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Volles Engagement an der Seitenlinie: SV 98-Trainer Dimitrios Grammozis.

Darmstadt 98

Alles im Griff

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Dimitrios Grammozis ist seit fast exakt einem Jahr Trainer der Lilien und hat bereits deutliche Spuren im Verein hinterlassen. Und doch lässt die Vertragsverlängerung auf sich warten.

Dimitrios Grammozis will sich lieber keinen unnötigen Diskussionen aussetzen, ob der Ball denn nun im Seitenaus war oder nicht. Das soll sofort klar ersichtlich sein, auch im Training. Also kommt es häufig vor, dass der Deutsch-Grieche, der Trainer des SV Darmstadt 98, schon lange vor Beginn seiner Übungseinheiten, manchmal bis zu einer Stunde davor, über den Rasen schreitet und gemeinsam mit den Assistenten jene Fläche markiert, die später von den Zweitligakickern bespielt werden soll. Dann werden orangefarbene Linien zur Begrenzung über das Grün gespannt, nicht einfach nur Hütchen aufgestellt wie bei so manch anderem Fußballlehrer der Republik. Nun kann das als Marginalie abgetan werden, etwas, das nun wirklich keine große Rolle spielt für den Erfolg oder Misserfolg einer Profimannschaft, was ja auch keine ganz unbegründete Einschätzung wäre. Doch diese Detailversessenheit beschreibt den Trainer Dimitrios Grammozis recht gut. Er mag es gerne ganz genau.

Es ist jetzt ein knappes Jahr her, dass Grammozis anstelle des kurz zuvor geschassten Dirk Schuster am Darmstädter Böllenfalltor als Trainer anheuerte. Der 24. Februar 2019 war der erste Tag als Proficoach für den einstigen Erstligaspieler des Hamburger SV, des 1. FC Kaiserslautern und des 1. FC Köln. Vorher hatte er beim Darmstädter Zweitligakonkurrenten VfL Bochum als Chef einzig in diversen Jugendteams gewerkelt, sowie als Zuarbeiter für die Profis. Das Angebot des SV Darmstadt 98, es war also eine große Chance für Grammozis, die er liebend gerne ergriff. Der Stil der Südhessen passte perfekt zum Stil von Grammozis.

Am Bölle geht es familiärer zu als andernorts im Profigeschäft, dort entscheiden relativ wenige Menschen über das Wohl und Wehe des Vereins. Auch sind die äußeren Bedingungen vergleichsweise karg gehalten, obwohl das Stadion und dessen Umfeld natürlich zurzeit aufgemotzt werden. „Diese DNA des Vereins, gemeinsam hart zu arbeiten, nichts geschenkt zu bekommen, von der Geschlossenheit zwischen Mannschaft, Klubführung und Fans zu leben, das passt zu mir als Trainer“, sagte Grammozis im vergangenes Jahr im FR-Interview.

Die Bilanz des Familienvaters ist seither eine ordentliche. 35 Pflichtspiele leitete er die Darmstädter bisher an, 13 Siege, 13 Unentschieden und neun Niederlagen sprangen heraus. Umgerechnet sind das 52 Punkte, ein Schnitt von 1,49 Zählern pro Partie. Und um noch ein weiteres Zahlenspiel einzubringen: Lässt man einmal das 1:0 am vergangenen Sonntag gegen Sandhausen raus aus der Rechnung, betrachtet man also genau 34 Spiele, eine ganze Saison, hätte Grammozis mit seiner Truppe 49 Punkte geholt. Das hätte in der Vorsaison einen guten sechsten Rang bedeutet.

Grammozis wurde in Wuppertal geboren, dort wuchs er auf und sammelte in der Jugend des SV Wuppertal erste Erfahrungen im Umgang mit der Kugel, ehe er mit 17 Jahren nach Uerdingen wechselte und von dort den Sprung zu den benannten Klubs schaffte.

Fast wäre Grammozis zeit seiner aktiven Karriere sogar Europameister geworden, aber eben nur fast. Otto Rehhagel verzichtet vor der EM 2004, die die Griechen völlig überraschend im Finale gegen Portugal gewannen, kurzfristig auf den sechsfachen U-21-Nationalspieler. Otto habe ja den Titel geholt, so Grammozis, „da kann er ja nicht falsch gemacht haben“. Überhaupt: Otto Rehhagel sei natürlich ein außergewöhnlicher Trainer und Mensch, jemand, von dem Grammozis eine Menge mitnahm für das eigene Tun. Fairness, Kommunikation, Fleiß. Und so ist aus dem kernigen Schienbeintreter als Spieler auch ein harter Arbeiter als Trainer geworden. Die Trainingseinheiten von Grammozis sind abwechslungsreich, freilich gibt es sich wiederholende Übungen, aber eben nicht so häufig wie bei manch anderem Kollegen.

Grammozis verfolgt einen klaren Plan: Zwar soll seine Truppe hinten solide, in den entscheidenden Momenten auch kompromisslos verteidigen – Stichwort Befreiungsschlag –, im Grunde aber soll das eigene Spiel mit kurzen Pässen nach vorne getragen werden. Das gelang zwar nicht immer in dieser Saison, zwischenzeitlich rutschten die Darmstädter bedenklich nah an die Abstiegszone heran, die Nerven aber verlor der Chef der Kompanie nie. Er, der während der Spiele nie sitzt und dauerhaft Anweisungen aufs Feld schreit, zog seinen Stil durch und schaffte es offenbar, seine Spieler von diesem Weg zu überzeugen. Mittlerweile sind die Darmstädter Neunter und haben acht Punkte Vorsprung auf die gefährliche Zone – ein ordentliches Polster.

Grammozis ist niemand, der unpopuläre Maßnahmen scheut. Tobias Kempe zum Beispiel ließ er zu Saisonbeginn fast nur auf der Bank (oder der Tribüne), obwohl der Mittelfeldspieler zu den besten Fußballern des Ensembles zählt. Der Trainer war unzufrieden mit dem Engagement des Führungsspielers, der gut reagierte, sich herankämpfte und mittlerweile wieder gesetzt ist.

Auch Torjäger Serdar Dursun ist nicht davor gefeit, wie zum Beispiel gegen Sandhausen, bei schlechten Leistungen mal früh vom Rasen genommen zu werden. Auch Marcel Heller ist zurzeit außen vor, wird kaum noch eingewechselt. Ein Murren ist vom 34-jährigen Ex-Leistungsträger dennoch nicht zu vernehmen. Grammozis schafft es offenbar, seine Spieler mitzunehmen. So endet kaum eine Trainingseinheit ohne ein Einzelgespräch, häufig pickt sich der Coach sogar mehrere Spieler nacheinander heraus.

Und das, obwohl er momentan auch an anderen Fronten durchaus Redebedarf hat. Denn noch immer wurde der im Sommer auslaufende Vertrag zwischen Klub und Coach nicht verlängert. Zwar befinden die Verhandlungen nach FR-Informationen auf der Zielgeraden, auch ein Scheitern ist mehr als unwahrscheinlich, ob die Unterzeichnung des Arbeitspapiers aber noch vor dem Auswärtsspiel am Sonntagmittag (13.30 Uhr) in Nürnberg erfolgt, bleibt jedoch abzuwarten.

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