camp wegen anhaltender Beschwerden im Sprunggelenk. „Ich hätte vor einer Woche auch nicht gedacht, dass ich hier spiele“, freute sich Wagner nach dem Sieg in Hannover. Schon gar nicht, dass er direkt zum entscheidenden Mann werden würde mit seinen Treffern in der 31. und 47. Minute.

„Wie wichtig dieser Sieg war, werden wir im Mai sehen“, sagte Wagner. Also dann, wenn die Saison zu Ende ist. Bloß nicht in Euphorie verfallen, bloß nicht zu sicher fühlen. Doch fest steht, dass die Darmstädter im Kampf um den Klassenerhalt über „ein gutes Polster“ verfügen, wie Wagner sagte. Sieben Punkte beträgt der Vorsprung auf einen direkten Abstiegsplatz.

Der Angreifer fühlte mit den Kollegen aus Hannover, die nach der Niederlage auf den letzten Platz abgestürzt sind. „Die Jungs haben einen Riesendruck. Das sind auch nur Menschen“, sagte Wagner, der mit seinem zweiten Doppelpack in dieser Saison allerdings erheblich dazu beigetragen hatte, dass der Druck auf die Hannoveraner noch größer geworden ist.

Der Einstand von Thomas Schaaf misslang dramatisch. Die Aufbruchstimmung, die die Ankunft des langjährigen Bremer Erfolgstrainers in Hannover ausgelöst hatte, ist erst einmal wieder dahin. Das frühe Tor des ebenfalls in der Winterpause verpflichteten Angreifers Hugo Almeida, schon beim SV Werder ein Schüler Schaafs, genügte nicht zum ersten Erfolg für den als eine Art Wunderheiler empfangenen Trainer, da die Schwächen in der Defensive die guten Ansätze im Spiel nach vorne zunichtemachten.

Schaaf gab sich trotz der Niederlage gegen den direkten Konkurrenten Mühe, Zuversicht zu verbreiten. „Wir sind auf einem richtigen Weg von der Art und Weise, wie wir das Spiel begonnen haben“, sagte Schaaf. Über 90 Minuten waren allerdings die Darmstädter die besseren Abstiegskämpfer. Für die mitgereisten Fans war das keine Überraschung. Nach dem Schlusspfiff sangen sie: „Gegen Darmstadt kann man mal verlieren!“

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