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Verkehrte Welt: Der Wolfsburger Yunus Malli am Boden, der Darmstädter Sandro Sirigu auf dem Sprung.

Wolfsburg - Darmstadt

Einfach nicht dran denken

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Der SV Darmstadt 98 verliert nach einem Gomez-Treffer in Wolfsburg und umdribbelt das Wort Abstieg einfach.

Im Abstiegskampf zählt nur die Mannschaft, da gehen Einzelschicksale unter, egal, wie erfreulich sie sein mögen. Einzelschicksale wie das des Darmstädter Stürmers Felix Platte. Seit Saisonbeginn war er ausgefallen wegen Hüftproblemen und anschließendem Trainingsrückstand. Beim 2:1 gegen den FSV Mainz 05 in der Vorwoche kehrte er auf den Bundesliga-Rasen zurück, er wurde kurz vor Schluss eingewechselt. Ein Gänsehaut-Moment, wie er anschließend berichtete. Jetzt kam er beim Auswärtsspiel in Wolfsburg länger zum Einsatz, etwas mehr als eine halbe Stunde durfte er sich nach seiner Einwechselung in der 57. Minute im Angriff der Darmstädter versuchen, zeigte eine ordentliche Leistung und war einigermaßen froh darüber.

Beschwerden hat er nach eigenen Angaben keine mehr. „Ich fühle mich frisch und habe Bock zu spielen. Ich genieße die Zeit auf dem Platz“, sagte er. Weder klang aus seiner Stimme Euphorie, noch war ein Strahlen in seinem Gesicht zu entdecken. „Wirklich freuen kann ich mich nicht“, gestand er.

Denn seine Mannschaft hatte 0:1 verloren und wartet immer noch auf den ersten Auswärtspunkt in dieser Saison. Die zarte Aufbruchstimmung nach dem Sieg gegen Mainz ist wieder dahin. Es müsste schon ein mittelgroßes Wunder her, um dem Abstieg am Ende der Spielzeit noch zu entgehen.

Es ist nicht bekannt, ob Torsten Frings an Wunder glaubt, der Darmstädter Trainer ignoriert die aussichtslose Lage so gut es geht. „Ich kann mich nur jede Woche wiederholen. Wir versuchen, so viele Punkte wie möglich einzufahren – dann gucken wir, was am Ende rauskommt“, sagte er nach der Niederlage am Mittellandkanal, für die er seiner Mannschaft keinen Vorwurf machen wollte. Charakterlich sei das Team ohnehin in einwandfreiem Zustand. Und auch die spielerische Darbietung hatte Frings gefallen. „Du musst eine Mannschaft wie Wolfsburg auch erstmal hinten so einkesseln. Es wäre nicht verwunderlich gewesen, wenn wir mit einem 1:1 nach Hause gefahren wären“, sagte der Trainer.

Er unterschlug damit, dass sein Team die meiste Zeit des Spiels erschütternd harmlos im Angriff war. Nur sechs Torschüsse gaben die Darmstädter ab. „Wir haben in der ersten Halbzeit keinen Zugriff gefunden und standen tiefer als zuletzt“, klagte Flügelspieler Marcel Heller. Ganz am Ende, in der Nachspielzeit, wäre der Mannschaft trotzdem fast noch der Ausgleich gelungen. Erst verfehlte Sydney Sam das Tor aus wenigen Metern freistehend, dann köpfte Platte knapp am Ziel vorbei. Wenn die Darmstädter tatsächlich noch ein paar Punkte holen wollen in den verbleibenden neun Spielen, sollten sie sorgsamer mit ihren wenigen Torszenen sein.

Wie wichtig ein effizienter Umgang mit Chancen ist, bekamen Frings und seine Mannschaft in Wolfsburg vorgeführt. Auch der VfL verausgabte sich nicht im Spiel nach vorne, hatte kaum echte Gelegenheiten – aber eben einen echten Torjäger. Mario Gomez setzte mit seinem Siegtreffer kurz vor der Pause seine ebenso beeindruckende wie kuriose Serie unter Trainer Andries Jonker fort. Wenn der Übungsleiter aus den Niederlanden an der Linie steht, trifft der Nationalstürmer immer. Das war schon im Frühjahr 2011 so, als Jonker fünf Spiele lang für den FC Bayern verantwortlich war nach dem Aus von Louis van Gaal. Dem damals in München angestellten Gomez gelangen in diesen fünf Spielen neun Tore. Seit drei Partien ist Jonker jetzt für den VfL zuständig als Nachfolger des glücklosen Valérien Ismaël, dreimal traf Gomez, beim 1:1 in Mainz und bei den beiden 1:0-Siegen in Leipzig und jetzt gegen Darmstadt.

Sein Tor gegen den Tabellenletzten ein typisches Mittelstürmer-Tor. Nach einer Flanke von Jannes Horn traf Gomez mit, nun ja: dem Gesicht. „Ich wollte noch gucken, wo der Torwart ist, da springt mir der Ball schon auf die Nase. Ich musste gar nicht mehr viel machen“, beschrieb der Angreifer sein abstraktes Werk. „Gomez ist halt Gomez. Er braucht nur eine Chance“, staunte Darmstadt-Profi Heller.

Seiner Mannschaft fehlt ein solcher Torjäger. Jemand wie Sandro Wagner, der in der vergangenen Saison mit 14 Treffern entscheidenden Anteil am Klassenerhalt hatte. In dieser Spielzeit ist Antonio Colak mit vier Toren bester Schütze der Darmstädter, danach kommen Heller, Sandro Sirigu und Sam mit jeweils zwei Treffern. Vielleicht reiht sich der wieder genesene Platte ja in den kommenden Wochen noch in die Liste ein.

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