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Hat bis 2020 Vertrag, über eine Verlängerung wurde noch nicht verhandelt: Daniel Heuer Fernandes.

Darmstadt 98

„Mein Ziel ist irgendwann die Bundesliga“

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Der Darmstädter Torhüter Daniel Heuer Fernandes spricht über seine Ambitionen, den Status als Publikumsliebling des Zweitligisten und darüber, was Hähnchen mit einem verpassten Einsatz als Telefonjoker zu tun haben.

Herr Heuer Fernandes, uns ist eine ganz schöne Ungeheuerlichkeit zu Ohren gekommen. Beim Fanclubabend in der vergangenen Woche war Ihr Mitspieler Wilson Kamavuaka bei einem Quizduell gefordert, Sie waren sein Telefonjoker – und haben nicht abgenommen, als es darauf ankam. Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung hervorzubringen?
(schmunzelt) Danke, dass ich das an dieser Stelle mal klarstellen kann. Ich habe ihn auf keinen Fall extra versetzt, ich war einfach selbst bei einem anderen Fanclubtreffen und hatte das Handy in der Tasche. So wie sich das auch gehört. Aber: Ich hätte die Antwort auf die Frage gewusst.

So?
Es wurde nach dem umgangssprachlichen, portugiesischen Wort für Torwartfehler gesucht. Frango, zu deutsch Hähnchen. Das kannte ich natürlich.

Natürlich? Sonderlich viele Frangos haben Sie sich eigentlich nicht eingefangen in dieser Saison.
Nein, das zum Glück nicht. Klar, es sind ein paar Tore gefallen, die man sich als Torwart im Nachgang noch mal anschaut. Aber ein grober Patzer ist mir mit Ausnahme bei der 2:6-Niederlage in Paderborn zum Glück noch nicht passiert.

Brauchen Sie lange, um Patzer abzuhaken?
Ich schaue mir nach jedem Spiel meine Szenen an – egal ob positive oder negative. Daraus kann ich nur lernen. Aber es ist nicht so, dass ich über einen Fehler lange grübeln würde. Das wird schnell abgehakt.

Wir hätten jetzt übrigens auch eine Quizfrage für Sie: Wer ist laut dem Fachmagazin „Kicker“ der notenbeste Spieler des SV Darmstadt 98 dieser Saison?
Na, wenn Sie mich schon so fragen …

Es ist Marvin Mehlem.
Erwischt. (lacht)

Zur Wahrheit gehört aber dazu, dass Sie und Marvin Mehlem in dieser Einordnung gleichauf liegen, beide mit dem Notenschnitt von 3,1. Ihre Mannschaft hat die meisten Gegentore der zweiten Liga kassiert (45) und trotzdem ist der Torhüter mit der beste Mann. Wie passt das denn zusammen?
Die Gegentore einer Mannschaft sind ja nicht immer abhängig von der Leistung des Torwarts. Ich versuche einfach, jede Woche meine Leistung zu bringen und damit die Mannschaft zu unterstützen. Das klappt mal mehr und mal weniger. Aber insgesamt denke ich schon, dass ich ein gutes Niveau in dieser Saison habe. Und daran will ich weiter arbeiten, damit ich durch gute Leistungen der Mannschaft ein noch besseres Gefühl für unser Spiel geben kann. Das erwarten die Jungs auch von mir.

Zuletzt wurden Sie auffällig oft von den Darmstädter Fans herausgepickt und mit Sprechchören gefeiert. Was bewirkt das bei Ihnen?
Das gibt mir schon ein sehr gutes Gefühl, einfach mehr Selbstbewusstsein. Ich weiß um meine Position hier im Verein. Ich denke, dass ich schon ein wichtiger Faktor für die Mannschaft bin. Ich möchte auf dem Platz vorangehen, und wenn dann ein gutes Feedback von den Fans zurückkommt, freue ich mich natürlich darüber.

Nun hat Dimitrios Grammozis Ende Februar Dirk Schuster als Trainer in Darmstadt abgelöst. Der Spielstil des ganzen Teams hat sich seitdem verändert, es wird mehr Wert auf fußballerische Lösungen gelegt. Wie sieht das bei Ihnen als Torhüter aus? Gibt es neue Aufgaben?
Jeder Trainer hat eine andere Philosophie, das ist ja klar. Wir versuchen nun als gesamte Mannschaft, von hinten heraus mehr spielerische Lösungen zu finden, ein bisschen mutiger zu spielen. Das betrifft natürlich auch mein Torwartspiel, ich soll den Spielaufbau bei Möglichkeit flacher gestalten. Letztlich fordert der neue Trainer aber primär das Gleiche wie der alte: Dass ich die Schüsse pariere, die auf mein Tor kommen.

Grundsätzlich löst ein Ball am Fuß bei Ihnen aber keinen Angstschweiß aus?
Nein, nein. Ich mag das.

Sie waren früher als Jugendlicher ja auch mal Stürmer.
Ja, das stimmt. Ich kann mich sogar an einen Treffer von mir in der B-Jugend-Bundesliga erinnern. Da wurde ich beim VfL Bochum mal im Feld eingesetzt. Bis zur D-Jugend hatte ich damals sowieso ab und an draußen gespielt, der Fokus lag aber natürlich schon immer auf dem Torwartspiel.

Was war das damals für ein Treffer? Ein Sololauf von der Mittellinie?
Nicht ganz, das war ein klassischer Abstauber, wirklich nichts besonders. Aber: Hauptsache drin halt.

Mit Ihren Leistungen als Torwart wecken Sie Begehrlichkeiten. Schon vergangenen Sommer stand ein Wechsel in die Bundesliga zur Debatte, Bremen und Freiburg sollen interessiert gewesen sein, Sie als zweiten Torhüter zu verpflichten. Sie entschieden sich lieber für Darmstadt und begründeten das damit, als Stammtorhüter spielen zu wollen. Was passiert in diesem Sommer? Ist die Bundesliga ein Ziel?
Irgendwann ist die Bundesliga auf jeden Fall mein Ziel. Es ist ja das Normalste der Welt, so hoch wie möglich spielen zu wollen. Aber was im Sommer passiert, weiß ich nicht. Ich fühle mich wohl in Darmstadt und bin froh, dass ich hier jede Woche meine Leistung zeigen darf.

Sie haben nur noch eine weitere Saison bis 2020 in Darmstadt unterschrieben, in der Regel steht bei solchen Konstellationen ja entweder ein Vereinswechsel oder eine Vertragsverlängerung an. Haben die Darmstädter verantwortlichen schon Kontakt diesbezüglich zu Ihnen aufgenommen?
Konkrete Gespräche haben bisher noch nicht stattgefunden, Kontakt gibt es natürlich immer. Und ja, ich habe noch ein Jahr in Darmstadt einen Vertrag, das ist die Situation.

Sie kennen den neuen Trainer Grammozis bereits aus gemeinsamen Zeit in Bochum. Wie würden Sie ihn als Typen beschrieben?
Er ist immer mit 100 Prozent dabei, arbeitet sehr akribisch. Auch ist er ein offener Typ, der viel mit uns spricht und unsere Meinung wissen will. Die Arbeit macht bisher sehr viel Spaß. Aber klar, wenn Erfolgserlebnisse da sind, ist das natürlich immer leichter für eine Mannschaft.

Ist ein neuer Chefcoach für einen Torwart überhaupt so entscheidend? Sie arbeiten ja sowieso die meiste Zeit autark mit Ihre Torwarttrainern Dimo Wache und Uwe Zimmermann, oder?
Der Cheftrainer hält die Ansprachen, das ist ja logisch. Aber in der Tat, die tägliche Arbeit für uns Torhüter läuft vor allem über Dimo und Zimbo. Sie führen die in die Tiefe gehenden Gespräche unser Torwartspiel betreffend. Da machen beide einen wirklich hervorragenden Job. Mit Dimo arbeite ich ja jetzt schon relativ lange Zeit zusammen, er hat mich schon ein Stück weit geprägt. Er ist ein super Trainer, der uns mit seiner ganzen Erfahrung als ehemaliger Profi immer wieder neue Impulse für unsere Entwicklung gibt, und wenn der Zeitpunkt der richtige ist, kann er sogar rumschreien auf dem Platz. Das traut man ihm von außen vielleicht gar nicht so zu.

Wiederholen sich die Aufgaben für einen Torhüter in der täglichen Trainingsarbeit nicht ständig?
Doch, natürlich. Aber man muss auch das Alte immer wieder neu lernen, es verfestigen. Und grundsätzlich bin ich mit meinen 26 Jahren auf jeden Fall ja noch in einem Alter, in dem die Entwicklung als Torwart noch nicht zu Ende ist.

Mit Ihnen, Coach Dimitrios Grammozis und dem Co-Trainer Iraklis Metaxas haben nun schon drei Darmstädter eine längere Vorgeschichte beim VfL Bochum. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Ich glaube, das ist purer Zufall. Wobei Darmstadt und Bochum natürlich schon eine ähnliche Mentalität verkörpern. Das sind beides Klubs, die für harte, harte Arbeit stehen. Vielleicht ist es jetzt ein Vorteil, dass ich dieses Gefühl schon so früh eingeprägt bekommen habe.

Sie sind in Bochum geboren, haben nahezu die komplette Jugend dort gespielt. VfL-Fan von Kindesbeinen an also?
Nein, ein Fan bin ich nicht. Aber Bochum ist natürlich meine Heimat.

Von welcher Mannschaft sind Sie denn Anhänger?
Ich schaue mir viele Fußballspiele an, aber nein, ein richtiger Fan einer Mannschaft bin ich eigentlich nicht.

Auch als Kind nicht?
Nicht wirklich. Die Bayern waren natürlich irgendwie toll, die haben halt immer gewonnen. Ich glaube, deshalb hatte ich auch das eine oder andere Bayern-Trikot daheim. Mittlerweile liegt das aber hinter mir.

Auch Ihre Mannschaft hat zuletzt zweimal gewonnen, direkt vor der Länderspielpause mit 3:2 beim Hamburger SV, ein echter Höhepunkt, oder?
Ja, das sind die schönsten Siege, die bleiben lange in Erinnerung. Ein 0:2-Rückstand, volles Haus in Hamburg, dann unser Siegtor in der Nachspielzeit. Das sind Emotionen, geile Momente, die absolut pushen. Wir wollen dieses positive Gefühl nun in die nächsten Spiele mitnehmen.

Wie groß war der Reiz, nach dem 3:2 von Marvin Mehlem in der 93. Minute zu den jubelnden Teamkollegen auf die andere Seite des Platzes zu rennen?
Im ersten Moment war der Reiz natürlich riesig. (lacht) Ich bin aber nur bis zur Mittellinie gekommen, dann ist mir durch den Kopf geschossen, dass bei anderen Spielen nach späten Treffern vom Schiedsrichter auch gerne mal schnell wieder angepfiffen wurde. Da bin ich lieber umgedreht. Aber keine Sorge, ich musste das Siegtor nicht alleine feiern. Ich habe an der Mittellinie ein paar Jungs getroffen, die schon wieder auf dem Rückweg waren.

Durch den Treffer hat Marvin Mehlem ja gleichgezogen beim anfangs angesprochenen Notenschnitt.
Das habe ich für den Erfolg der Mannschaft gerne in Kauf genommen. (lacht)

Ist der Klassenerhalt für Ihre Mannschaft bei neun Punkten Vorsprung auf die Abstiegszone schon eingetütet?
Nein, das auf keinen Fall. Wir sind uns bewusst, dass noch schwierige Spiele anstehen. Bringen wir aber weiter solche Leistungen wie in Hamburg, bin ich guter Dinge.

Zur Person

Daniel Heuer Fernandes ist in Bochum geboren, dort aufgewachsen und wurde beim VfL fußballerisch zum Profi ausgebildet. Der Vater des Torhüters ist Portugiese, die Mutter Deutsche, Heuer Fernandes selbst besitzt beide Pässe.

Von 2012 an war Ferro, wie er von den Kollegen gerufen wird und sich auch selbst vorstellt, vier Jahre lang Teil der portugiesischen U21-Nationalmannschaft, bei der EM 2015 wurde er sogar Vizeeuropameister. Unter anderem setzten sich die Portugiesen, zu deren damaliger Nachwuchsmannschaft heutige Stars wie Bernardo Silva (Manchester City), William Carvalho (Betis Sevilla) oder die Bundesligaprofis Raphael Guerreiro (Borussia Dortmund) und Goncalo Paciencia (Eintracht Frankfurt) zählten, im Halbfinale locker mit 5:0 gegen die deutsche Auswahl durch. Heuer Fernandes selbst war allerdings nur Ersatzkeeper.

In Deutschland spielte der 26-Jährige als Profi bisher für Bochum, den VfL Osnabrück, den SC Paderborn. Für Darmstadt absolviert er aktuell seine dritte Saison und stand für die Lilien bisher in sieben Bundesliga- sowie 54 Zweitligapartien zwischen den Pfosten. FR

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