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Und tschüss: Der Hamburger Lewis Holtby (r.) überspielt Lilien-Verteidiger Tim Rieder.

Darmstadt 98

Einsatz verschlafen

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Darmstadt 98 sucht nach vier Pleite hintereinander die Reset-Taste.

Christian Titz hatte eine Meinung, und Dirk Schuster hatte eine andere. Die Frage, wann ein Sieg „verdient“ ist im Fußball, ist ja fast so alt wie der Sport selbst, am Freitagabend berührte sie auch das Zweitligaspiel zwischen Darmstadt 98 und dem Hamburger SV (1:2). Hat eine Mannschaft den Sieg verdient, wenn sie den schöneren Fußball spielt als der Kontrahent? Oder dann, wenn sie die besseren Chancen hatte? Oder hat der Sieger den Sieg sowieso automatisch immer verdient, schlicht deshalb, weil er ja mehr Tore geschossen hat? Und darum geht’s am Ende im Fußball doch, Chancen hin, schönes Spiel her.

Titz also, Trainer der siegreichen Hamburger und Anhänger des gepflegten Kurzpassspiels, sagte nach der Partie auf der Pressekonferenz: „Insgesamt denke ich, dass wir der verdiente Sieger sind.“ Auf der anderen Seite des Podiums saß Dirk Schuster, Trainer in Darmstadt, er dachte insgesamt etwas anderes als der Kollege und sagte es dann auch: „Ich möchte aufgrund unserer Chancen nicht unbedingt von einem verdienten Sieg des HSV reden. Ich glaube, die effizientere Mannschaft hat gewonnen.“ Und das, ergänzte Schuster, fühle sich natürlich nicht so gut an. Sonderlich angenehm ist die Situation für die Lilien zurzeit ohnehin nicht; viermal haben sie nun nacheinander verloren in der zweiten Liga, in der Tabelle sind sie auf Platz 14 abgesackt mit nach wie vor zehn Punkten.

Im Quelltext dieses wenig erquicklichen Zweitligaspiels unter dem Flutlichtschein am Böllenfalltor war das große, alte Duell verankert: Offensive gegen Defensive. Der Hamburger SV war, trotz erheblicher Krisensymptome nach drei Spielen ohne Sieg und ohne Tor, mit jener Strategie nach Südhessen gereist, mit welcher er den Wiederaufstieg bewältigen will: Das Spiel mit dem Ball auskosten, dem Gegner mit langen Passstafetten die Luft abdrehen, ihn so lange hin und her laufen lassen, bis er einen falschen Schritt macht.

Und falsche Schritte machten die zu Beginn verhalten, um nicht zu sagen ängstlich auftretenden Lilien reichlich. Schuster gestikulierte draußen in seiner Coachingzone in Richtung seiner Abwehr, er sah aus wie ein verzweifelter Dirigent, wenn die Trompeten den Einsatz verschlafen. Aaron Hunt, Hamburger Kapitän, traf unbehelligt zur Gästeführung (13.).

„Die erste Halbzeit war schwierig für uns“, sagte Lilien-Innenverteidiger Marcel Franke: „Wir hatten uns eine Taktik zurechtgelegt, in der wir erstmal abwartend und kompakt agieren wollten. Der HSV sollte das Spiel machen und wir wollten durch gezielte Konter gefährlich werden.“ Während das mit dem Abwarten funktionierte, allerdings anders als gedacht, gelang den Darmstädtern im Spiel nach vorne lange nichts. Und als sie sich dann langsam doch über die Zweikämpfe hineingewuchtet hatten in die Partie, traf Lewis Holtby, ein weiteres Prunkstück der teuren HSV-Offensive, kurz vor der Pause zum 2:0 für die Gäste (45.).

Dursuns Anschlusstreffer kommt zu spät

Es lag an der zweiten Halbzeit, dass die Lilien nicht völlig geknickt in die anstehende Länderspielpause gehen, die sie bitter nötig haben. Spielerisch blieben die Darmstädter zwar so gut wie alles schuldig bis zum Schluss. Aber: „Die Mannschaft hat bis zur letzten Sekunde nie aufgegeben und gegen einen schwer bespielbaren Gegner alles versucht, um einen Punkt hier zu behalten“, sagte Schuster. Der Anschlusstreffer (89., Serdar Dursun) hätte früher fallen können nach guten Chancen, in der Nachspielzeit wäre sogar der Ausgleich drin gewesen, irgendwie, die HSV-Defensive wackelte bedenklich unter dem Beschuss der langen Lilien-Schläge. Ob das 2:2 nun verdient gewesen wäre oder nicht.

„Die Länderspielpause ist jetzt die Möglichkeit, auf die Reset-Taste zu drücken“, sagte Schuster am Freitagabend noch. Vergleiche mit der vergangenen Saison, als sie unter Trainer Torsten Frings im Herbst in eine böse Krise schlitterten, verbitten sie sich gerade ein bisschen in Darmstadt. In der Hoffnung, der Winter möge in diesem Jahr etwas früher an Land klettern.

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