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Für Aue-Trainer Dirk Schuster wird es sein wie so oft am Böllenfalltor. Nur halt ganz anders.

Zweite Liga

Dirk Schuster in Darmstadt: Rückkehr mit riesigem Herz

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Die Vergangenheit kickt mit, wenn Dirk Schuster mit Erzgebirge Aue in Darmstadt gastiert.

Es wird sein wie so oft in den vergangenen Jahren im Stadion am Böllenfalltor. Dirk Schuster wird am Spielfeldrand stehen, die Arme verschränkt, die Füße am Boden wie festgeschraubt. Es wird herbstlich kalt sein an diesem Freitagabend in Darmstadt, und doch wird Dirk Schuster ein weißes Polohemd tragen, nichts drüber, wird Anweisungen aufs Spielfeld bellen, gestikulieren, pfeifen.

Es wird sein wie so oft am Böllenfalltor. Nur halt ganz anders.

Zum ersten Mal also, seit er das Schicksal des Fußball-Zweitligisten SV Darmstadt 98 sehr entscheidend mitgeprägt hat, ist Schuster, 51, als Trainer einer Gastmannschaft zu Besuch in Darmstadt. Er reist mit Erzgebirge Aue an, 11. Spieltag (18.30 Uhr). Schuster zu Gast am Bölle, diese Konstellation gab es zuletzt vor neun Jahren, als der gebürtige Sachse sich mit den Stuttgarter Kickers die Ehre gab und 1:1 spielte. Da konnte noch keiner ahnen, dass Schuster später, ab 2012, ein Fußballmärchen schreiben sollte in Südhessen, aufsteigen in die Zweite Bundesliga, aufsteigen die Erste Bundesliga, dort gar den Klassenerhalt schaffen im Jahr 2016. Seine zweite Amtszeit, ab Dezember 2017, verblasst dagegen fast zur Fußnote. Im Februar wurde er entlassen.

„Was wir damals alle zusammen mit Darmstadt erreicht haben“, sagt Schuster heute über die erste Zeit in Südhessen, „das war etwas Historisches für den Verein – und das werde ich immer in großartiger Erinnerung behalten.“ Er freue sich riesig auf die Rückkehr und vor allem darauf, „viele bekannte Gesichter wiederzusehen“. Aber klar sei auch: „Während der 90 Minuten gibt es keine Sentimentalität. Da geht es mir nur um das Spiel, welches wir mit dem bestmöglichen Ergebnis beenden wollen.“

Mit Erzgebirge Aue hat Schuster schon reichlich bestmögliche Ergebnisse eingefahren, seit er die Mannschaft mit seinem Co-Trainer Sascha Franz Ende August übernahm. Mit 18 Punkten rangieren die Veilchen auf dem vierten Tabellenplatz. Am vergangenen Spieltag gab es einen an Spektakel nicht zu überbietenden 4:3-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg, in dem Aue alles an Wille und Widerstandskraft zeigte, was gute Schuster-Teams ausmacht. „Wie die gesamte Mannschaft die späten Tore oder den gehaltenen Elfer gefeiert hat – da erkennt man, was für ein Teamgeist innerhalb der Truppe herrscht“, sagt Schuster. „Die Mannschaft ist unheimlich willig und hat ein riesiges Herz.“

Der Vergleich mit seinen Erfolgen in Darmstadt, die ebenfalls auf dem Wir-gegen-Alle-Prinzip beruhten, drängt sich da geradezu auf. Doch Schuster will davon nichts wissen. „Wir im Verein wären nicht gut beraten, jetzt mit Träumereien anzufangen.“ Und vergleichbar sei der Durchmarsch mit den Darmstädtern damals ohnehin mit nichts. „Uns hatte in der Saison 2014/15 nach dem Aufstieg aus der Dritten Liga kaum einer für voll genommen. Wir hatten nur das Ziel, irgendwie in der Liga zu bleiben“, erinnert sich Schuster an das Aufstiegsjahr. Es entwickelte sich jedoch eine Eigendynamik, die bis zum Saisonende anhielt. „Das hing auch damit zusammen, dass viele Mannschaften in der zweiten Liga geschwächelt hatten. Es gab anhand der Punkte und Tore keinen schlechteren Aufsteiger in der Bundesligageschichte als uns damals.“

Fußballerisches Mittelalter

Die Sterne standen damals günstig über dem Böllenfalltor, und tatsächlich hat Dirk Schuster noch nicht zeigen können, dass er in der Lage ist, eine Mannschaft auf Dauer fußballerisch weiterzubringen. Beim FC Augsburg, dem Schuster sich 2016 anschloss unter Umständen, über die sie beim SV98 nicht glücklich waren, ging seine Amtszeit schnell zu Ende. Wie ein Rückfall ins Mittelalter sei manchem FCA-Profi die Arbeit unter Schuster vorgekommen, heißt es. Ähnlich soll es mit Verzögerung übrigens auch beim zweiten Mal in Darmstadt gewesen sein, als die Spieler irgendwann doch die Sehnsucht nach einem anderen Fußball erfasste, einem Fußball jenseits von Wille und Widerstandskraft und langen Bällen.

In Aue freuen sie sich erst einmal über die Stabilisierungskünste von Dirk Schuster, der ein Händchen dafür hat, ein Team zu beruhigen, ihm Vertrauen zu vermitteln. „Er bringt viel Erfahrung und Persönlichkeit mit“, sagt Vereinspräsident Helge Leonhardt: Und: „Er kann und wird die Mannschaft noch weiterentwickeln, da bin ich mir sicher.“ Es muss ja nicht immer gleich ein ganzes Märchen sein. (mit dpa)

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