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Der Reporter und sein Experte: Florian Schneider (li.) bei der Rollstuhlbasketball-WM in Hamburg mit Niklas Pérez, Spieler aus Köln.

Serie

Bilder im Kopf

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Florian Schneider kommentiert die Fußballspiele des SV Darmstadt 98 mit viel Herzblut und noch mehr Detailverliebtheit – denn seine Zuhörer können nichts sehen.

Es dauert nicht lange, da greift Florian Schneider in eine Kiste. Warum nur darüber reden, wenn man es auch am eigenen Körper erfahren kann? Schneider kramt eine Brille hervor, deutlich größer und schwerer als handelsübliche Sehhilfen ist sie, in schwarz gehalten, die Gläser abgedunkelt. „Bitte aufziehen“, sagt Schneider, „und vertrauen“. Aus dem lichtdurchfluteten Büro mit den fast bodentiefen Fenstern und den hohen Decken wird im nächsten Augenblick ein dunkles Chaos.

Plötzlich sind die an der Rückseite des Büros abgestellten Umzugskartons kein Stauraum für Arbeitsmaterialien mehr, sondern Hindernisse. Plötzlich lädt das gemütliche, schwarze Ledersofa in der Ecke nicht zum Verweilen, sondern zum Stolpern ein. Plötzlich ist alles, was Sicherheit bringt, die Stimme von Florian Schneider. „Zwei Schritte geradeaus“, sagt er, „dann ist auf der linken Seite etwas zu ertasten.“ Den linken Fuß vorsichtig aufgesetzt, den rechten, dabei die Hände von oben langsam nach unten führend. Ah, weicher Stoff, irgendwie samtig, ein wenig abgewetzt auch, könnte eine Stuhllehne sein. Die Hände wandern tiefer, treffen auf hartes Material, plastikähnlich, die Armstützen? Ja, das ist ein Stuhl, ganz gewiss „Richtig“, sagt Schneider, „war aber auch nicht schwer, oder?“ Er lacht. „Jetzt nach rechts drehen, 90 Grad, genau so, und vier Schritte geradeaus.“ Gesagt, getan. Erst der linke Fuß eins vor, dann rechts, links, rechts. „Da steht ein Tisch, da liegt etwas drauf. Was ist das?“, fragt Schneider. Öh, ein Blatt, ziemlich klein, Din A2 etwa, mit kleinen Spitzen drauf. „Und weiter, geht’s genauer, was könnte das denn sein?“ Ähm, keine Ahnung.

Ganz nah dran

Die neue FR-Serie erzählt von Menschen, die viel bewegen – mal sich selbst, mal andere. Von Sportlern, die außergewöhnliche Leistungen vollbringen oder vom Schicksal hart getroffen wurden. Von Trainern, die die Sportler zu außergewöhnlichen machen. Von Ehrenamtlichen, die für ihre Vereine unverzichtbar sind.

Heute: Ganz nah dran an Florian Schneider, Blindenreporter.

Die dunkle Erkundungstour durch ein Büro in einem Hinterhof nahe des Mainzer Hauptbahnhofes soll verdeutlichen, mit welchen Schwierigkeiten blinde Menschen im Alltag zu kämpfen haben. Regelmäßig stülpt der 38-jährige Florian Schneider Sehenden seine blickdichten, überdimensionalen Chaosbrillen über, Kindern wie Erwachsenen, bei Festen im ganzen Rhein-Main-Gebiet, bei denen er mit seinen Kollegen von T_Ohr vertreten ist, „denn so versteht man am besten, wie sich die Welt, der Alltag für Blinde darstellt.“ T_Ohr ist ein Projekt der AWO-Passgenau. Es wurde im März 2018 gestartet und wird von der Aktion Mensch und der DFL-Stiftung gefördert. Denn längst ist ein erschwerter Gang durch Büros nicht alles, was für Blinde zum Alltag gehört. Auch Sportveranstaltungen zählen für viele dazu.

Seit sechs Jahren ist Florian Schneider Blindenreporter beim SV Darmstadt 98. Bei jedem Heimspiel des Fußball-Zweitligisten sitzt er auf der Haupttribüne des Stadions am Böllenfalltor, auf den braunen, unbequemen Schalensitzen macht er es sich gemütlich, hier fühlt er sich wohl und plaudert in sein Headset hinein. Per Funk wird der Kommentar auf Kopfhörer der blinden Fußballfans im ganzen Stadion übertragen. Manche von ihnen sitzen ebenfalls auf der Haupttribüne, andere stehen lieber im Fanblock und singen laut mit. „Oh Lilien, oh Lilien, oh Lilien, ohohoh“. Die kultige Torhymne gehört in Darmstadt einfach dazu. „Die Blindenreportage ist mein Baby“, sagt Schneider, der in der Regel zwischen vier oder fünf Zuhörer pro Spiel hat. Bei Toppartien, zu denen das erste Heimspiel dieser Saison gegen Aue in zwei Wochen nicht gehört, kann sich die Anzahl verdoppeln. Ein blinder Dauerkartenbesitzer ist sowieso immer dabei. „Man kennt sich mittlerweile“, so Schneider.

Dann schnappt er sich einen Laptop, sucht und findet einige Beispiele, die den Unterschied zwischen einem Livekommentar im Fernsehen, im Radio und für Blinde live im Stadion verdeutlichen sollen. Also dringen aus den Lautsprecherboxen des Laptops erst die ausschweifenden Erläuterungen von Béla Réthy über jedwede sich vorstellbare Taktiktrickserei von Trainern. Dann berichtet ein Radiokommentator bei einem offenbar ereignisarmen Spiel mit viel Mittelfeldgeplänkel fast zwei Minuten über die Familiengeschichte eines Profikickers, ehe Schneider schließlich die aufgezeichnete Sequenz einer Blindenreportage laufen lässt – der Reporter ist ganz nah dran am Geschehen auf dem Rasen. „Es ist wichtig, immer genau zu erklären, wo der Ball ist, ein permanentes Verorten“, sagt Schneider: „Es werden keine ewigen Hintergrundinfos genannt, es wird das beschrieben, was es zu sehen und zu hören gibt.“

Ein Beispiel: Während das Abbrennen von Pyrotechnik bei TV-Übertragungen gerne mal nicht gezeigt und auch im Radio nicht thematisiert wird, muss ein guter Blindenreporter für seinen Hörer genau das tun. Schließlich reagiert eine Zuschauermenge im Stadion sehr wohl auf leuchtende Fackeln im eigenen Block, vielleicht riecht der blinde Zuschauer den Qualm sogar selbst. Ihn dann im Dunkeln zu lassen, „das wäre richtig schlecht“.

Nicht nur bei Darmstadt 98 gehört die Blindenreportage mittlerweile zum Angebot, eigentlich alle Profiklubs der ersten und zweiten Bundesliga bieten selbiges an. Bei Eintracht Frankfurt und Mainz 05 sind die knapp 30 Plätze regelmäßig voll, auch mit dem Zweitligaaufsteiger SV Wehen Wiesbaden „sind wir im Austausch“. Neben Fußballspielen vertonen Schneider und seine Kollegen auch andere Sportarten. Sie waren bei der Handball-WM in Deutschland Anfang des Jahres, auch bei der Rollstuhlbasketball-WM in Hamburg vergangenen August, bei der Headis-WM, wo kleine Bälle auf einer Tischtennis-Platte hin und her geköpft werden, selbst eine Hundeshow machten sie schon einmal für ihre Hörer erlebbar. Ihr Motto versteckt sich im Namen: T_Ohr, das Tor hörbar machen.

Schneiders Hauptaugenmerk aber liegt natürlich auf den Darmstädter Berufskickern. Zwar wohnt er seit drei Jahren mit seiner Freundin in Mainz, vor 15 Jahren aber hatte es ihn aus dem Allgäu nach Darmstadt verschlagen. War er vorher nur einmal bei 1860 München im Stadion, packte den Hobbykicker in der Wissenschaftsstadt das Fußballfieber. „Lilien-Fan zu sein, ist einfach. Ich gehe jetzt ins zweite Jahrzehnt.“ Schneider ist ein Mensch, der sich engagiert, für Blinde, ganz klar, aber auch für viele andere. Der gelernte Hotelkaufmann ist stellvertretender Abteilungsleiter der Fan- und Förderabteilung des SV 98. Er werkelt am Stadionheft mit, am Fanradio, und was sonst noch so alles anfällt. Manchmal sind es auch einfach nur ein paar Verschönerungsarbeiten am alten, aber ehrwürdigen Bölle. „In Darmstadt ist alles sehr herzlich und unkompliziert“, sagt Schneider selbst.

Mit T_Ohr wurde er gerade erst für den deutschen Integrationspreis nominiert. Knapp 400 Projekte hatten sich beworben, 44 davon kamen in die zweite Runde, auch Florian Schneider und Kollegen. Zum Sieg reichte es zwar nicht, stolz über die Teilnahme aber war er schon. Er mache das alles aus Leidenschaft, immer mit Herzblut, „weil es mir viel, viel Spaß“.

Übrigens: Das kleine Blatt mit den Spitzen, es war ein Zettelchen mit bereits entrissenen Briefmarken. „Hätte man drauf kommen können, oder?“, fragt Florian Schneider und lacht. Ähm, vielleicht.

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