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Frustriert: Marvin Mehlem (rechts) nach dem Spiel gegen Karlsruhe. 

Zweite Fußball-Bundesliga

Darmstadt 98 und die wertlosen Werte

Den Lilien fehlt es an Durchschlagskraft, trotz guter spielerischer Ansätze. Die individuellen Leistungen reichen zurzeit nichts aus. Eine Legende findet sich trotzdem nur auf der Tribüne wieder.

Es dauerte ein paar Momente, bis die Ernüchterung durchsickerte. Der Schlusspfiff von Schiedsrichter Felix Brych war kaum zu vernehmen, erst als die Spieler des Karlsruher SC zusammenkamen und der Stadionsprecher sich zu Wort meldete, wurde allen Darmstädtern langsam klar, dass es auch an diesem nasskalten Herbstabend keinen Sieg geben würde. Zum siebten Mal nacheinander. Bleischwer senkte ich die Enttäuschung ins Stadion am Böllenfalltor.

„Es ist die gleiche Leier wie die letzten Wochen: Wir machen ein ordentliches Spiel, müssen aber den Ball hinter die Linie bringen“, sagte Fabian Holland, Kapitän des SV Darmstadt 98, nach dem 1:1 (1:1) gegen den Zweitligaaufsteiger Karlsruher SC. Seit Mitte August haben die Lilien nun nicht mehr gewonnen, sie verharren mit nur neun Punkten aus acht Spielen im Tabellenkeller und gehen mit einem blöden Gefühl in die vorletzte Bundesligapause des Jahres. Irgendwie unverrichteter Dinge. „Für die nächsten Wochen ist Erzwingen der richtige Begriff“, findet Holland.

Durchschlagskraft fehlt

64 Prozent Ballbesitz und 23:9 Torschüsse zugunsten des SV Darmstadt standen am Freitagabend gegen den Karlsruher SC auf dem Statistikzettel. Wertlose Werte, weil der Mannschaft von Trainer Dimitrios Grammozis bei aller Dominanz und Spielstärke die entscheidende Durchschlagskraft fehlte gegen die tiefstehenden Gäste aus Nordbaden. Tragisch war da fast, wie die Lilien die Führung durch den Innenverteidiger Dario Dumic (7.) gleich wieder fallenließen und das 1:1 durch KSC-Torjäger Philipp Hofmann bei einer Ecke zuließen (9.).

„Wir wussten, dass sie gut bei Standards sind, das müssen wir vielleicht besser verteidigen“, sagte Mittelfeldspieler Marvin Mehlem, gebürtiger Karlsruher und vor seinem Wechsel ans Böllenfalltor 2017 elf Jahre lang beim KSC. „Aber sonst“, fügte der kleine Techniker an, „waren wir über die ganze Zeit besser, waren gierig in den Zweikämpfen, nur vor dem Tor hat die Kaltschnäuzigkeit gefehlt und die letzte Konsequenz.“

Damit sprach Mehlem, der gegen seinen alten Klub bemüht war, aber keine entscheidenden Impulse setzen konnte, ein Problem an, von dem er selbst ein Teil ist: Aktuell reichen die individuellen Leistung nicht aus, die allesamt sehr wehrhaften Zweitligagegner zu bezwingen. Mehlem hatte sein mit Abstand bestes Saisonspiel zum Auftakt beim Hamburger SV gezeigt (1:1), dann seinen Vertrag verlängert, um in der Folge Stück für Stück in ein Leistungsloch zu rutschen. Dort ist er nicht alleine. Flügelstürmer Tim Skarke zum Beispiel, Neuzugang aus Heidenheim, war wie eine Rakete in die Saison gestartet, zwei Tore in den ersten beiden Spielen. Zuletzt aber wies das Spiel des 23-Jährigen leichte Verfallserscheinungen auf. Gegen Karlsruhe kam er zur Pause ins Spiel, um „mehr Dampf“ zu machen, wie Trainer Grammozis sagte, traf aber die eine oder andere falsche Entscheidung, als es drauf ankam. Wie übrigens auch ein erfahrener Profi wie Marcel Heller, 33.

Kempe wieder nicht dabei

Skarke, der die Erwartungen bislang übertroffen hat, ist einer von jenen Spieler, die von Sportdirektor Carsten Wehlmann im Sommer ans Böllenfalltor geholt wurden, weil sie jung sind und Potenzial haben. Rückschläge in der Entwicklung sind normal und auch einkalkuliert. Spieler wie Skarke, Mathias Honsak und Braydon Manu (beide 22, beide von Verletzungen ausgebremst) sind Teil des neuen Weges, den Grammozis mit den Lilien begehen will. Wie auch der Südkoreaner Seungho Paik, 22, der gegen den KSC im Zentrum andeutete, dass er stilprägend werden könnte mit seiner feinen Ballbehandlung. Dieser Weg ist richtig, aber schwer.

Auf der Strecke bleibt derweil Tobias Kempe, 30. Auch am Freitag wurde er nicht in den Spieltagskader berufen, mit seiner Strickmütze sah er auf der Tribüne aus wie ein sehr trauriger Kapitän Haddock. Für die Lilien-Legende ist unter dem Trainer Grammozis eher kein Platz mehr bei den Lilien, zu langsam, zu defensivschwach. Hunderttausend heulende Höllenhunde.

Jakob Bollhoff

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