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Wie so oft ein Schritt zu spät: der Darmstädter Tobias Kempe (r.) im Zweikampf mit Niklas Dorsch.

Darmstadt - Heidenheim

Mängel am Bau

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Ein neuformierter SV Darmstadt kassiert den nächsten Rückschlag.

Aus der Kabine der siegreichen Heidenheimer drangen gewöhnungsbedürftige Klänge nach draußen. Der diensthabende Team-DJ hatte zur Feier des Sonntags ein Ballermann-Album aufgelegt, unter anderem vernahm man den Fußballsong eines Interpreten namens Killermichel. Titel: „Auswärts sind wir asozial.“ Eine Behauptung, die sich anhand der vorangegangenen 90 Minuten übrigens nicht bestätigen ließ für die Gäste aus Heidenheim. die auswärts in Darmstadt in erster Linie eines waren: gut. Weshalb sie sich nach dem 2:1 (1:0)-Sieg am Böllenfalltor völlig verdient mit drei Punkten im Gepäck auf den Heimweg an die Ostalb machten.

„Es war ein verdienter Sieg für den FCH, da braucht man nicht drumherum reden“, sagte Lilien-Trainer Dirk Schuster und machte das einerseits am starken Gegner fest: Die Auswärtsleistung sei „mit das Beste“ gewesen, „was wir hier am Böllenfalltor gesehen haben in dieser Saison.“ Der starke FCH von Trainer-Urgestein Frank Schmidt bestätigte damit nicht nur den Pokalauftritt unter der Woche gegen Bayer Leverkusen (2:1), sondern auch den Aufschwung in der zweiten Bundesliga; dort liegen sie nicht zufällig nach 21 Spieltagen alles andere als zufällig auf Rang vier.

Die Darmstädter bestätigten auch etwas: nämlich, dass sie sich Sorgen machen müssen. Nach nur einem Sieg in den vergangenen neun Spielen ist die Abstiegszone zwar immer noch sechs Punkte entfernt, aber der Trend ist durchaus alarmierend. 80 Minuten lang waren die Lilien die klar unterlegene Mannschaft, wenngleich sie nach Alexander Wurtz‘ Anschlusstreffer (84.)) sogar noch am Ausgleich schnupperten. „Wäre auch nicht verdient gewesen“, gab Schuster hinterher zu, der die Begründung mitlieferte: „Bei uns war vieles Stückwerk.“

Der Lilien-Coach gab sich dafür im Nachhinein sogar eine Mitschuld. Fünf Winterzugänge hatte er nach der 2:3-Niederlage in Duisburg am Freitag vor einer Woche in die Startelf berufen. „Das Risiko, mit fünf Neuen anzufangen, ist nicht zu hundert Prozent aufgegangen. Man hat gesehen, dass die Abstimmung mitunter gefehlt hat“, sagte der 51-jährige Fußballlehrer.

Fünf Winterzugänge sind auf Lilien-Seite zu viel

Victor Palsson und Christoph Moritz besetzten die Doppelsechs, in der Innenverteidigung kam Martin Wittek gegen seinen Ex-Klub zu seinem ersten Einsatz für die Lilien, rechts hinten verteidigte Patrick Herrmann, vorne links stürmte Sören Bertram. Aber was heißt schon stürmte, was heißt schon verteidigte. Während Heidenheim offensiv wie defensiv einen selbstbewussten Auftritt zeigte, agierten die Gastgeber in allen Bereichen beeindruckend orientierungslos. Als der starke FCH-Stürmer Robert Glatzel nach einem Gegenstoß zum 0:1 traf, war die Führung längst überfällig.

Bedient: der Darmstädter Trainer Dirk Schuster.

„Einziges Manko war in der ersten Hälfte, dass wir nur ein Tor geschossen haben“, monierte Schmidt, der ansonsten „mega happy“ war mit dem Auswärtsauftritt seiner Mannschaft. Wieselflink präsentierte sich der Angriff mit Glatzel, dem Österreicher Nikola Dovedan und Niklas Dorsch, der aus der Jugend des FC Bayern stammt. Was man auch sah.

Das Gesicht zum Darmstädter Nachmittag zeigte hinterher Kapitän Fabian Holland. Blutverschmiert und mit einem Wattenpropfen in der Nase trat der Linksverteidiger in die Mixed Zone im Keller des derzeit im Umbau befindlichen Böllenfalltorstadions, um zu erklären, was er nicht erklären konnte: Warum die Lilien mal wieder nicht ins Spiel fanden und mal wieder über weite Strecken jene Kompaktheit vermissen ließen, die Schuster-Teams in guten Zeiten auszeichnet. „Wir kriegen zu einfache Gegentore, das müssen wir schnell abstellen“, sagte der 28-Jährige: „Wir können uns nicht jedes Mal darauf verlassen, dass wir am Ende wieder zurückkommen.“ Gegen St. Pauli hatten die Lilien einen Rückstand am Ende noch in ein 2:1 verwandelte, gegen Duisburg immerhin kamen sie nach einem 0:3 noch einmal auf 2:3 heran. Wie auch gegen Heidenheim. „Selbst wenn wir das geschafft hätten, wären wir aber nicht zufrieden gewesen“, sagte Holland.

So war die Stimmung bei den Südhessen wie das Wetter: windig, nass, kalt. Der Partie beim Tabellen-16. SV Sandhausen am Freitag kommt eine wegweisende Bedeutung zu, auf die sie in Darmstadt sehr gerne verzichtet hätten.

Zum Spiel

Darmstadt 98 – 1. FC Heidenheim 1:2 (0:1)

Darmstadt: Heuer Fernandes – Patrick Herrmann, Franke, Mathias Wittek, Holland – Moritz (62. Mehlem), Palsson – Heller, Bertram (46. Jones) – Dursun, Tobias Kempe (75. Wurtz).
Heidenheim: Kevin Müller – Busch (72. Robert Strauß), Reithmeir, Beermann, Theuerkauf – Griesbeck – Andrich (67. Schnatterer), Dorsch – Thomalla – Dovedan, Glatzel (72. Schmidt).
Schiedsrichter: Michael Bacher (Amerang)
Tore: 0:1 Glatzel (34.), 0:2 Glatzel (59., Foulelfmeter), 1:2 Wurtz (84.)
Zuschauer: 10120
Gelbe Karten: Palsson (2) – Dovedan (6), Reithmeir

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