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Geschasst: Der Darmstädter Ex-Trainer Norbert Meier.

Bundesliga

Darmstadt trennt sich von Meier und Fach

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Nach der bitteren Niederlage gegen den HSV beurlauben die Lilien Trainer Norbert Meier und Sportchef Holger Fach. Das ist der Versuch eines Neuanfangs bei Darmstadt 98.

Am Sonntag verdichteten sich die Anzeichen, dass es bald eng werden könnte für Trainer Norbert Meier beim SV Darmstadt 98. Nach der 0:2-Niederlage gegen den Hamburger SV trat Präsident Rüdiger Fritsch vor die Medienvertreter, und seine Worte ließen nichts Gutes erahnen für die Zukunft des Fußballlehrers bei den Südhessen. Man werde genau hinsehen, wie es weitergehen würde, erklärte der 55-Jährige Rechtsanwalt nach der fünften Bundesliga-Niederlage in Folge, wenngleich es „nicht opportun sei, den ersten emotionalen Reaktionen der Fans Folge zu leisten“. Am Montag dann allerdings zeigten die Darmstädter überraschend schnell selbst eine Reaktion: Norbert Meier, im Sommer erst als Nachfolger von Dirk Schuster aus Bielefeld verpflichtet, ist mit sofortiger Wirkung freigestellt beim südhessischen Bundesligisten, auch Sportdirektor Holger Fach verlässt den Verein.

Fritsch erklärte am Montag: „Wir sind nach dem gestrigen Spiel und der anschließenden Analyse zu der Auffassung gekommen, dass wir neue Impulse brauchen, um dem Negativtrend entgegenwirken zu können. Ramon Berndroth wird den Darmstädter Trainerposten zunächst interimsmäßig bekleiden mit Unterstützung von Kai Peter Schmitz (Athletiktrainer und Spielanalyst) sowie Dimo Wache (Torwarttrainer). Am kommenden Samstag, beim Auswärtsspiel beim SC Freiburg, wird Berndroth erstmals auf der Trainerbank sitzen. Der 64-Jährige ist seit 2014 Sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums der Darmstädter, zuvor war er in verschiedenen Positionen beim FSV Frankfurt, Eintracht Frankfurt und Kickers Offenbach tätig und gilt als großer Fußballfachmann. „Ich denke, wir werden die drei Spiele bis zur Winterpause mit diesem Trainerteam bestreiten“, sagte Fritsch am Abend. Mögliche Nachfolger wollte er nicht diskutieren: „Wir haben keine Lösung in der Schublade. Wir werden die Zeit bis zur Winterpause nutzen, um die richtige Wahl für die offenen Posten zu treffen.“

Knatsch mit Führungsspielern

Zuletzt hatten sich die Stimmen gemehrt, dass Meier einen schweren Stand bei der Mannschaft hatte. Vor allem zu jenen Spielern, die unter Ex-Trainer Dirk Schuster starke Führungsspieler waren, soll der 58-Jährige langjährige Bremer Bundesligaprofi ein sehr schwieriges Verhältnis gehabt haben. Der bei den Fans beliebte Peter Niemeyer fand sich ab dem vierten Spieltag nur noch auf der Bank wieder, erst am Wochenende, gegen den HSV, gab er sein Startelf-Comeback. Jérôme Gondorf, einer der Wunderspieler, mit denen die Lilien den Durchmarsch von der Dritten Liga in die Bundesliga schafften, war am Wochenende zum zweiten mal nacheinander gar nicht im Kader. Auch Flügelflitzer Marcel Heller, der den Verein im Sommer verlassen wollte, was ihm die Verantwortlichen nicht gestatteten, soll Schwierigkeiten mit Meier gehabt haben. Auch er verschwand zeitweilig aus dem Darmstädter Team, hatte sich zuletzt aber wieder einen Startelfplatz gesichert. Und an Kapitän und Innenverteidiger Aytac Sulu, so ist zu hören, soll sich Meier nur deshalb nicht herangetraut haben, weil der Einfluss des Deutsch-Türken bei den Lilien sehr groß ist.

Es ist wohl kein Zufall, dass diese kleineren und größeren Degradierungen vornehmlich jene Spieler betrafen, die unter Meier-Vorgänger Dirk Schuster eine gewichtige Rolle spielten. Da wollte einer offenbar immer wieder mal darauf hinweisen, wer eigentlich der Chef ist, und natürlich war Meier auch darum bemüht, die eine oder andere Verbindung in die Schuster-Ära zu kappen, die von Anfang an wie eine dunkle Wolke über seinem Darmstädter Engagement zu schweben schien. Meier ist es jedenfalls nicht gelungen, das Früher, dem sie bei den Lilien und um die Lilien herum besonders nostalgisch begegnen, in die Gegenwart zu hieven und dort für die Zukunft aufzubereiten.

Dennoch: Norbert Meier hat alles versucht im Rahmen seiner Möglichkeiten. Er und sein Trainerteam waren stets auf der fieberhaften Suche nach Lösungen, sie haben ihren Kader gedreht und gewendet, geschüttelt und gerüttelt, sie haben ihn von nah und von fern betrachtet auf der Suche nach dem Heureka. Die Grunderkenntnis, die dabei aus dem Kader rausfiel, war aber stets die Gleiche: Mit diesen Spielern musste immer alles passen, Woche für Woche, Spiel für Spiel, wenn Darmstadt in der Bundesliga bestehen will. Das hat es in den zurückliegenden Wochen nicht, wovon die fünf Pleiten in Folge und der Sturz auf Platz 16 zeugen, vor allem aber auch die dürftigen Leistungen des Teams. Vor der Saison hatte Meier regelmäßig durchklingen lassen, dass er einen etwas filigraneren Ansatz bevorzuge als Schuster, einem – zumindest bei den Lilien – Verfechter eines sehr pragmatischen Fußballs, ausgerichtet auf lange Bälle und gefährliche Standardsituationen.

Neuzugänge schlagen nicht ein

Doch Meier musste bald erkennen, dass auch das im Sommer runderneuerte Team eher nicht für die feine Klinge taugt. Ab dem zweiten Spieltag verordnete er seinem Team eine radikale Defensivtaktik, mit der es respektable acht Punkte in den ersten vier Heimspielen errang. Danach allerdings keinen einzigen mehr, am heimischen Böllenfalltor nicht, und schon gar nicht in der Ferne, wo die Lilien bis dato noch keinen einzigen Zähler auf die Seite brachten. Das ist ja auch so eine bezeichnende Entwicklung: In der Vorsaison legte der SVD auswärts noch die Grundlage für den Klassenerhalt, beendete die Saison in dieser Statistik gar auf dem vierten Tabellenplatz. Der Zusammenhalt einer Mannschaft, ihre Wehrhaftigkeit, zeigt sich ja nirgends so deutlich wie auf fremdem Terrain.

Man muss Meier dafür kritisieren, dass es ihm nicht gelungen ist, das Wachstum dieser neuformierten Mannschaft zu beschleunigen. Oder auch dafür, dass die Entwicklung insgesamt rückläufig schien. Dass man der Darmstädter Mannschaft nur mit Fantasie ein gewisses Bundesligapotenzial nachsagen kann, ist aber auch unbestritten. Von allen Neuzugängen konnte – neben dem auf der Linie tadellosen Torwart Michael Esser – nur der aus Freiburg gekommene Immanuel Höhn dauerhaft überzeugen, zuletzt als Rechtsverteidiger. Dann brach er sich den Fuß, und da der Ukrainer Artem Fedetskyy, der eigentlich für die Planstelle rechts hinten vorgesehen war, bei jedem seiner Auftritte recht rostig rüberkam, musste Meier erneut umständlich umplanen. Für jede Lösung, so schien es, ploppten stets mehrere Probleme auf.

Den Verlust von Leistungsträgern wie Torjäger Sandro Wagner, Verteidiger Slobodan Rajkovic oder auch Flanken- und Freistoßspezialist Konstantin Rausch konnten die Lilien bislang nicht kompensieren. Die Spieler, die Holger Fach von seinen Auslandsreisen mitbrachte, schlugen nicht ein, Fedetskyy nicht, Flügelmann Denys Oliynyk nicht, Stürmer Roman Bezjak nicht – dem mit einer Ablösesumme von etwa zwei Millionen Euro teuersten Zugang in der Vereinsgeschichte. Fach, eng mit Meier verbandelt, huschte am Sonntag schnell an allen Fragestellern vorbei. Er wusste schon da: Meiers Probleme sind auch seine. „Er hat sein Schicksal in den Analysen früh von dem des Trainers abhängig gemacht“, erläuterte Präsident Fritsch Fachs Freistellung. Der Weg für den notwendigen Darmstädter Neuanfang ist damit frei.

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